Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Article
- Mit unseren Augen
- Date
- 1914-07-03
- Page
- 684 (sequence 2)
- Language
- German
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684 Nr. 27 DIE^ELT Hat er sich je öffentlich zu uns bekannt? Durchaus nicht! Und wie steht es mit seinen Schriften? Schnitzler hat nie, wie Wassermann, Juden zu Trägern seiner Dichtungen gemacht. Schnitzler hat nie, wie Wassermann, sich in der Form des Essay über Fragen geäußert, die uns angehen. Es steht mit seinem „Weg ins Freie" genau wie mit dem „Professor Bemhardi". Auch was sich hier an Worten und Personen unseres Interesses findet, ist nur Beiwerk. Hauptsache bleibt die Liebesgeschichte zwischen Anna und Georg. Auch die stünde unverändert, wenn ein Autor anderen Milieus als Beiwerk, als Rahmen, der dem Ganzen Leben gibt, Personen einer anderen Interessensphäre genommen hätte. Es ist genau wie mit dem Professor Bernhardt. Wie also, zum Teufel, kommen wir auf Schnitzler? Weil wir trotz alledem fühlen^ daß hier einer der unseren spricht. Schnitzler ist der Dichter einer ganz bestimmten Kategorie von Großstadtmenschen: feiner, nervöser und meist dekadenter Gestalten. Mit Wehmut und Ironie und viel Grazie ist alles gestaltet. Wenn bei einem; — so fühlen, wir beim Schnitzler das jüdische Blut. Wehmut und Ironie — nichts charakterisiert uns mehr. Und ein großer Könner handhabt beides meisterhaft. Hinter allem, was er schreibt, steht ein nachdenklicher Mensch. Man denke etwa an Anatol. Was ist der seinen Taten nach? Ein Bummlerchen, ein reiches Genießerchen, das sich mit Weibern umgibt. Und was hat Schnitzler aus ihm gemacht? Einen bei allem Triebhaften stark reflektiven Menschen, bei dem alles Sinnliche vergeistigt ist, und der noch das Banalste mit einem Glanz umgibt: durch Wehmut und Ironie. Das ist Schnitzler. Und das ist unser Blut. Deshalb lieben wir diesen Dichter, weil wir fühlen, daß er einer der unsern ist. Unsere Art ist nicht Naivität und Geradlinigkeit, sondern Reflektion und Kompliziertheit. Beides spricht aus Schnitzler. So entsteht unsere Liebe zu ihm. (Zu alledem muß man natürlich hinzufügen, daß Schnitzler in Wien lebt. Genau wie es eine Borniertheit ist, in ihm nur den Oesterreicher zu sehen, ist es natürlich auch eine unglaubliche Parteiborniertheit, immer nur und nur den Juden Schnitzler zu betonen. Was nun das Stärkere an ihm ist, ob die ironische und wehmütige Nachdenklichkeit des Juden, ob die feine und spielerische Grazie des Wienertums, zu dem ein Hauch von schlampiger Laxheit sich gesellt — was das Stärkere ist, darüber mögen Literaten im Cafehaus diskutieren.) III. Dieser Artur Schnitzler also — wie wir ihn sehen — ging daran, die Komödie des unpolitischen Menschen zu schreiben. Und er verlegte sie in ein Milieu, das ihm geläufig ist, wie er es schon seiner Zeit beim „Weg ins Freie" getan hat. Und nun beginnt das Merkwürdige, das unsern ersten Eindruck rechtfertigt, öbschon er an sich falsch war. Das Milieu nämlich überwuchert hier und da die Idee; der Kern kommt nicht in seiner ganzen Reinheit zum Ausdruck, weil das Beiwerk häufig zum Wesentlichen zu werden scheint und wird. Am fulminantesten kommt das zum Ausdruck im Gespräch zwischen Bernhardt und dem Pfarrer im dritten Akt. Der Pfarrer kommt zu Bernhardt, ihm zu gestehen, daß Bernhardi seiner Ansicht nach im Rahmen seines Pflichtenkreises absolut korrekt gehandelt habe, als er ihn nicht zu der Kranken ließ. Und noch dreht sich das Gespräch zunächst um das, was wir als Kern des Stückes bezeichnet hatten. Bernhard! kann nicht verstehen, daß der Pfarrer das nicht auch vor Gericht geäußert hat. Mit Recht verweist der Pfarrer seinerseits auf den Eindruck, den das außerhalb des Gerichtssaales gemacht hätte. Er hat den Einzelfall der Sache untergeordnet. Wieder steht Bernhard! mit dem menschlichen Empfinden, das aus der Sekunde kommt, dem Politiker und Taktiker gegenüber. Und wieder mal hat der Politiker tausendmal gegen ihn Recht. Plötzlich aber nimmt das Gespräch eine unerwartete Wendung. Zwischen Pfarrer und Arzt tut sich eine Kluft auf, die nicht nur aus den verschiedenen Anschauungen der Berufe kommt, sondern aus dem Blut. Man fühlt: allerhand Atavistisches steigt herauf. Nicht der berühmte Professor und ein Seelsorger stehen sich gegenüber, sondern plötzlich steht ein Sohn jener Kirche, die die Juden verfolgt und ausgesogen hat, gegen einen vom Stamme Israels mit dem alten unauslöschlichen Haß im Herzen. Nur Sekunden dauert diese Situation. Aber da ist sie; und geschrieben ist sie mit einer Kraft und Eindringlichkeit, die nicht nur wir Beschauer hineinlegen, sondern die in ihrer Wucht aus einem starken Gefühl des Autors kommen muß. In Wahrheit jedoch trägt diese Szene zur Verwirrung bei. Also: haben wir doch die leitende Idee nicht richtig erkannt? Also sollten hier doch Rassengegensätze beleuchtet werden? Das ist nach der ganzen Anlage und dem ganzen Aufbau des Stückes — wie wir zu zeigen geglaubt haben — ausgeschlossen. Hier ist vielmehr so ein typischer Fall, wo das Milieu zur Idee wird, so daß beides nicht mehr auseinanderzuhalten ist. Und dies sehr zum Schaden der künstlerischen Geschlossenheit des Ganzen. Ich weiß schon: es ist im Leben durchaus so, daß mehrere Motive unser Handeln bestimmen und nicht eins. Ich weiß schon: es ist recht glaubhaft, daß Bemhardi, als er dem Pfarrer die Tür wies, nicht nur als Arzt und unpolitischer Mensch handelte, sondern daß gleichzeitig auch so ein Stück alten Judenhasses zum Durchbruch kam. Ich weiß schon. Aber im Drama ist das unzulässig. Das Drama gibt einen Lebensausschnitt und hat deshalb auszuscheiden. Es ist wie mit dem Naturalismus auf der Bühne. Der orthodoxeste Naturalist kann nicht alles so bringen, wie es im Leben ist. Für seinen kleinen Ausschnitt, den er bringt, muß er wählen, ausscheiden und sichten, dann ordnen und zweckentsprechend gruppieren. Das zu können — ist die Fähigkeit des Künstlers. Und Schnitzler hat sie sonst. Er versagt im Moment, wo er die Dinge in jüdisches Milieu verlegt. Das hat sich am „Weg ins Freie" gezeigt. Diesem Roman fehlt die künstlerische Geschlossenheit; er zerfällt in zwei voneinander unabhängige Teile. Und sicherlich aus demselben Grunde wie im Bemhardi. Schnitzler hat Beiwerk geben wollen. Aber unter der Hand ist es ihm mehr geworden. Aphoristisch und nebenbei hat er die jüdischen Fragen unserer Tage gleichsam dekorativ behandeln wollen. Aber der Jude Schnitzler hat mehr daraus machen müssen. Hier liegt der Schlüssel zum Bemhardi: Schnitzler hat geglaubt, nebenbei erledigen zu können, was für uns Lebensfrage und was auch ihm nicht nebensächlich ist. Er hat es mit dem künstlerischen. Mißlingen eines Werkes auch diesmal bezahlen müssen. Probleme spielen durcheinander und ganz rein ist keines durchgeführt. Schnitzler glaubt, auf Stellungnahme in unserer Frage verzichten zu können. Denn der Künstler soll nicht Partei ergreifen, sondern sehen. Er soll beobachten und das Beobachtete gestalten. Er soll nicht mittendrin stehen, sondern darüber. Aber auch der Künstler ist ein Mensch von Fleisch und Blut. Bei unseren Fragen versagt Schnitzlers Objektivität. Er will auch hier der leidenschaftslose Künstler bleiben, der gestaltet und zeigt, was ist. Er hat es mit jüdischen Menschen jetzt zweimal versucht, und es ist ihm zweimal mißlungen. Er bekenne sich zu uns oder zur Gegenpartei. Dann wird es ihm gelingen. Denn dann wird er aufhören, diese Dinge nebenbei zu behandeln, die nur nebenbei behandeln kann, wen die Dinge kühl lassen.