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Die Welt · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · p. 685

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Article
Mit unseren Augen
Date
1914-07-03
Page
685 (sequence 3)
Language
German
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Nr 27 dies§kelt IV. Er bekenne sich zu uns . . . Oie Hoffnung ist gering. Wer in den Fünfzigern steht und noch nicht Partei ergriffen hat, wird es auch künftig nicht tun. Schnitzler ist nicht der Mann, Partei zu ergreifen. Und sollen wir es überhaupt wünschen? Das hieße auch, Verzicht leisten wollen auf all das, was wir heute an ihm lieben. Man kennt den Brief, den Schnitzler vier Jahre vor Erscheinen des Judenstaats an Theodor Herzl schrieb. Daraus spricht der Stolz, einem Manne gleichgekommen zu sein, den er voll Ehrgeiz und Verehrung immer „zwanzig Schritte voraus" gesehen hatte. Herzl war ihm nun nicht mehr voraus. Ehe aber Schnitzler ihn ganz überholen konnte, hatte Herzl einen absolut getrennten Weg eingeschlagen. Und es wäre interessant, zu wissen, wie er von diesem Wege aus zum heutigen Schnitzler sich gestellt, wie er den Fünfzigjährigen beglückwünscht haben würde. Glaubt Ihr nicht, daß er folgendes hätte schreiben können: „Beiseite leben. Still sein. Sich nicht vermessen, um sich nicht zu verlieren . . . Eine Gesinnung, die sich seit ein paar Jahren bei Schnitzler immer wieder meldet . . . eine Gesinnung, die allmählich unerträglich pensioniert wirkt . . . Wir wollen doch erst einmal sehen, wer stärker ist: wir mit unserer freudigen Sehnsucht nach der neuen Form einer starken durchaus wahrhaften leuchtenden Existenz in innerer Freiheit oder dieses hinfälligen alten Lebens trister Widerstand. In Gedanken, still beiseite, sozusagen auf dem andern Ufer sein und höchstens manchmal lächelnd herüberschauen, froh, daß man sich noch zur rechten Zeit geflüchtet und davor gesichert hat, das scheint oft der müde Wunsch von Schnitzlers Menschen. Aber solche Gedanken, die nur still, mit gesunkenen Händen, beiseite sitzen können, sind mir nichts und mich verlangt nach kühneren, die die Kraft hätten, die Fäuste zu ballen und ins Leben zu strecken . . . Ich glaube nicht mehr, daß Entsagung Reife ist. Ich glaube, sie ist nur innere Schwäche. Furcht von Menschen, die sich bewahren wollen, weil sie noch nicht wissen, daß dies der Sinn des Lebens ist: sich zu zerstören, damit Höheres lebendig werde. Ich glaube 685 nur noch an die große Kraft ungestüm verlangender Leidenschaft . . ." Diese Worte stehen in den Glückwunschzeilen, die Hermann Bahr an Schnitzler gerichtet hat. Wir hätten es nicht anders sagen können. Unsere Liebe zwar zu Schnitzler wird bleiben. Denn er spricht doch aus unserer Wesensart heraus, wie vielleicht keiner sonst unter den jüdischen Dichtern deutscher Zunge. Aber — und hier errichten wir Nationaljuden jetzt die große Scheidewand — von einem anderen Teil unseres Wesens ist er absolut getrennt. Was an Kraft in uns ist; was an gesundem Willen zum Auferstehen; was an neuer und glühender Sehnsucht — das wird ein Schnitzler nie zum Ausdruck bringen. Gewiß: sie wird uns bleiben, die wehmütige Ironie und die ironische Nachdenklichkeit. Aber wir werden uns nicht mehr darin verlieren. Denn stärker als sie wirkt neues Hoffen und neues Wollen, dessen Sänger nie Schnitzler heißen wird. Nehmt alles nur in allem: dieser Schnitzler ist doch nicht unser Mann. Uns hat Herzl von ihm hinweggeführt. Uns durchdringt eine Idee und wir tragen sie hinaus. Da heißt es nicht: sich bewahren und still am andern Ufer sein. Sondern loslegen und rüdig sein. Selbst auf die Gefahr hin, mal ungerecht zu werden: diesem Parkettjudentum mit seinem Anstand und seinem Getue und seiner Gedankenlosigkeit die Zähne zu zeigen — bleibt Ehrenpflicht. Hinauszutreten in drangvollster Aktivität für die als Recht erkannte Sache. Nicht sich bewahren, sondern loslegen. Fanatiker sein und Draufgänger; aber einer, dessen Fanatismus kein bornierter ist, sondern ein sehr hellsichtiger, sehr zielbewußter und sehr fröhlicher. So etwa sieht man auf Schnitzlers „Professor Bernhardi" mit unseren Augen. Und voll innigster Dankbarkeit geht dabei unser Gedenken zu Theodor Herzl, der als erster uns solchermaßen sehen lehrte; der als erster in uns die Erkenntnis lebenskräftig erstehen ließ, „daß dies der Sinn des Lebens ist, sich zu zerstören, damit Höheres lebendig werde." Herzl als Erzähler Von Dr. Marek Scherlag In diesen sommerlich sonnigen Tagen geschieht es zuweilen, daß ein dunkler Schleier über den Himmelsglanz schattet, wie von einem unmerklichen Windhauch hergeweht. Da ists, als drückte etwas die Bäume und die Büsche nieder. Und weiße und rosige Blüten gleiten lautlos herab. Sie fallen in den sanften Sommertraum, wie in ein Grab. Unendliche Wehmut beschleicht dann die Seele. Solche Tage sahen Theodor Herzl mit dem unerbittlichen Tode ringen, still und demütig. Tage der Trauer sind es und des tiefen Gedenkens. Still und demütig versenken wir uns jetzt in das Mysterium Herzl. Wie war er, fragen wir uns, und wie wünschte er, daß wir werden sollen? Noch ist leider eine erschöpfende Biographie Herzls nicht geschrieben worden. Darum scheint es nicht überflüssig, daß wir vorderhand einzelne Züge zu seinem Bilde Zusammentragen. So will ich versuchen, über sein Wesen als Erzähler einigen Aufschluß zu finden. Herzl hatte immer etwas zu sagen, auch wenn er bloß eine Anekdote, einen Scherz oder eine Groteske zutni Besten gab. Daher sind die meisten seiner Geschichten und Erzählungen gehaltvoll und geistreich! Und sie sind, mit wenigen Ausnahmen, mehr als Feuilletons. Ja, einige muten uns wie kunstvolle, köstliche Novellen an, um nur „Solon in Lydien" und „Sarah Holzmann" zu erwähnen. Aus allen blicken uns seine großen, ernsten, tiefen, rätselvoll bannenden, unvergeßlichen Augen an. Auch wenn er scherzte, waren sie tief und ernst — wie seine Seele. Sie konnten an der Schale der Dinge und der Menschen, an dem rein äußerlichen Glanz und Gut nicht Genüge finden. Tiefer mußten sie dringen, bis auf den Grund der Menschen. So fand Herzl den Weg zu den andern, zu den Brüdern, zu seinem Volke. Eine innere Notwendigkeit trieb ihn dazu. Weil ihn der Egoismus nicht befriedigte, wurde er Altruist im höheren Sinne des Wortes. Sein Altruismus war nicht etwa Ausfluß der Schwäche, sondern der Stärke. Verfügte doch Herzl über einen so unermeßlichen Schatz an Schönheit, Energie, Stolz und Hoffnung, daß er seinen Ueberfluß mit den andern teilen mußte. Und so kam es, daß er dann nur für seine Brüder lebte . . . Einen ähnlichen Altruisten zeichnete er in seiner Geschichte' „Die Güter des Lebens". Hier kommen vier

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