Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Article
- Mit unseren Augen
- Date
- 1914-07-03
- Page
- 683 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 27 683 MIT UNSEREN AUGEN (Zum „Professor Bernhardi") Von Gustav Krojanker Mit den peinlichsten Empfindungen sitzt der Zionist vor Judenstücken, wie sie heut in jeder Saison jede Großstadtbühne nicht ohne Gewinn herausbringt. Was ärgert uns? Weniger der Autor als das Publikum. Eine Wut packt uns bei diesem dicken Behagen, das das Parkettjudentum hier empfindet, wo ihm Gedanken dramatisiert werden, die es selbst zwar nicht gerade gedacht, aber vom Großvater in treuem Konservativismus überkommen hat. Auch nicht gemildert wird der Aerger, wenn wir merken, wie vor Ritualien eine Stimmung lieben Erinnems oder vor betonter Jüdischkeit freudiger Beifall durch die Reihen geht. Deshalb nicht, weil wir wissen, daß aus solcher Stimmung doch nicht Nachdenken und Wollen hervorgeht; sondern daß man sich nur für etliche Minuten in Sentimentalitäten gefällt. Weniger schon ärgert uns der Autor. Durchschnittsbegabungen gestalten hier mit mehr oder weniger Geschick die Gedanken ihrer Zeitgenossen. Von ihnen mehr zu verlangen, wäre unklug. Denn was uns vorschwebt, ist so groß, daß wir heute kaum einen nennen könnten, dessen künstlerische Fähigkeit unseren Anforderungen neuen Sehens und entsprechenden Gestaltens äquivalent Wir haben immer wieder auf Schnitzler gehofft, weil wir uns ihm verbunden fühlen wie keinem sonst unter den jüdischen Dichtern deutscher Zunge. Anders gestimmt und mit anderen Erwartungen als sonst saßen wir vor seinem „Professor Bernhardi". Und da war es uns zuerst wie eine große Enttäuschung. Dann aber kam uns mit aller Deutlichkeit zum Bewußtsein, daß nicht auf seiner Seite der Fehler lag, sondern auf der unseren, weil wir Falsches von ihm erwartet hatten. Denn naturnotwendig besteht trotz aller Verbundenheit eine Grenze zwischen ihm und uns. Deren Linie mit aller Klarheit zu ziehen, wird uns allmählich eine unerläßliche Aufgabe. (Es wird sich ergeben, daß auch dies ein Gedenkblatt für Theodor Herzl ist.) Professor Bernhardi . . . Man kommt nicht gleich zur Klarheit über dies Stück; die Eindrücke wechseln. Der allererste und naivste Eindruck ist der, daß hier ein Judenstück vorliegt; will sagen: ein Stück, daß unser Problem behandelt. Weil die Hetze gegen den Bernhardi eine antisemitische ist; weil von Zionismus und Nationaljudentum darin geredet wird; weil der Pfarrer und Bernhardi zwischen sich eine Kluft konstatieren, die aus dem Blut kommt und deshalb unüberbrückbar ist; kurz weil über jüdische Dinge viel Lärm geschlagen wird — glauben wir, es sei ein Stück, das unser Problem behandelt. Das ist der erste Eindruck. Dieser Eindruck ist falsch. Es handelt sich nämlich gar nicht um den Juden Bernhardi', sondern um den Menschen Bernhardi, der ein unpolitischer ist. Es handelt sich um die Komödie des unpolitischen Menschen; hier liegt der Kernpunkt. Bernhardi handelt in einem bestimmten Moment unbeirrt von irgendwelcher politischen Rücksichtnahme lediglich als ein Mensch von reinem und warmem Empfinden. Es war ihm nicht um eine Sache zu tun, sondern um einen Einzelfall. Er übersah, daß der Einzelfall naturnotwendig zu einer Sache aufgebauscht werden müsse. Zu dem ersten Fehler gesellt sich der zweite: er steht für seine Tat ein, als handle es sich bei ihm um ein Prinzip, das durchgefochten werden müsse. Gewiß: er geht zunächst nicht ganz freiwillig in diesen Kampf, er läßt sich hineinjagen. Aber schließlich nimmt er ihn doch auf sich. Und deshalb ist dieser Kampf nicht frei von Komik,, weil er von dem Mann, um den sich alles dreht, für nichts und wider nichts geführt wird. Seine Interessen liegen in einer ganz anderen Richtung: auf wissenschaftlichem Gebiet. Und um seine spontane Handlung, die er nicht getan hätte, wäre er zufällig bei anderer Stimmung gewesen; die unterblieben wäre, hätte er nicht durch einen Zufall den Pfarrer getroffen — um diese Handlung geraten Oesterreichs Parteien aneinander. Um dieser Handlung willen werden Parlament und Presse, Minister und Parteiführer in Bewegung gesetzt. Und inmitten dieses ganzen Gewirres steht ahnungslos und getrieben der Spiritus rector; nur mit dem einen Gedanken, bloß möglichst schnell aus all dem herauszukommen und gleichzeitig ein von Parteien umjubeiter und umschrieener Held. Hier liegt der Kern- Deshalb ist das Stück eine Komödie. Am komischsten aber ist Bernhardi; der Märtyrer um nichts. Nicht etwa der Minister Flint. Die Flint und die Winkler haben tausendmal gegen Bernhardi recht: „Was Dir fehlt, Bernhardi, das ist der Blick fürs Wesentliche, ohne den alle Ueberzeugungstreue doch nur Rechthaberei bleibt. Denn es kommt nicht aufs Rechthaben an im einzelnen, sondern aufs Wirken im großen. Und solche Möglichkeit des Wirkens hinzugeben für das etwas ärmliche Bewußtsein, in irgendeinem gleichgültigen Fall das Rechte getan zu haben, erscheint mir . . . klein." Gewiß: Flint, der diese Worte spricht, ist selbst nur ein Schwadroneur, der nach einem Mäntelchen sucht. Aber recht hat er. Und den Kern der ganzen Komödie gibt der Hof rat Winkler zum Schluß in ein paar Worten: „Wenn man immerfort das Richtige täte, oder vielmehr, wenn man nur einmal in der Früh, so ohne sichs weiter zu überlegen, anfing, das Richtige zu tun und so in einem fort den ganzen Tag lang das Richtige, so säße man sicher noch vorm Nachtmahl im Kriminal." So hätten wir es also nur mit einer sehr unterhaltsamen und gescheiten Komödie zu tun, die uns Zionisten im Grunde doch nichts weiter anginge? Dann wäre also dies ganze Gerede von jüdischen Dingen, das uns beim ersten Blick das Wesentliche der Sache zu sein schien, nichts weiter als der Rahmen, in dem sich diese Komödie des Unpolitischen abspielt? Dann hätte also ein Autor, der aus anderem Milieu kommt als Schnitzler, das Ganze getrost in einen anderen Rahmen verlegen können — ein Vorwand wäre ja schnell gefunden —, der Kern dieser Komödie aber bliebe unberührt? Was uns so wesentlich schien, was unser Interesse als Zionisten entfachte — es wäre also nur Beiwerk und Gerank? Zweifellos! Da wir uns mit Appetit auf ein Gericht stürzen wollen, überläßt man uns die Garnierung. Schade! II. Nun, der Fall scheint mir doch noch nicht ganz erledigt. Wenn auch unser allererster Eindruck falsch war, ganz getäuscht hat er uns nicht. Was hat es denn überhaupt für eine Bewandnis mit diesem Schnitzler? Was geht der Mann uns an? In unseren Reihen wird keines Dichters Name so oft genannt wie der seine. Wir zählen ihn förmlich zu den unseren. Mit welchem Recht?