Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Article
- Das zionistische Problem bei Micha Josef Berdyczewski
- Date
- 1914-07-03
- Page
- 681 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 27 681 es wieder schöpferisch werden und seinen Schaffenden ein Volk sein soll. Wenn Berdyczewski in solcher Weise gegen die Geistigkeit als Grundlage unseres nationalen Daseins kämpft, so muß er sich um so mehr dagegen wenden, daß zionistische Denker versuchen, in einer neuen Geistigkeit eine neue Basis unseres Volksseins zu finden. Besonders ist es Achad Haain, der immer wieder den Versuch macht, eine jüdische Weltanschauung zu konstruieren, nicht als Forderung, sondern als Beschreibung dessen, was jüdisch ist und was nicht. Es kann auf Berdyczewskis Auseinandersetzung mit ihm hier nicht eingegangen werden — es ist selbstverständlich, daßi Berdyczewski insbesondere Achad Haams Verachtung der körperlichen Kraft, seine evolutionistische Weltanschauung, seine Moral der mittleren Linie bekämpft — nur das soll in diesem Zusammenhänge hervorgehoben werden, daß Berdyczewski konsequenter als Achad Haam, die nationale, von jeder Weltanschauung unabhängige Grundlage des Zionismus betont. Berdyczewski liebt es, gegenüber Achad Haams inhaltlich bestimmten Judentum auf die Widersprüche der Weltanschauungen hinzuweisen, die alle innerhalb unserer Geschichte verwirklicht waren, um zum Resultate zu kommen : Wir sind Juden durch nichts anderes als dadurch, daß wir Menschen des jüdischen Volkes sind, und unser Menschentum ist unser Judentum.5 *) II. Dies ist aber eben die Krisis des heutigen Judentums, durch die unsere Zeit bestimmt ist, eine Wende in unserem Schicksale herbeizuführen — zum Tode oder zu einem neuen, völlig verjüngten Leben: daß unser Menschentum und unser Judentum auseinanderfallen. Im Ghetto gab es diese Spaltung nicht. Dort hatte sich das Menschentum des Juden selbst so beschränkt, daß es in der Enge leben konnte. Heute aber leben wir als Menschen nicht mehr im Ghetto; das Judentum aber hat noch nicht Raum für ganze Menschen. Es ist noch Ghetto Judentum. Die Arbeit, die wir als einzelne Menschen tun, geht nicht in das Bewußtsein des Volkes über. Wir haben, seit wir das Ghetto verließen, eine stattliche Zahl großer Männer hervorgebracht, aber ihre Arbeit kam nicht unserer Kultur zugute. Die jüdische Kultur hat aufgehört, die Summe der Produktivität der einzelnen Juden zu sein. Es geht aber nicht an, leichthin über „Assimilation" zu klagen und diejenigen zu beschuldigen, die unsere Pflanzungen verlassen, um fremde Weingärten zu hüten. Warum gibt es gerade bei uns in solchem Maße eine Assimilation? Aschad Haam hat Antokolski vorgeworfen, daß er die Stoffe zu seinen Plastiken der russischen Geschichte entnommen hat. Aber wären Juden bereit gewesen, Antokolskis Kunst, wenn sie jüdische Stoffe behandelt hätte, gebührend zu würdigen? Ist es denn ein Zufall, daß Philo und die Alexandriner, Spinoza, Heine, Maimon dadurch das geworden sind, was sie der Welt sind, daß sie nicht im Rahmen unserer Kultur verblieben? Und umgekehrt: wie gering ist bei all der geistigen Potenz, die wir besitzen, das Resultat der geistigen Arbeit, die innerhalb des Judentums im Galuth geleistet wurde!'1) Gewiß, das Galuth ist schuld. Aber nicht das territoriale — das nur eine Wirkung derselben Ursache ist — sondern das geistige: die Selbstbeschränkung des jüdischen geistigen Lebens auf eine weltfremde, blutleere Geistigkeit. „Wir schielen immer nach der Kultur eines anderen Volkes, weil wir keine eigene profane besitzen. Diese Entzweigung mit sich selbst und das Hinauswollen über sich selbst wird auch im eigenen Lande statthaben, solange die geistige Basis des jüdischen Volkes nicht eine ganz andere geworden ist und eine völlige Umwertung in allem stattgefunden hat; es muß an die Schaffung einer eigenen weltlichen Kultur gedacht werden.7 8 9) Und das ist das große Problem, das dem Judentum heute gestellt ist: Jabne soll wieder durch Jerusalem ersetzt werden, an die Stelle des Judentums sollen die Juden treten, für die Herrschaft der Vergangenheit die Forderungen der Gegenwart und Zukunft. Berdyczewski zitiert die gleichgestimmte Eröffnungsrede Herzls auf dem dritten Kongreß?) Der Zionismus ist — wenn er sich versteht — berufen, die Basis für diese historische Wendung unseres Lebens abzugeben. Er soll den natürlichen Boden schaffen, auf welchem eine allumfassende Volkskultur gedeihen kann: das eigene Land und die eigene Sprache. III. Ueber die Zukunft der hebräischen Literatur hat Berdyczewski einige sehr bedeutsame Betrachtungen angestellt, die ihn in Gegensatz zu Achad Haam brachten und die wiederum derselben Grundanschauung entsprangen: Judentum und Menschentum muß eins werden. Achad Haam hatte — aus praktischen Gründen — für seine Monatsschrift Haschiloach bloß jüdische Gegenstände reserviert und den Lesern empfohlen, sich über Fragen des allgemeinen Lebens aus den russischen Journalen Aufklärung zu holen. Gegen diese Zweiheit wendete sich Berdyczewski. Die hebräische Literatur muß — so klein sie ist — zur Einheit des jüdischen Menschen streben. Heiliges und Werktag dürfen nicht auseinandergerissen werden. Eine Literatur, die das Judentum zu etwas vom übrigen Judentum Abgesondertem macht, führt ihre Leser zu einem abstrakten, unwirklichen Judentum, wie es im Westen der Fall war?) «) IV. 77 f. V. 38. 7) Berdyczewski in dem Sammelbuch „Stimme der Wahrheit", S. 284. 8) IV. 54. 9) III. 19—21, 28. Bezalel Jerusalem. Thorakrone aus getriebenem Silber (Verzierungen aus Silberfiligran und Elfenbein) 5) II. 22, 74 f., 77, 90.