Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Article
- Das zionistische Problem bei Micha Josef Berdyczewski
- Date
- 1914-07-03
- Page
- 682 (sequence 4)
- Language
- German
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682 Nr. 27 DIE3§< Darum muß die hebräische Literatur Ausdruck unserer ganzen Seele sein. Berdyczewski liebt sie auch mit ganzer Seele und sieht in ihr den letzten Rest der Hoffnung, der uns geblieben ist. Sie muß aber unseres Volkes Mund und Auge sein, sie muß jene Umwertung zur Erscheinung bringen, von der wir sprachen. Wenn aber dies geschehen soll, wenn die hebräische Literatur reich genug sein soll, daß man in ihr leben könne, dann müssen freilich die Zionisten, denen es Ernst ist, sich ihrer Pflicht ganz anders bewußt werden. Es genügt nicht, sich einen abstrakten Nationalismus zurecht zu machen, der keinen Boden unter den Füßen hat; die hebräische Sprache theoretisch lieben und faktisch in der Kultur einer anderen Sprache leben.10) Berdyczewski' kann sich — mit Recht — nicht genug über jene zionistischen Schriftsteller wundern, „die nach Basel gehen, ihr Volk lebendig zu machen und nachhause zurückgekehrt fremde Weingärten beackern". (IV. 77, 82.) Diese Worte sind 1899 geschrieben. In fünfzehn Jahren hat sich seither hierin nichts geändert. Die hebräische Literatur ist arm geblieben, wie sie es war, und keiner der vielen begabten Schriftsteller, die wir haben, ist zu ihr übergegangen. Hier ist ein sehr ernstes Problem. Wir haben die hebräische Literatur so sehr vernachlässigt, daß sie nicht einmal mit der kleinen jiddischen konkurrieren kann. So kann es uns nach allen Kämpfen, die wir um das Hebräische nach außen führen, geschehen, daß die hebräisch erzogene Jugend nicht bei der hebräischen Kultur bleibt, weil sie ihr nicht genug geistige Nahrung geben kann. Wir bauen allzuviel auf die Anhänglichkeit unseres Volkes an das Hebräische und begehen da einen verhängnisvollen Fehler: wir verwechseln unser Hebräisch mit dem des Ghetto. Erst kürzlich hat an dieser Stelle Glücksohn gegen das Jiddische eingewendet, daß es ohne Kampf preisgegeben wird, während man für die hebräische Erziehung alle Opfer bringt. Aber täuschen wir uns nicht! Das Schicksal, das hier dem Jiddischen bereitet wird, hat seinen Ursprung in jener Ghettogeistigkeit unseres Volkes, infolge deren es für die „profanen" Güter der Nation, Land und Sprache, kein Verständnis hat. Im Hebräischen aber liebt es den Ausdruck eben jener Geistigkeit, nicht aber die gesprochene Volkssprache. Wir haben nur allizusehr zu befürchten, daß das gesprochene Hebräisch ebenso leicht und kampflos aufgegeben werden wird wie das Jiddisch, wenn nicht in der Volksseele eine vollständige Wandlung sich vollziehen wird. IV. Mehr noch als die Sprache muß das Land Bürge dieser Umwertung sein. Berdyczewski läßt sich auch in seinen Betrachtungen über unser Landproblem von seinem Grundgedanken leiten: gegen die Trennung von Mensch und Jude, von Individuum und Gemeinschaft. Als Ich, mit unsern persönlichen, ja egoistischen Interessen müssen wir der Gemeinschaft dienen können; nicht so wird eine Gemeinschaft geschaffen, daß einer sich ihr für wenige Augenblicke der Erhebung widmet, wenn sein übriges Leben dem der Gemeinschaft fremd ist. Ein Volk baut sich aus Einzelnen auf, und der Einzelne arbeitet am besten für das Volk, wenn er im Rahmen des Volkes für sich und die Bedürfnisse seines Hauses sorgt. Berdyczewski hat unter diesem Gesichtspunkt am politischen Zionismus scharfe Kritik geübt. Man kann ein Land nicht von außen her, durch Geldsammlungen, Propaganda und Diplomatie erobern. „Was kann denn geschaffen werden, woran nicht der volle Einsatz des eigenen Lebens gestellt wird? Wie kann man Länder erobern, sie bebauen und zur Basis einer historischen Existenz machen, wo man mit seinem Leben davon abgeschnitten ist? Propaganda, das Anschwellen einer Partei- und das Lautwerden ihrer Wünsche sind nur dann von Bedeutung, wenn sie sich an Ort und Stelle in Macht umsetzen können."11) Die zionistische Zukunft kann nur aus der Gegenwart herauswachsen, das kann aber nur in Palästina geschehen. Während überall sonst der Zionismus im Widerspruch zum Leben steht und daher ein fortwährendes Opferbringen ist und „sich nicht vom Blute nährt, das in den Adern rinnt, sondern von dem, was abgezapft wird", steht in Palästina die tägliche Arbeit des Einzelnen, die er für sich tut und die deshalb am besten gedeiht, zugleich im Dienste des Volkes. Mag deshalb auch die Kolonisation im kleinen beginnen, dort summiert sich die Arbeit des Einzelnen zum Volksbesitze. Dort geben viele Bäche einen Strom.12) V. Wir haben gesehen, wie Berdyczewski an die Stelle der jüdischen Weltanschauung das jüdische Leben, Land und Sprache setzt. Aber nichts wäre verfehlter als hieraus zu schließen, daß er, der das Judentum verweltlichen will, deshalb keine Beziehung zur geistigen Bedeutung des Judentums hätte. Er wehrt sich gegen eine wirklichkeitsfremde Geistigkeit, aber auch er hofft — das liest man zwischen den Zeilen, wenn auch oft der Zweifel und die Verzweiflung an dieser Hoffnung zehren — daß das irdisch gewordene Judentum wiederum ein Ideal über sich aufrichten wird, ein wirkliches Reich Gottes auf dieser, der wirklichen Erde. Das Galuth ist seinem Wesen nach etwas Halbes und Zwiespältiges, sein Himmel berührt sich nicht mit der Erde und notwendig muß der Galuthjude zugleich der Stiftshütte und dem goldenen Kalb dienen. Und wie immer das „irdische" Judentum werden wird, wenn es uns nur wirklich gelingt, das Galuth zu überwinden, so wird dies bedeuten, daß der Wille zur Einheit und Ganzheit, das bechol lewaweha uwechol nafschecha sich verwirklicht haben wird. Zehn Jahre sind ein Augenblick im Leben des Volkes. Wir können kaum sagen, ob sich das jüdische Volk seit Herzls Tode wirklich auf dem Wege der Erneuerung befindet, ob das Tun der Einzelnen, die wir vor uns sehen, ihr Leben und ihr Sterben für diese Erneuerung, stark genug sein wird, die Seele des Volkes umzuwandeln. Um so wesentlicher ist es für uns, daß wir uns der zionistischen Idee in ihrer Reinheit, in dem Radikalismus ihrer Forderung bewußt bleiben. Sie ist der Wille zur Umwertung der jüdischen Werte. u) Stimme der Wahrh. 286. 12) VII. 29, 31, 38, 46, 49. i°) VII. 51.