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Die Welt · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · p. 680

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Article
Das zionistische Problem bei Micha Josef Berdyczewski
Date
1914-07-03
Page
680 (sequence 2)
Language
German
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680 Nr. 27 DIE^qEELT sittlichem Wollen und unsittlichem Geschehenlassen. Er sah im Zionismus nur den bewußten, tatenbereiten Willen zum Judentum, er sah aber nicht, daß der Zionismus auch inhaltlich eine Revolutionierung des Judentums bedeutet, daß er es unternimmt, das Judentum auf völlig neue Grundlagen zu stellen. Berdyczewski, der das Volk und seine Geschichte genau kennt, ist sich hierüber völlig im klaren: die heutige Krisis im Judentum verlangt eine vollständige Verschiebung des Schwerpunktes unseres Lebens, und der Zionismus will diese Verschiebung, wenn er weiß, was er will. Er will an die Stelle des Galuthjudentums, dessen Zentrum die Geistigkeit war, ein Judentum setzen, das verwurzelt ist in der Erde, in der konkreten, wirklichen Welt und Erde. Es ist eine Umwertung aller Werte, die sich da vollziehen soll, und der Zionismus ist nicht eine gerade Fortsetzung der jüdischen Geschichte, sondern eine Rückkehr zum Ursprung. Dieser Ursprung, den wir mit der Seele suchen, war das natürliche Leben der Juden auf eigenem Boden. Damals war die jüdische Kultur eine allumfassende. Man war nicht nur Jude im Denken und Beten, man war es auch und vor allem, wenn man pflügte und säte, sprach und spielte, erwarb und genoß. Die jüdische Kultur war eine weltliche Kultur und der äußere Ausdruck davon war der jüdische Staat. Der Staat war der große Hort des „Lebens der Stunde", als er unterging, kannten die Juden nur noch das jenseitige, das „ewige" Leben; der Alltag, das wirkliche Leben, in dem wahrhaftig die Entscheidungen über die ewigen Werte fallen, verlor für sie jede Bedeutung. Ibsen hat einmal gemeint, durch den Verlust des Staatswesens sei erst die jüdische Kraft frei geworden. Berdyczewski erwidert ihm, daß im Gegenteil dieser Verlust der weltlichen Herrschaft für das jüdische Volk das Ende der schöpferischen Kraft bedeutete. Denn nun beginnt das Galuth und sein großer Irrtum: die Trennung der Seele vom Leibe. Jerusalem ist gefallen und Jabne ward auf den Trümmern Jerusalems erbaut. Aber der Geist Jabnes wird sinnlos ohne die Erde Jerusalems, aus der das Volk ständig neue Kraft schöpft, durch die es sein Dasein immer wieder verjüngen kann. Es geht nicht an — wie es geschehen ist — die religiösen Gebote zu sondern in solche, die „am Lande haften", und solche, die „nicht am Lande haften". Denn alles haftet am Lande und der Erde, aus welcher der Volksgeist hervorgegangen ist. Jene Männer, die auf den Mauern Jerusalems für ein jüdisches Reich dieser Welt gefallen sind, waren nicht kurzsichtig und jene nicht die Weitsichtigen, die sich sagten: Lassen wir dem Feinde die Mauern von Stein und bauen wir uns ein unsichtbares Judentum für alle Zeiten; — denn durch sie ward eine jüdische Seele bereitet, der der Körper fehlt. Aber eine solche Seele kann nichts mehr schaffen: die jüdische Kultur mußte aufhören, produktiv zu sein. Kultur hat aber doch nur Sinn als lebendiges Gut, sie ist das jeweilig letzte Resultat des Schaffens eines Volkes, ein Faden, der weitergesponnen sein will. Wenn der Faden abreißt, wenn das Schaffen stillsteht, dann wird die ererbte, aber nicht erworbene Kultur zur Last, zu etwas aufgedrängtem, auf gezwungenem. Die Juden, die nicht mehr Geschichte machten, gerieten in den Bann ihrer Geschichte. Tausende von Jahren, lange Tage und lange Nächte, viele Geschehnisse, wechselnd von Geschlecht zu Geschlecht, Niederlagen und Siege, Aufstieg und Verfall, Hoffnung und Verzweiflung — alles das gewinnt die Herrschaft über uns. Wir bezahlen unsere lange Vergangenheit mit unserer Gegenwart und unserer Zukunft.2) Erdrückt von dieser Last der Geschichte, verloren 2) Vgl. I. 48. II. 30. II. 35. VI. 15. V. 36. I. 40 II. 20, 21. die Juden die unmittelbare Beziehung zum Leben. Ihr Dasein verwurzelte sich in der Luft, im überkommenen Buche. Augen und Ohren wurden zu „Boten der Sünde". Das Leben, die ganze Wirklichkeit um uns und in uns, wurden uns zu einem Nichts, zu einer nichtigen Zugabe einer fiktiven, geistigen Welt. Mit der Substanz der Welt ging uns aber auch der Wille verloren, in der Welt zu wirken. Der Sieg der Geistigkeit bedeutete eine Besiegung des Willens. Aber ein Volk ist nur ein solches durch seinen Willen, es zu sein. Was aber sind wir? Menschen des Galuth. Und dieses Galuth ist ein inneres, nicht ein äußeres. Es ist leicht und bequem, den Römern die Schuld beizumessen; aber es ist falsch. „Wir sind schuld, denn wir haben uns beeilt, ins Exil zu gehen und haben es vorgezogen, unter den Völkern herumzuschweifen, statt in unserm verwüsteten Lande zu bleiben. Und hierin stehen wir fast einzig da. Nur wir haben nicht das Opfer unserer nationalen Existenz für unser Land gebracht und verließen das Land, ehe es uns ausspie . . . Ich kenne alle die geschichtlichen Ursachen, die dazu führten. Aber alle diese Ursachen bedeuten keine Notwendigkeiten und hätten durch einen starken Willen verändert werden können, wenn wir nur einen Funken Lebens gehabt hätten." Der Talmud vergleicht unser Volk mit dem Schäfchen unter den Wölfen. Aber größer noch als das Wunder, daß das Schaf nicht von den Wölfen zerrissen wird, ist jenes andere: wie sich ein Volk selbst zum Schafe macht und sich mit einer solchen Rolle in der Geschichte begnügt, sich damit begnügt, von dem Mitleid zu leben, das es bei andern erregt . . .3) Natürlich sind immer wieder unbedenkliche Apologeten da, die auf die „Bedingungen" hinweisen, welche eine solche Gestaltung unserer Geschichte herbeiführten. Berdyczewski' aber ist ein strenger Richter unserer Geschichte. Warum — so fragt er — haben die Juden nicht den Versuch gemacht, im neuentdeckten Amerika sich eine Heimat zu schaffen? Warum ward auch Amerika ein Galuth? Und Südafrika? Dort wollte ein Jude eine Kolonie gründen, noch ehe Transvaal den Buren gehörte, aber die Juden wollten nicht. Sie kamen als die letzten, um sich dann zu grämen, als die Regierung die jüdische Einwanderung unterband.4) Die Juden wollen das Galuth — das ist das Resultat, zu dem Berdyczewski gelangt. Sie sind Nachkommen jener, die das bedrohte Jerusalem verließen, um in Jabne zu einem geistigen Judentum den Grund zu legen. Dieses Judentum ist aber ganz und gar dem Galuth, das heißt einer unkörperlichen „Wirklichkeit", angepaßt, und jede Berührung mit der realen Wirklichkeit muß es zerstören. Darum die ängstliche freiwillige Absperrung der Juden im Ghetto, die für sie einfach ein Gebot der Selbsterhaltung war: Wie Inseln im Meere, äo waren die Juden unter den Völkern, jede intensive Beeinflussung durch die Weltkultur mußten sie meiden, weil sonst das Schemen der jüdischen Ghettokultur dieser Wirklichkeit nicht standgehalten hätte. Die Bestimmung „Ihr sollt nicht nach ihren Gesetzen wandeln!" mußte eine unnatürliche Verschärfung erhalten, die Tore, die aus dem Ghetto ins Freie führten, mußten von innen her geschlossen werden, auf daß nicht der Rest des Judentums vom Meere der Weltkultur fortgerissen würde. Spinoza mußte aus dem Judentum heraus. Was hilft es, wenn wir heute nach den jüdischen Quellen suchen, die dieser Denker benutzt hat? Wir können sein Werk nicht mehr zum jüdischen Kulturbesitz machen. Wir können nur aus seinem Schicksale lernen, daß unser Volk sein Dasein auf völlig neue Grundlagen stellen muß, wenn 3) I. 26, 30, 33. II. 34, 65. IV. 23. — IV. 33. V. 17. VII. 24. 4) VII. 45 ff.

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