Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Article
- Theodor Herzl im Lichte des Ostjudentums
- Date
- 1914-07-03
- Page
- 676 (sequence 2)
- Language
- German
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676 DIEXXELT Nr. 27 besonderen Zionsgesellschaft zu vereinigen. Der Einfluß Achad-Haams und seiner Anhänger bewirkte, daß die Idee der Gründung eines großzügigen jüdisch-nationalen G e he imbundes unter der geheimnisvollen Fahne der Bne-Moscbe (Söhne Moses) in den verschiedensten Schichten der Chowewe-Zion Anklang fand. Ein wohlorganisierter Geheimbund, dessen Mitglieder sich nur aus geistig und sittlich hochstehenden und national erprobten Elementen der jüdischen Intelligenz rekrutieren durften, sollte die Propagierung der jüdisch-nationalen Idee von neuem in die Hand nehmen. Für die großen historisch-nationalen Ideale, für jene unvergängliche Liebe zu Zion müßte die jüdische Intelligenz erst neu geschaffen und erzogen werden, eine Kulturmacht, die nur durch die geheimgehaltenen Theorien der Bne-Mosche und nur durch die Eingeweihten dieses heiligen Bundes geschaffen werden könne. Neue Juden müßten geschaffen werden, „ein Volk von Heiligen und Priestern", die in s ich jene Macht großziehen, Liebe zum Judentum, zur Freiheit und Erlösung in die Herzen der Massen pflanzen sollten. Das war der neue Gedanke, der die Freunde Zions aus ihrer seelischen Not befreien und ihnen eine sichere Zukunft bringen Die neue Gesellschaft, die geheimnisvollen Theoretiker der Söhne Moses, bildeten für die jüdisch-nationale Gedankenwelt schließlich doch auch eine Gefahr. Können wir mit Recht in der geheimen Vereinigung der Bne-Mosche die Keime einer nationalen Organisation erblicken, Keime, die zweifellos den Boden für den weiteren Ausbau der zukünftigen zionistischen Organisation in Rußland vorbereitet haben, so brachte die idealisierende Geheimnistuerei dieses kulturhistorisch sehr interessanten Verbandes ein neues, höchst bedenkliches Moment in die jüdisch-nationalen Kreise. Es drohte die Gefahr, daß dem nationalen Gedanken und der nationalen Volksarbeit allmählich der Massencharakter, der Volkswi 11 e verloren gehe. Die Arbeit auf den Bergen Judas, der Ausblick auf die Erlösung des Volkes und „die Rückkehr nach Zion", das alles sollte nicht mehr Gemeingut der Massen bleiben, sondern das Ziel der Zukunftsbestrebungen einzelner verborgener, auserwählter Kreise sein. Der Chowewe-Zionismus in Rußland lief Gefahr, in die falschen Wege zu geraten, auf denen auch gewisse Strömungen der russischen Volksbewegung der sechziger und siebziger Jahre zugrunde gingen. Jene geheimen Kreise der slavischen Weit (Kruschkowschtschina), die sich zwecks sittlicher Läuterung und revolutionärer Nationalisierung von den breiten Massen in die geheimen Schulen und Salons zurückzogen und so die Fühlung mit dem Volke allmählich verloren. Der merkwürdige Versuch der Bne-Mosche erlebte ein rasches trauriges 'Ende. Ein Volk von Priestern entstand nicht. Es entstand hingegen eine heillose Verwirrung in allen nationalen Kreisen, eine Wirklichkeitsentfremdung, die die Gefahr des Zerfalles der jüdischnationalen Bewegung in sich trug. Selbst ein so positiver Denker der Palästinaarbeit wie M. L. L i 1 i e n b 1 u m , ja sogar ein solch optimistischer Zionsfreund wie A. L. Lewinsky sahen nur mehr mit Unruhe und Verwirrung in die Zukunft. Es fehlte der jüdisch-nationalen Bewegung in Rußland an einer neuen Volkskraft, an einer neuen inneren Bewegung, die sie zur positiven Umwälzung, zur Wiedergeburt im Augenblicke der Entscheidung geführt hätte. Da kam Herzl. Es ist das unvergeßliche und doch fast unbekannte Verdienst Theodor Herzls, daß er gerade der jüdisch-nationalen Bewegung in Rußland als Retter i n der Not erschien. E r brachte ihr jene geheimnisvolle Kraft, jenen großen Volkswillen. Er brachte die Renaissance des jüdischen Lebens und Willens, die die Zionsliebe des Ostjudentums zu einem großen, erlösenden Gemeingut des Volkes gemacht hat. Theodor Herzl rettete den jüdischen Nationalismus im Ostjudentum. Als im politischen Leben Herzls eine Krise eintrat und er durch die historische Entgleisung in der Uganda- Frage schwere Momente erlebte, blieb dennoch das gegenseitige Verhältnis zwischen ihm und der ostjüdischen Masse von unerschütterter Festigkeit. Denn die verfolgten Massen des Ostjudentums erfaßten mit instinktivem Vorgefühl die inneren Beweggründe, den Seelenzustand und den Volksschmerz ihres Führers. Herzl ergriff den Uganda-Strohhalm unmittelbar nach dem Pogrom in Kischinew. Die schreckliche Wirklichkeit verdunkelte für eine Weile den weiten Scherblick, und er suchte voll Ungeduld nach einer schleunigen Rettung. Er sah die nächsten seiner Brüder wilden Horden ausgeliefert. Hier mußte rasche Hilfe, wenn auch nur in der Form eines „Nachtasyls", gefunden werden. Es war das größte Opfer, das Herzl seinem Volke gebracht hat. Er opferte, wenn auch nur für einen Augenblick, sein Lebensideal. Dies fühlten und erkannten die Massen des Ostens, und sie würdigten das schwere Opfer. Hatte doch Theodor Herzl in ihnen ein mächtiges Bewußtsein erweckt, ein historisch-politisches Verständnis für Gegenwart und Zukunft. War er es doch, der ihnen den großzügigen Geulah-Gedanken brachte, die Ueberzeugung von der historisch notwendigen Rückkehr des heimatlosen Volkes zu seiner historischen Scholle. Und so durften sie ihrem Führer und Meister vom Westen in Liebe und Anhänglichkeit die Antwort geben, daß sie fest geschlossen hinter ihm ständen, um den von ihm eingeschlagenen Weg nach Altneuland auch nicht für einen Augenblick zu verlassen. Herzl hat dem Ostjudentum nichts Neues gegeben. Er wollte es auch nicht. Aber was er den Massen des Ostens brachte, war durchaus nicht die Fortsetzung des Bestehenden, der Ausbau des an einen toten Punkt angelangten Gedankens. Herzl rief in den Massen den alten historischen Nationalismus wach, den Palästinagedanken und die Zionsliebe, die in den Gemeinden der Diaspora entstanden sind, als ein David Alroi, ein David Reubeni, Salomo Molcho und ein Sabbatai Zevi, diese merkwürdigen Schöpfer und Vorkämpfer des intensiven Volksbewußtseins, die Gemeinden der „Zerstreuung" durch die Mahnungen zur Erinnerung an die historische Heimat in Aufregung versetzten. Als zu Theodor Herzl die Nachricht kam, daß gewisse Kreise innerhalb des Ostjudentums ihn als den „falschen Messias" bezeichneten, erblickte er hierin den Beginn seines Sieges : er ahnte, daß er hier verstände n, daß sein Plan in seiner ganzen historisch-nationalen Größe aufgefaßt wurde. Diese Bezeichnung mag ja in ihm schmerzliche Empfindungen ausgelöst haben. Sie brachte ihm aber das freudige Bewußtsein, daß die Bedeutung seines Wollens nicht verkannt werde. Im Westen wandte sich Herzl an die Großen und die Reichen, deren Hilfe er als Vorbedingung für die Erreichung seiner Ziele ansah. Als er zum Ostjudentum kam, dachte er nicht an die oberen Zehntausend, erging zum Volke. Es war durchaus keine Uebertreibung, wenn Herzl die erste russische Zionistenkonferenz in Minsk als „seinen persönlichen ersten Kongreß" bezeichnete. Im Osten ist Herzl zu dem geworden, wozu er sich durch seine revolutionisierende Weltanschauung gedrängt fühlte. Im Osten, fühlte er, ging sein Werden vor sich und im Osten schuf er sich selbst. „Als ich zu Ihnen kam", verkündete Herzl in einer Beratung zionistischer Führer des Ostens, „stellte ich mich Ihnen als Judenstaatler vor. Nach sechsjähriger Arbeit überreiche ich Ihnen heute meine