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Die Welt · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · p. 675

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Article
Theodor Herzl im Lichte des Ostjudentums
Date
1914-07-03
Page
675 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 27 675 Theodor Herzl im Lichte des Ostjudentums Von Dr. 5. Bernstein Die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bildeten für die jüdisch-nationale Bewegung innerhalb des russischen Judentums eine überaus kritische Epoche. In weiten Kreisen der nationalen Intelligenz rief es Besorgnis und Unruhe hervor, daß die Entwicklung des Palästinagedankens auf einen toten Punkt gelangt zu sein schien. War der politische Horizont des Chowewe- Zionismus seit jeher nicht allzu hoch und überragend und dieser überhaupt nicht dazu angetan, die Seele der jüdischen Masse in hohen Aufschwung zu bringen, so brachten die wiederholten bitteren Enttäuschungen und die mühselig erzielten kleinlichen Erfolge „von den Bergen Zions" schwere Beunruhigung in die Reihen der intellektuellen Urheber und Leiter der Palästinabewegung. Die schönen Tage der Bilu-Ideale gehörten bereits in den Bereich der traumhaften Vergangenheit; es galt jetzt langsame, schwierige Volksarbeit, nur schrittweise zu erzielende Eroberung der historischen Heimat. Es war die Zeit, da zum Glauben und zur Geduld gemahnt werden mußte. Da kam ein neuer Feind aus der Ferne, der dem Volke ein neues Jerusalem, eine Ersatzheimat, vorspiegeln wollte. Es kam die argentinische Entdeckung mit dem märchenhaften Goldregen des menschenfreundlichen neuen Barons. Gewiß, es war dem neuen Baron nicht leicht, den Wettkampf um die Volksgunst mit dem „Erlöser Zions", „dem bekannten Wohltäter", wie der Volksmund Baron Rothschild nannte, aufzunehmen. Aber von Tag zu Tag begann das neue Amerika der Argentinischen Gefilde die jüdischen Gemüter mehr zu erregen. Es begann seinen Siegeszug in Stadt und Land, in Gemeinde und Gesellschaft. Konnte die neue Bewegung noch keinen Pinsker oder Lilienblum aufweisen und vermochte sie auch nicht, die damalige hebräische Presse und Literatur in besonderem Maße zu begeistern, so bildete sie dennoch eine ernste Gefahr für ihre schmerzensreiche Rivalin, für die langwierige und große Opfer erheischende Palästinaarbeit. Der Palästinagedanke hatte allerdings schon einmal mit einem viel gefährlicheren Feinde zu tun gehabt. War es doch der Amerika- Gedanke, der gleichzeitig mit der Bilu-Bewegung die jüdischen intellektuellen Elemente während der Pogrom-Epidemie des Jahres 1881 zu nationaler Tat vereinigte. Neben den feurigen patriotischen Aufrufen der Bilu-ldealisten, die das Volk auf den Weg nach Zion als seine einzige Rettung hinwiesen, kamen neue Prediger in Wort und Schrift, die, durch Ungeduld und Todesfurcht zerknirscht, dem gepeinigten Volke das aufgehende Heil des überozeanischen neuen Heimatlandes verkündeten. Es war ein unerbittlicher Ideenkampf, ein schonungsloser Kampf um Zukunft und Ziele des Volkes. Die ungeduldigen „Amerikaner" erblickten den Schwerpunkt ihrer Lebensaufgabe in den Millionen der Volksmassen. Nur durch die „Transportierung der Diaspora", durch die Auswanderung dieser Massen aus dem Lande der Knechtschaft nach dem Lande der Freiheit, könnten sie vom Untergang gerettet werden. Zukunfts- und Lebensinteressen dieser Massen müßten höher gestellt werden, als jene schönen fernliegenden Ideale der Träumer Zions. Demgegenüber trat die palästinensische Weltanschauung mit scharfer Waffe hervor. Gerade um der Zukunft und der Lebensinteressen dieser verfolgten Massen willen, um sie dem Untergange zu entreißen, sei die Verwirklichung jener Träume notwendig. Gelinge es nicht, auf der historischen Scholle, im Lande der Väter festen Fuß zu fassen, so sei der gefürchtete Untergang durch Unterdrückung und Auflösung ja doch unvermeidlich. So war es ein Kampf zweier Weltanschauungen, der die ostjüdischen intellektuellen Kreise eine Zeit lang in Bewegung und Spannung hielt. Indes war für den Palästinagedanken die amerikanische Sturm- und Drangperiode ihrem ganzen Wesen nach, im Grunde genommen, ungefährlich. Im Gegenteil: es ließen sich gemeinsame Momente zwischen diesen beiden Volksbewegungen wahrnehmen, die eher eine gegenseitige Ergänzung, eine harmonische Vereinigung als einen Gegensatz darstellten. Wurden sie doch beide von einem gemeinsamen Boden genährt, von der gemeinsamen Leidensgeschichte und dem gemeinsamen Drang nach Befreiung vom Ga- 1 u t h. Zweifellos wohnte der Amerika-Bewegung eine intensive jüdisch-n a t i o n a 1 e Tendenz inne. Ganz anders erschien die argentinische Verheißung auf der Arena des jüdischen Lebens. Jeder idealen Basis bar, konnte sie sich nur ^der Not gehorchend" in den Tiefen der Volksseele einnisten. Es lag nicht daran, daß der argentinische Goldregen bei den unterdrückten Massen gar manche Hoffnungen erwecken konnte und durfte. Aber die neue argentinische Botschaft kam mit der Tendenz und der scheinbaren Macht, die palästinensischen Bestrebungen als bankerott zu erklären und dem Volke neue Wege und Perspektiven zu eröffnen. Wenn die geistigen Führer der jüdisch-nationalen Bewegung auch überzeugt waren, daß die ganze argentinische Aufregung die jüdische Geschichte zuguterletzt doch nur um eine Enttäuschung bereichern würde, so hatten sie dennoch allen Grund, in dieser neuen Bewegung eine große Gefahr für die weitere Entwickelung des Palästinagedankens zu erblicken. Und so sah sich der damals überaus populäre „Hameliz", das leitende Organ der Chowewe-Zion, genötigt, zu erklären, daß die jüdischnationalen Elemente gegen die volksverführerischen, wenn auch wohlgemeinten Projekte des Baron Hirsch einen unerbittlichen Kampf aufnehmen würden. Ueber das von der jüdisch-nationalen Gedankenwelt erfüllte Judentum in Rußland brachen schwere Tage herein. Unruhe und Verwirrung herrschten in den eigenen Reihen der Chowewe-Zion. Es kam die vernichtende Kritik der damaligen Palästinaarbeit von seiten Achad-Haams durch die „Wahrheiten über Erez- Israel", die Enttäuschung und Erbitterung in weiten Kreisen hervorriefen. Schwäche und Ratlosigkeit gegenüber den gefährlichen Angriffen und Anfeindungen seitens der gegnerischen Orthodoxie in Palästina und Rußland; unheilvolle Uneinigkeit und Unklarheit über die notwendigsten Aufgaben der nächsten Zukunft. Nach und nach begann das nationale Moment der Arbeit in den Hintergrund zu treten und der philanthropische Charakter für die Palästinaarbeit den Ton anzugeben. Es bedurfte eines Wunders, der Entstehung einer neubelebenden Volksmacht, getragen von einem großen nationalen Willen, sollte die geistige und materielle Basis, das mühsam errichtete Zukunftsgebäude für Zion nicht in Trümmer gehen. Es schien, als wolle sich diese wunderbare Volkskraft in bedrängter Stunde zuguterletzt doch noch offenbaren. Der innere Drang der intellektuellen Elemente, den Weg ins Freie zu finden, das verzweifelte Ringen der Besten der Nation, aus der unsicheren Atmosphäre, aus dem nationalen Tohuwabohu herauszukommen, schien einen großen, entscheidenden Moment, ein umwälzendes Erlebnis herbeizuführen. Es kam jener wundersame Versuch, die geistige Elite des Volkes in einer neuen.

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