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Die Welt · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · p. 677

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Article
Theodor Herzl im Lichte des Ostjudentums
Date
1914-07-03
Page
677 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 27 677 DIE3^ELT neue Visitenkarte, und da lesen Sie: Dr. Herzl, Palästinenser, Chowew-Zion." Er konnte und durfte dies im Bewußtsein seiner Macht sagen. War er es doch, der die chowewe-zionistische Gedankenwelt wieder emporhob, ihr neues Leben gab und sie zu einer sozialpolitischen Weltanschauung gestaltete. War er es doch, der den Chowewe-Zionismus mit Kraft auf den Weg des politischen Zionismus brachte, „dessen erste Anhänger schwerlich seine ruhmvolle Erfüllung erleben dürften, und dessen Verwirklichung nur die Aufgabe unserer Kinder und zukünftiger Geschlechter sein kann." Er war der Führer der ostjüdischen Massen, und so folgte er ihnen in die Tiefen des Volkslebens. Herzl kam Vom Westen her ln eine neue, ihm unbekannte Welt. Er starb, nachdem er ihr die Kraft neuen Aufschwungs im Lichte des Ostjudentums gegeben hatte. Herzl und die Siedlungsgenossenschaft Von Dr. Franz Oppenheimer Meine Beziehungen zu Theodor Herzl datieren erst vom Winter 1902/03. Ich war während einer Eisenbahnfahrt nach Wien von dem leider so früh verstorbenen Oskar Marmorek und Kremenezkv für die zionistischen Gedanken erwärmt worden, wie sie sie unmittelbar von Herzl empfangen hatten, und wie ich sie noch heute vertrete: ein Kulturzionismus mit weiten Zielen, aber ohne Zuspitzung zu dem überspannten Nationalismus, der sich heute für den einzig und allein seligmachenden Zionismus ausgeben möchte. Wenig später lernte ich Herzl in Berlin kennen. Soviel ich weiß, hatte er damals meine „Siedlungsgenossenschaft" bereits gelesen und mit dem raschen Blick des geborenen Führers erkannt, daß hier, wenn nicht der einzige, so doch der schnellste und leichteste Weg zu seinem Ziele führe, eine Erkenntnis, die, als er einmal geschieden war, fast ein Jahrzehnt brauchte, um seinen Nachfolgern aufzugehen, und vielleicht noch ein zweites Jahrzehnt brauchen wird, um ihnen zu Fleisch und Blut zu werden. Daß er mich dann zu seinem Helfer warb, und daß ich unter seiner Aegide in Basel den Vorschlag der genossenschaftlichen Siedlung vor dem Kongreß entwickelte, ist bekannt. Wenig bekannt dagegen dürfte sein, daß er sich auf das lebhafteste für meinen Wunsch interessierte, das erste Experiment in Deutschland anzustellen. Ich hatte ihm nicht verhehlt, daß ich den Modellversuch nur mit Besorgnis in Palästina selbst unternehmen würde. Man soll in wissenschaftlichen Experimenten, wenn irgend möglich, nur mit einem unbekannten Faktor zu tun haben. Das war hier die genossenschaftliche Arbeitsordnung. Konnte ich in Deutschland oder Galizien einen voll ausgerüsteten und in vollem Betriebe befindlichen Großbetrieb erwerben und mit dem alten Arbeiterstamm nach der alten technischen Methode weiter führen, so konnte Niemand für Erfolg oder Mißerfolg etwas anderes verantwortlich machen als diese neue Arbeitsordnung, da alles andere unverändert geblieben war. Wenn ich aber in Palästina ein Großgut „auf grüner Weide" neu aufbaute und mit unerprobten Arbeitern und neuen Beamten und nach dortzulande neuen Methoden bewirtschaftete, dann experimentierte ich mit drei, statt mit einem Faktor, und niemand konnte mit Genauigkeit wissen, welchem dieser Faktoren Erfolg oder Mißerfolg zuzuschreiben sei. Herzl begriff sehr wohl, daß mir als einem Manne der Wissenschaft ein so „unsauberes" Arbeiten gegen den Strich gehen mußte; und nicht weniger machte es wohl auf ihn Eindruck, daß ich ihm ehrlich sagen mußte, unter so ungünstigen Umständen könne ich für den materiellen Erfolg nicht mit Sicherheit einstehen, für den ich, würde der Modellversuch in Deutschland angestellt, mit allem Gewähr geleistet hätte, was ich an wissenschaftlicher Autorität besaß. Ich konnte für Palästina einen Erfolg nur erhoffen, weil ich — und ich glaube noch heute, daß ich Recht hatte — den Imponderabilien der jüdischen Sehnsucht nach dem heiligen Lande die Kraft zutraute, viele Dinge zu überwinden, die ich sonst für unüberwindlich hätte halten müssen. Und so lag mir unendlich viel daran, einen wissenschaftlich ganz „reinen" Versuch in Deutschland zu machen, um erst einmal die Richtigkeit des Grundgedankens zu erproben, und, woran ich nicht zweifehlte und noch heute nicht zweifle, zu beweisen; und dann erst, unter Benutzung der gewonnenen Erfahrungen und unter Herübernahme der hier ausgebildeten Beamten und Vorarbeiter, die erste Siedlung in Palästina anzulegen. Herzl wardurchausmeinerMeinung. Nur teilte er, der seine Leute besser kannte als ich, meine Hoffnung nicht, daß die zionistischen Kreise selbst sich dazu drängen würden, diesen für unsere Sache so überaus wichtigen Versuch in Deutschland anzustellen. Und in der Tat fand ich, als ich es später versuchte, bestenfalls eine laue Unterstützung von ganz wenigen, erfuhr aber von den meisten eine kaum noch in höfliche Formen gehüllte Abweisung, wenn sie überhaupt antworteten. Ueberall bestand augenscheinlich die liebenswürdige Annahme, daß ich den Zionismus nur als Vorspann für meine persönlichen Liebhabereien benützen wolle — diese Annahme besteht sogar heute noch vielfach, obgleich inzwischen der Blindeste durch die Entwicklung selbst davon überzeugt sein müßte, daß unser Ziel, wenn überhaupt, nur auf dem von mir grundsätzlich gezeigten Wege erreichbar ist, kleine Abwandlungen im einzelnen natürlich zugegeben: die jüdische Besiedlung Palästinas wird genossenschaftlich sein oder sie wird nicht sein! Und es wäre für die ganze Bewegung ein Segen, wenn wir heute schon auf Grund früherer unzweifelhafter Erfahrungen dieses große Werk auf dem Felsgrunde der Praxis aufbauen könnten, anstatt auf dem Boden einer noch so gut gestützten Theorie. Nun, das sind alles Dinge, die erst später, erst nach Herzls Heimgange, spielten. Er selbst verstand ausgezeichnet, um was es sich handelte, und tat, was in seinen Kräften stand, um es zu erreichen. Wenn wir nicht unmittelbar nach jenem Baseler Kongreß zur Aktion in Palästina schritten, so war einer der vornehmsten Gründe dafür, daß wir die Hoffnung hatten, jenen deutschen Modellversuch zuerst starten zu können. Ich stand damals in gewissen Verhandlungen mit hohen Behörden bezüglich eines verwandten Planes, der der Siedlungsgenossenschaft sozusagen als Schrittmacher dienen sollte, und Herzl, der darum wußte und sich auf das lebhafteste dafür interessierte, stellte mir in Briefen, die ich besitze, seine vorzüglichen Beziehungen zu einflußreichen Persönlichkeiten zur Verfügung. Die Anregung verlief dann aber im Sande. Zuletzt traf ich Herzl im Vorfrühling seines Todesjahres auf der Wiener Ringstraße, und wir wendeten unser altes Thema noch einmal während eines Spazierganges. Damals zeigte er sich entschlossen, alles daran zu setzen, um den Modellversuch nach meinen Vorschlägen durchzuführen, allerdings in Galizien statt in

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