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Die Welt · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · p. 673

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Article
Herzl bei den Neinsagern
Date
1914-07-03
Page
673 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 27 DIE3§£ELT 673 in meinen Augen. Ich verstehe, daß England in dem Augenblick, als es sich gezwungen sah, seine Pforten der jüdischen Einwanderung zu verschließen, es tief empfand, wie sehr dieses Verhalten seinem alten, geheiligten Brauch, auf den es immer stolz war, widersprach, eine Zufluchtsstätte zu sein. Und es hielt es für seine Pflicht, dem jüdischen Volk einen Ausgleich anzubieten, und die Art dieses Ausgleichs bedeutet, sage ich Ihnen, einen historischen Moment, eine Epoche in der Geschichte unseres Volkes, eine Tatsache, auf die wir uns von nun an als auf einen unwiderleglichen Beweis der Bedeutung unseres Volkes berufen können. Meine Herren, es gab einen Augenblick, wo ich auf dem Kongreß vor Sie treten und Ihnen sagen wollte — denn ich bemühe mich nicht um Anhänger und Beifall, sondern sage Ihnen stets offen meine Meinung — und Ihnen sagen wollte: Ich habe jede Hoffnung aufgegeben, Palästina zu erlangen. Ich wollte Ihnen dies schon erklären, und nur Nordau mahnte mich, nicht zu verzweifeln und auszuharren. Und wirklich sind in der allerletzten Zeit meine Hoffnungen zum Teil wieder gewachsen. Oie russische Regierung versprach uns ihre Unterstützung. Ich weiß, dies wird uns mit einem Schlag viele Sympathien in Konstantinopel verscherzen. Vorher wandte sich der verfolgte Jude an den verfolgten Türken; jetzt tritt der Jude mit Ansprüchen hervor, die eine christliche Macht unterstützt. So etwas liebt man in Stambul nicht. Aber es kommt nicht darauf an, ob ich dort, wie früher, in einer Hofkutsche oder in einem Lohnwagen fahren werde, sondern darauf, ob ich einen positiven Erfolg haben werde; und die Hoffnung darauf, wiederhole ich, ist neu erwacht. Und deshalb sagte ich Ihnen bei der Eröffnung des Kongresses, daß wir nach wie vor nach Zion streben werden. Aber durfte man deshalb den Engländern mit einer förmlichen Absage antworten, ohne ihr Projekt überhaupt zu prüfen? Schon um von allem anderen gar nicht erst zu reden — Sie hätten knich dadurch in eine furchtbare Lage gebracht; kein Mensch würde weiter mit mir verhandeln, wenn ich nicht einmal so viel Einfluß hätte, daß der Kongreß meine Vorschläge ernsthaft prüft .... Ich soll das Baseler Programm verletzt haben? Niemals! Nicht ich, sondern andere haben es hundertmal verletzt, als sie sich zu Sondergruppen mit ganz fernliegenden Zielen zusammenschlossen. Ich stand und stehe auf dem Boden des Baseler Programms; aber ich brauche Euem Glauben an mich und nicht Euer Mißtrauen; denn ohne diesen Glauben kann man nicht Führer sein. Und das noch muß ich Euch sagen. In dem Werk, das ich geschaffen habe (erlaubt mir es zu sagen, denn es ist wahr), in diesem .Werk habe ich mir eines offen gelassen: die Möglichkeit, jeden Augenblick von der Tribüne abzutreten. Ihr könnt mich entfernen, wenn Ihr wollt; ich werde ohne Murren, glaubt es mir, in die ersehnte Ruhe meines Privatlebens zurückkehren. Ich wünsche Euch eines: Man möge nachher nicht das Recht haben, zu sagen, Ihr hättet meine Absichten falsch beurteilt und mir mit Undank gelohnt . . . .“ Herzl sprach wie immer ruhig, ausdrucksvoll, ohne alle Gesten, sich ganz in der Gewalt haltend; aus jedem Worte sprach Selbstvertrauen, und angesichts der Opposition scheute er sich nicht, mit ihr schroff und herablassend zu reden, wie ein Vorgesetzter, fast wie ein Erwachsener zu einem Kind. Es gab Augenblicke, wo ich dachte, jetzt würden Proteststimmen laut werden — aber alles schwieg. Beim ersten Satz schon verstand ich nach dem Ausdruck, den fast jedes Gesicht im Saale annahm, nach der besonderen Stille, die sofort eintrat, die Bedeutung der historischen Worte Lomonosows: „Eher kann ich die Akademie ausschließen, als die Akademie mich.“ Als er fortgegangen war, fingen die anderen wieder zu reden an. Sie redeten und schlugen manches Vernünftige vor, was auch in den nächsten Tagen auf dem Kongreß durchgeführt wurde. Aber man fühlte, die Versammlung. war mit ihren Gedanken nicht dabei, ein anderes beschäftigte sie. Es war ersichtlich, daß alle in Gedanken die Worte Herzls sich einzeln ins Gedächtnis riefen und hinter ihnen etwas zu erraten versuchten, das wichtigste nämlich, das er doch nicht klar gesagt hatte, obwohl wir dieses Wortes wegen ihn zu uns riefen und auf dieses Wort allein nur warteten. Auch in mir lebte der Wunsch, dieses Wort zu erraten. Ich ging nicht schlafen und saß bis zum Morgengrauen neben dem Münster am Rheinufer mit einem alten Delegierten, einem Landsmann von mir, einem sehr klugen, tiefen und nachdenklichen Menschen, und mit einem jungen Mädchen, das in Lausanne studierte. Sie war nicht Delegierte, aber es war ihr doch gelungen, in diese traurige Versammlung hereinzuschlüpfen, und sie war jetzt niedergedrückt und bedrückt. Sie fragte mit zitternder Stimme: „Was soll all dies bedeuten? Erklärt es mir. Ich bin wie im Dunkeln, ich verstehe schon nichts mehr. Existiert denn Palästina nicht mehr? Hat sich Herzl denn von Palästina losgesagt?“ Der alte Delegierte dachte nach und begann zu reden: „Sie stellen zwei Fragen: erstens, ob Palästina schon für uns verloren ist, und zweitens, ob Herzl sich von ihm losgesagt hat. Ich werde ihnen jede Frage einzeln beantworten, denn das erste (es ist nichtig, das festzustellen) hängt vom zweiten gar nicht ab. Sehen Sie, bei uns im Zionismus gibt es zwei Tendenzen. Die eine stellt Herzl dar, die andere wir; Herzl ist ein Praktiker, der an die historische Bedeutung der Persönlichkeit glaubt; Führer des Zionismus zu sein, bedeutet für ihn hauptsächlich, eine solche politische Konstellation zu erreichen, die die Machthaber veranlassen würde, dem jüdischen Volke das Land abzutreten, das es braucht. Wir hingegen glauben nicht so an die wundertätige Wirkung von Verhandlungen. Wir fordern eine langsame, systematische Arbeit für die Erneuerung des jüdischen Geistes: Wir wollen erst das Judentum aus der geistigen Knechtschaft befreien, es selbstbewußt machen und mit nationalem Stolz erfüllen. Zugleich wollen wir eine Reihe nationaler Positionen in Palästina selbst gewinnen und befestigen. Und nur dann werden wir Palästina in harter Arbeit und stetem Kampfe erwerben können. Das ist die Antwort auf die erste Frage. Aber Sie dürfen nicht daraus schließen, daß zwischen den beiden Tendenzen ein organischer Gegensatz, eine un ausfüllbare Kluft existiert. Ich für meine Person muß auch dem Standpunkt Herzls entschieden Berechtigung zuerkennen und glaube, daß eins dem anderen hilft und daß wir e i n Licht auf beiden Seiten angezündet haben — das Licht der jüdischen Wanderung —, und um so schneller wird es zuende brennen. Natürlich bestehen Leute, die Bücher lesen, auf der Meinung, daß unser Standpunkt ^wissenschaftlicher“ ist als der Standpunkt Herzls. Ich würde eigentlich sagen, daß beide nicht ^wissenschaftlich“ sind. Eine gesicherte nationale Kultur auferbauen, ohne vorher das Volk auf einemTerritorium gesammelt zu haben — ist „wissenschaftlich“ ebenso absurd, wie wenn man Samenkörner in die Luft säen wollte. Aber ich glaube überhaupt, daß die Maßstäbe der Wissenschaft nicht anwendbar sind auf aktuelle politische Fragen; geschichts-philosophische Theorien können bis

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