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Die Welt · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · p. 674

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Article
Herzl bei den Neinsagern
Date
1914-07-03
Page
674 (sequence 4)
Language
German
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674 Nr. 27 DIE2§£ELT zu einem gewissen Grade Vergangenes erklären, aber niemals Werdendes regulieren. Gewiß hat die Geschichte ihre inneren Gesetze, dem Lebenden aber muß sie immer als eine Kette von Zufälligkeiten erscheinen. Derselbe Zufall, der heute Herzl Ostafrika geschenkt hat, kann ihm morgen Palästina schenken. Politik ist ein ewiges Spiel mit dem Zufall, ein Spiel, bei dem ein kluger und starker Politiker in hundert Fällen mindestens fünfzig Möglichkeiten zu gewinnen hat — wenn er nur gewinnen vv i 11. So kann Herzl Palästina gewinnen, wenn er es ernstlich gewinnen will. Die Frage nun, die alle beschäftigt und quält, die aber unausgesprochen blieb, ist nur die eine: denkt Herzl noch daran, Palästina zu gewinnen? Ich sage: Ja. Sie dürfen Herzl nicht nach der Psychologie des westeuropäischen Durchschnittszionisten beurteilen. Dieser ist ein nüchterner philiströser Praktiker, der nur das braucht, was man so bei uns „eine Wohnung mit allem Comfort“ nennt. Ein nationales Heim mit allen Bequemlichkeiten, nicht zu viele Treppen hoch — weiter verlangt er nichts. Herzl ist eine Persönlichkeit ganz anderen Schlages, ein Praktiker anderer Art. Praktiker ist er nur in der Auswahl seiner Mittel, aber er ist ein zu großer Mensch, um nicht künstlerisch und ideal in seinen Zielen zu sein. Dieser Mann bliebe unvollkommen, wenn er nicht den großen Ehrgeiz hätte und mit allen Kräften seiner Seele danach strebte, sein Werk so ganz zu vollenden, daß die Geschichte mit ehernem Griffel in ihre Tafeln einschreiben muß: Theodor Herzl hat auf seinen Schultern das Schicksal seines Volkes getragen und alles verwirklicht, was die Sehnsucht und das Gebet der Jahrhunderte inbrünstig erfleht hat. Ich bin tief überzeugt, daß Zion diesem Manne teuer ist, teurer als den meisten anderen, weil der Ausblick, Zion neu zu erbauen, verlockender und unendlich grandioser ist als die Kolonisierung eines erstbesten Erden Winkels. Die Auferbauung Zions wäre ohne Beispiel in der Weltgeschichte; Ost-Afrika besiedeln hieße nur die Tat des Baron Hirsch in vermehrter und verbesserter Auflage wiederholen. An dem Tage, an dem Herzl erkennen würde, daß Zion unwiederbringlich verloren ist, und ihm nur die Hoffnung auf Ost-Afrika bliebe, würde er den tiefsten Schmerz erleben. Dieser Tag würde für ihn den Untergang seines stolzen Traumes bedeuten, der Führer des Volkes würde zum Organisator einer großen Emigrationsbewegung herabsinken. Das ist meine Antwort auf Ihre zweite Frage; ich habe die Ueberzeugung mitgenommen, daß Herzl sein großes Spiel nicht verloren gibt. Noch hält er alle Waffen in seiner Hand, er hat nicht Verzicht geleistet und wird bis zum letzten Atemzuge in der Hoffnung leben, den Traum Israels in seiner überwältigenden Größe zu verwirklichen.“ {Aus dem Russischen übertragen von Jenny B1 u m e n f e 1 d.) Aus dem Bezalel in Jerusalem Silberne Leuchter

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