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Die Welt · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · p. 672

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Article
Herzl bei den Neinsagern
Date
1914-07-03
Page
672 (sequence 2)
Language
German
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Heimat träumen, ihrer Heimat, die in allen göttlichen Werken besungen und gepriesen ist, von herrlichen Sagen umwoben ist, die die Ruinen unserer Heiligtümer hütet, die unseren Ahnen gegeben, unseren Eltern genommen und den Enkeln verheißen wurde? Es gehört böser Wille dazu, um die eherne Notwendigkeit dieses Volkstraumes nicht zu verstehen. Und weil sie nichts anderes träumen konnten, empfanden die Träger dieses Traumes den Schlag, der ihn traf, um so schmerzlicher. Es war wirklich keine Demonstration, daß man nach der Abstimmung den Saal verließ; es war nicht verabredet. Wie die Alten in großem Schmerz oder großer Scham ihr Haupt verhüllten, so empfand die Minderheit das Bedürfnis, von diesen „Fremden“ wegzugehen, ihren Schmerz zu verstecken. Sie weinten aus dem gleichen Grunde, aus dem sie drei Tage vorher wie geistesabwesend herumgegangen waren, schwere Unruhe im Herzen; einer sagte: „In meinem Herzen hat man mit roher Hand etwas berührt, was man nicht hätte antasten dürfen." Es waren Leute darunter, die viel für den Zionismus gearbeitet hatten und in denen die Hoffnung auf Palästina tief wurzelte. Ihre Liebe zu Palästina war so gegenständlich geworden und ihre Hoffnung so fest, noch als Bürger seinen Boden betreten zu können. Wenn der Sultan noch weitere zwanzig Jahre Herzl mit leeren Händen von sich gewiesen hätte, sie hätten sich gesagt: „Es ist kein Unglück, vielleicht wird der nächste Versuch gelingen, einstweilen wollen wir arbeiten." Aber wen Mißerfolge nicht abschrecken, der fürchtet doch1 oft die Versuchung. In dem Augenblick, als die Versuchung drohend vor ihnen stand, Palästina untreu zu werden, da empfanden sie einen Schmerz, den jeder, der ihn an diesem Tage mitempfand, getrost als unerträglich bezeichnen kann. Es war unerträglich, weil es deutlich wurde, w ie leicht und wie viele und allzu viele aus dem Volke sogar, von der Not des Tages getrieben, den besseren Teil ihres Traumes aufzugeben und statt des Rubels eine Kopeke zu nehmen bereit sein würden. Für Menschen, deren Herz mit Palästina verwachsen war, die fast seine Luft zu atmen vermeinten, war es unerträglich. Es mag hart sein, Schicksalsschläge zu ertragen, — aber noch härter und schmerzlicher ist es, wenn das Lächeln des Glücks zum Schicksalsschlag wird, wenn ein Erfolg das zu zerschlagen droht, „was man nicht hätte antasten dürfen". Fremde verstehen unseren Schmerz nicht. Aber ich glaube, sie würden ihn verstehen, wenn sie in die merkwürdige Tragödie eines Volkes eindringen könnten, dessen Söhne am Tage ihres ersten politischen Erfolges seit zweitausend Jahren draußen vor der Tür auf der Schwelle stehen und w einen müssen. Das war die Stimmung. Einige sprachen, machten Vorschläge, halbe Vorschläge, aber alles war unsicher und zerfahren, die anderen hörten zerstreut zu, denn jeder wartete auf Herzl. Der Vorsitzende kannte sein Publikum und wies darauf hin, daß es unangebracht wäre, in diesem Augenblick, wenn es auch sei, mit Applaus zu empfangen, und ich glaube, daß diese Warnung, trotzdem sie sich von Herzl tief verletzt fühlten, notwendig war. Denn beim Eintritt Herzls mahnte man einander ängstlich zur Stille, als ob man fürchtete, es möchte doch einer unter dem gewohnten Zauber seiner Persönlichkeit in Applaus ausbrechen. Herzl verstand den Sinn dieses „St", lächelte kaum, warf kaum einen Blick über das Publikum, drängte sich zum Tisch des Vorsitzenden durch und setzte sich neben ihn auf einen Platz, der plötzlich frei war. Ich bemühte mich, jede seiner Bewegungen zu verfolgen. Gerade hier, wo er ohne Frack, ohne Hammer, ohne Tribüne, ohne all die Aufmachung war, die ihn auf dem Kongreß vom Publikum trennt, sondern nur einfach als Delegierter einer Kischinewer Gruppe erschien, um Erklärungen abzugeben, oder vielmehr fast um sich zu verteidigen, gerade hier interessierte es mich besonders, wie er sich halten, mit welchen Mitteln er die Zuhörer in seinen Bann zwingen, ob er seinen gewohnten Ton finden, ob er nicht unsicher werden würde. Er bat, ihm mitzuteilen, was bis zu seinem Eintritt vorgegangen wäre. Als man ihm von einem Vorschlag erzählte, einen der Neinsager ins kleine A. C. zu wählen, blickte er, wie ich mich erinnere, kurz auf und sagte halb ironisch, halb bitter: „Einen Aufpasser also?" Dann stand er auf, bat um Ruhe und hielt eine Rede, die ich noch in derselben Nacht aus dem Gedächtnis niederschrieb und hier ziemlich wörtlich wiedergeben kann: „Ich finde," fing er an, „Eure Erklärung, daß das Verlassen des Saales keine Demonstration war, zeugt von einer gewissen politischen Reife. Auf dem Kongreß nahm ich zuerst an, es wäre eine Demonstration, und ich wollte sie ebenso ignorieren, wie ich auf dem vorigen Kongreß den Massenaustritt der Fraktion ignoriert habe. Aber man kam zu mir und sagte mir: „Diese Leute weinen draußen!" Da verstand ich, daß Ihr nicht demonstriert habt, sondern daß Ihr einer unwillkürlichen Regung gefolgt seid, weil Ihr das Baseler Programm für angegriffen hieltet. Deshalb kam ich, um Euch Erklärungen abzugeben. Es ist ein Mißverständnis. Das Baseler Programm bleibt ganz und unangetastet. Ich war in diesem Jahre in Konstantinopel; ich war dort Gast des Sultans. Der Sultan versteht es, Gäste aufzunehmen. Er stellt ihnen eine Hofequipage und seine Adjutanten für die Fahrt zum Yidiz-Kiosk zur Verfügung; er gibt ihnen Orden und überschüttet sie mit Liebenswürdigkeiten. Dies alles hätte vielleicht einen anderen geblendet und betäubt; ich aber habe dieses Blendwerk durchschaut und sagte mir: „Diese Leute wollen mich überlisten. Hier werde ich nichts erreichen." Natürlich, wenn ich große Summen hätte mit mir bringen können, dann hätte man mich vielleicht mit anderen Augen angesehen. Bei dieser Gelegenheit erinnerte ich mich an eine alte Geschichte. Es war 1901. Auch damals war ich in Konstantinopel und fand den Moment geeignet und sah, daß ich mit 15 Millionen den Charter erlangen könnte. Ich fuhr nach London und teilte dies mit, und unsere Freunde kauften Aktien unserer Bank — für 80 000. 80 000 statt 15 Millionen! Begreift Ihr? Wenn man auf solchen Aufruf eine solche Antwort gibt, dann muß man in der Kritik zurückhaltender sein, als es in unserer Organisation Brauch ist. Das ist meine Lage. Geld gebt Ihr mir nicht. Bleibt die Diplomatie; aber in den letzten zwei Tagen sah ich ja, wie Ihr mir helft, wie Ihr mich in meinen diplomatischen Versuchen unterstützt. Bei meinem letzten Besuch in Konstantinopel überlegte ich mir alle Chancen für und wider und sagte mir: Geduld, wir wollen es an einem anderen Ort versuchen. Dann begann ich über Wad-El-Arisch zu verhandeln, das man einst zu Palästina rechnete. Die Verhandlungen gingen gut, aber El-Arisch selbst erwies sich als ungeeignet. Ich war erschüttert. Da schlug mir die englische Regierung von selbst Ost-Afrika vor. Meine Herren, Sie werden mir die übertriebene Einschätzung dieses Vorschlages vielleicht verzeihen, aber ich bin ein alter Verehrer des englischen Volkes. Dieses Anerbieten rührte mich in der Tiefe meiner Seele. Es war eine schöne Tat, deren nur dieses Volk höchster Kultur fähig ist. Ich verstehe sehr gut die Psychologie dieser Tat, und deswegen gewinnt ihre Schönheit noch

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