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Die Welt · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · p. 654

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Article
Politischer Zionismus und zionistische Politik
Date
1914-07-03
Page
654 (sequence 3)
Language
German
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654 DIE^ELT Nr. 27 Rischon le-Zion. Im Weinprobierraum Bei einigem Nachdenken begreift man den inneren Zusammenhang zwischen der Herzischen Idee der „Großkolonisation“ (die als Schlagwort gegen die angeblich unpraktische Kleinkolonisation diente) und seinem Charterplan. In der Tat, wenn man beabsichtigt, in wenigen Jahren öder Jahrzehnten Millionen vön; Menschen in einem Lande anzusiedeln, so muß man sogleich an die rechtlichen Garantien denken, die den neuen sozialen Körper schützen sollen. Der Zionismus stellt sich bei dieser Betrachtungsweise als ein in allen Einzelheiten berechenbares Projekt dar, als ein Transportunternehmen, welches nur mit Geschick geleitet zu werden braucht, um den ersehnten Zustand — die jüdische Heimstätte in Palästina — in kurzer Zeit herbeizuführen. Daher erscheint es nötig, sogleich an die rechtlichen Grundlagen des Unternehmens zu denken, die Zustimmung der Mächte zu sichern und gültige Verträge mit allen beteiligten Faktoren zu schließen. Von dieser mechanischen Betrachtungsweise, nach welcher das jüdische Volk sozusagen über eine genial konstruierte Brücke in das aufnahmebereite Heimatland marschieren soll, sind wir heute meilenfern. Wir betrachten den Zionismus nicht als ein Projekt, sondern als eine historische Bewegung. Wir rechnen nicht in erster Linie mit äußeren Umständen, sondern mit der inneren Volkskraft. Doch wollen wir in diesem Zusammenhang von den allgemeinen geschichtlichen Grundlagen des Zionismus absehen und nur die nächstliegenden ökonomischen und realpolitischen Voraussetzungen des Charterplans betrachten. Wir haben heute erkannt, daß die Kolonisation Palästinas auch unter den denkbar günstigsten politischen Bedingungen ein langsam fortschreitender Prozeß ist, der nur ganz allmählich durch harte Pionierarbeit das Land zur Aufnahme größerer Massen vorbereitet. Industriekraft kann nur sehr langsam nach Palästina gelenkt werden, weil die städtische Industrie erst dann einen größeren Umfang gewinnen wird, wenn sie an einer kaufkräftigen Landbevölkerung ihren Rückhalt findet. Die ländliche Kolonisation kann ebenfalls nicht im Sturmschritt vorangehen. Zunächst muß die jüdische Bevölkerung erst zur Landarbeit erzogen werden. Ferner ist die Kolonisation kostspielig und dann auch langwierig, weil jedes Stück Boden aus privatem Besitz erworben werden muß. Hieran läßt sich durch politische Abmachungen nichts ändern, und deshalb wird die Kolonisation (wenn sie auch allmählich bei besserer Gesetzgebung und größeren Mitteln ihr Tempo beschleunigen kann) doch immer ein allmählich fortschreitender Entwicklungsprozeß, nicht aber ein rasch zu bewältigendes Transportunternehmen sein. Bei dieser Sachlage nun sinkt die tatsächliche Bedeutung weitgehender rechtlicher Konzessionen im Sinne des Chartergedankens ganz erheblich herab — so hoch sie auch vom agitatorischen Standpunkt einzuschätzen wären. Welchen Wert hätte es denn für uns, heute schon Abmachungen für einen Zustand zu treffen, der nicht das Resultat einer einmaligen Aktion, sondern das Resultat der mühsamen Arbeit von Geschlechtern sein muß? Politische Verträge gelten, nach Bismarcks Wort, immer nur „rebus sic stantibus“, d. h., wenn sich in der politischen Gesamtlage nichts Wesentliches ändert. Die Sicherheit, welche ein Charter uns gewährt, ist (da wir uns nicht auf äußere Machtmittel stützen können) sehr gering, wenn sein Inhalt sich nicht in kürzester Frist verwirklichen läßt — und eben dies ist eine nationalökonomische Unmöglichkeit. Aus diesem Grunde sind aber auch die politischen Faktoren, welche nach Herzls Plan das Charterabkommen mit uns schließen beziehungsweise garantieren sollten, selbst beim besten Willen nicht in der Lage, irgendwelche förmlichen Erklärungen abzugeben. Der Zionismus kann Sympathien gewinnen und darüber hinaus vielleicht in einzelnen Fällen Unterstützung finden, aber keine Macht wird es übernehmen, den glücklichen Ausgang einer in langsamem Wachtum begriffenen Sache zu garantieren, sobald dabei Zukunftsfragen der internationalen Politik auch nur im geringsten berührt werden. Palästina ist — wie Herzl selbst prophezeit hat — immer mehr in das Blickfeld der europäischen Diplomatie gerückt. Einflüsse verschiedenster Art sind dort tätig, wobei ganz besonders zu berücksichtigen ist, daß Palästina kein unbewohntes Gebiet darstellt, sondern bereits eine erhebliche arabische Bevölkerung aufweist. Auch diese Tatsache macht es unmöglich, nationale oder wirtschaftliche Zukunftsfragen des Landes einfach auf dem Vertragswege zu entscheiden. -Die Bevölkerungsverhältnisse, das langsame Tempo unserer Kolonisation und die Verschiedenartigkeit der mit Palästina verknüpften Interessen — dies sind die Gründe, welche die Türkei und die Mächte zur Zurückhaltung nötigen. Sie werden es sorgfältig vermeiden, im jetzigen Stadium, im Stadium des Anfangs und der Versuche, entscheidende Erklärungen abzugeben und bindende Abmachungen zu treffen. Der Chartergedanke war ein Irrtum, und wir haben diesen Irrtum eingesehen. Wir mußten das Prinzip ver-

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