Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Article
- Politischer Zionismus und zionistische Politik
- Date
- 1914-07-03
- Page
- 653 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 27 653 die&elt er in hunderttausend Herzen und Köpfen die Erkenntnis hämmerte: „Die Lösung der Judenfrage liegt in der Anerkennung der Juden als ein Volk.“ „Ein Volk kann sich nur selbst helfen; kann es das nicht, so ist ihm eben nicht zu helfen." Der politische Zionismus ist, wie jede echte nationale Bewegung, in seinen Grundlinien einfach und leicht zu verstehen. Die zionistische Politik dagegen, das heißt, die Summe derjenigen Mittel, durch welche die nationale Idee verwirklicht werden soll, ist überaus kompliziert, weil sie, wie die Politik jedes Volkes, immer von neuem an der Umwelt orientiert werden, in jedem Zeitpunkt die eigenen wie fremden Kräfte aufs neue einschätzen und kombinieren muß. Wir verstehen dabei unter Politik die bewußte Förderung alles dessen, was der Wiedergeburt unseres Volkes in Palästina dient. Gegenstand der zionistischen Politik ist daher nicht nur das Verhältnis unserer Bestrebungen zur Türkei' und zu den Mächten, sondern ebenso die Erweckung und Pflege der Volkskräfte selbst. Wir haben eine Kulturpolitik zu verfolgen, deren Hauptziel die Belebung des nationalen Bewußtseins ist. Wir treiben Kolonisationspolitik, durch die wir die jüdische Siedlung in Palästina ständig nach Maßgabe unserer Kräfte zu vergrößern und zu festigen suchen. Neben dieser inneren Politik steht die äußere, das heißt die Regelung unserer Beziehungen zu unserer Umgebung in Palästina selbst wie außerhalb Palästinas. Das Verhältnis unserer äußeren zu unserer inneren Politik schließt jenes zentrale Problem ein, um welches seinerzeit der große Prinzipienkampf für und gegen Herzls Chartergedanken entbrannte. Ein Teil unserer inneren Politik — nämlich die Erziehungs- und Propagandaarbeit in der Diaspora — sollte nach Herzls Ansicht gleichzeitig mit der äußeren Politik sofort und in vollem Umfang eingeleitet werden. (Herzl war hinsichtlich der nationalen Propaganda in der Diaspora ein „Radikaler" von der schärfsten Tonart.) In Palästina selbst aber sollte der nationale Regenerationsprozeß durch planmäßige Kolonisation erst dann verwirklicht werden, wenn die äußere Politik bestimmte, deutlich sichtbare Erfolge gebracht haben würde. Man mag zum Chartergedanken stehen wie man will: man wird anerkennen müssen, daß er klar, einfach und logisCh ist. Herzl sagte sich, daß wir das Land nicht ohne Gegenleistung von Seiten der Türkei wertvoll machen dürften. Unsere Arbeit müsse das Resultat einer bestimmten Abmachung sein, die die Türkei verpflichte, uns zu schützen und unsere nationalen Rechte zu respektieren. Es ist richtig, daß Herzl diesen Gedanken nicht in allen seinen Konsequenzen festhielt, sondern gelegentlich aus politischen Gründen oder unter dem Druck der Anhänger sofortiger Palästinaarbeit Kompromisse einging. Daß aber der Chartergedanke seine Gedanken vorwiegend beherrschte und immer das Zentrum seiner politischen Auffassung blieb, dürfte wohl unbestreitbar sein. Fragen wir nun, warum der an sich klare und logisch wohl zu rechtfertigende Chartergedanke aufgegeben werden mußte, so erkennen wir bald, daß es nicht zufällige Ursachen waren, welche Herzls neunjährige übermenschliche Anstrengungen zuschanden machten. Der Logik der Idee trat die Logik harter, im Anfangsstadium des Zionismus zu wenig beachteter Tatsachen entgegen, und an diesen mußte der Charterplan zerschellen. Herzl war bei allen seinen Berechnungen von einem Irrtum ausgegangen, der an sich mit politischen Erwägungen nichts zu tun hatte und doch für unsere Politik von den schwersten Folgen war. Herzl täuschte sich nämlich über das Tempo, in welchem die Kolonisation Palästinas möglich ist. Im „Judenstaat" war ja schon von den Ortsgruppen die Rede gewesen, die, um ihre Fahne geschart und den Rabbiner an der Spitze, sich auf den Marsch begeben sollten, während die „Jewish Company" den Besitz der Abziehenden liquidierte. Die Sprachenfrage wird im Judenstaat dahin entschieden, daß jeder zunächst seine Sprache beibehält, bis sich allmählich die geeignetste als Umgangssprache herausbildet. Hebräisch kam nicht in Betracht, denn, so fragt Herzl, wer versteht genug vom Hebräischen, um in dieser Sprache auch nur ein Eisenbahnbillet zu verlangen? Gewiß, das war 1895, noch vor dem ersten Kongreß. Aber aus hundert späteren Aussprüchen klingt die gleiche Auffassung durch, daß die Gründung des neuen jüdischen Gemeinwesens — sobald nur die rechtlichen Garantien beschafft seien — in raschestem Tempo vollzogen werden könne. (So gebrauchte Herzl unter anderem die Wendung: „den Massen das Zeichen zum Aufbruch geben.") Noch zur Zeit der El Arisch-Verhandlungen war Herzl in dieser Auffassung befangen. Auf die Frage Lord Cromers, wie viele Juden er denn im ersten Jahre in El Arisch anzusiedeln gedenke, anwortete er Hunderttausend. Kolonie Rischon le-Zion (Totalansicht)