Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Article
- Politischer Zionismus und zionistische Politik
- Date
- 1914-07-03
- Page
- 652 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3315709-3316625-3316652-3355377--61499-3355483- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
652 Nr. 27 - - -DIE^ELT.-; - ■■■=:: ■= - Politischer Zionismus und zionistische Politik Von Richard Lichtheim Der Begriff des politischen Zionismus ist in unseren Reihen häufig in wechselnder Bedeutung verwendet worden, und diese begriffliche Zweideutigkeit hat zu der Verwirrung mit beigetragen, welche sich in den viel umstrittenen Schlagworten „praktischer Zionismus“ und „politischer Zionismus“ ausdrückt. Streng genommen hat jedoch der „politische Zionismus“ mit dem ganzen Komplex der bekannten Streitfragen, welche schon zu Herzls Zeiten hervortraten und seitdem immer wieder auftauchen, überhaupt nichts zu Was heißt denn das: Politischer Zionismus? Kann es denn auch einen unpolitischen Zionismus geben? Und weshalb bedarf unsere Bewegung überhaupt eines solchen erläuternden Adjektives? Diese Frage ist berechtigt, und es wäre tatsächlich nichts geändert, wenn der Zionismus es mit seinem Namen genug sein ließe und auf alle Beiwörter, politisch oder unpolitisch, verzichtete. Wenn wir dennoch das Wort vom politischen Zionismus häufig verwenden, so tun wir dies, um den Charakter unserer Bewegung gegenüber allen Richtungen im Judentum, insbesondere auch gegenüber anderen pa- Iästinophilen Bestrebungen, mit besonderer Deutlichkeit zu betonen. Es ist ja tatsächlich eine Art von Zionismus — d. h. eine Arbeit in oder für Zion — denkbar und sogar durch manche philanthropische Vereine verwirklicht, welche von unserem Zionismus gänzlich verschieden ist. Was uns und jene trennt, ist der Geist, in dem die Zionsarbeit geleistet wird. Wir leisten sie aus nationalem Wollen — und hierin liegt der Grund, weshalb wir unseren. Zionismus als politischen Zionismus bezeichnen und so gegenüber der Philanthropie und allen anderen nichtnationalen oder antinationalen Richtungen im Judentum abgrenzen. Sicherlich denken viele Zionisten, welche von dem politischen Charakter unserer Bewegung sprechen, dabei an einzelne Aktionen, die in einem engeren Sinne als politisch bezeichnet werden, wie etwa an Unterhandlungen mit einer Regierung oder andere diplomatische Schritte. Mit solchen einzelnen Handlungen jedoch wäre die Bezeichnung unserer Bewegung als einer politischen keineswegs gerechtfertigt. Auch ein Privatmann, eine Geschäftsfirma oder ein beliebiger Verein, kann wiederholt, ja ständig mit Regierungen in Fühlung sein, ohne darum das Beiwort „politisch“ für sich beanspruchen zu dürfen. Dieses Wort weist gar nicht auf die einzelnen Machtfaktoren hin, mit denen wir es zu tun haben, sondern auf die innere Natur des Zionismus. Wir sprechen von politischem Zionismus, weil wir als Zionisten für das jüdische Volk Politik treiben. Was bedeutet das aber: für ein Volk Politik treiben? Das bedeutet, die Interessen des Volkes vertreten, das Volk erziehen, das Volk stark machen, das Volk führen. Der Sinn des Begriffs „politischer Zionismus“ ist daher in Wahrheit nichts anderes als ein Bekenntnis zur Arbeit für die jüdische Nation und ihre Zukunft in Palästina. So verstand es auch Herzl, als er gegenüber der Philanthropie, welche dem einzelnen zu helfen sucht, den Satz prägte: „Wohltätigkeit an einem ganzen Volke ausgeübt heißt Politik.“ Durch den Ausdruck „politischer Zionismus“ wollen wir also zeigen, daß wir gelernt haben, die Juden als Volk und uns selbst als Teile des Volksganzen zu betrachten, daß wir in unserer Arbeit, welche der Erneuerung des Volkstums in seiner historischen Heimat dient, von diesem nationalen Bewußtsein durchdrungen sind, daß wir durch den Zionismus dem ewigen Ziele zustreben, die Idee des nationalen Judentums zu verwirklichen. In diesem allgemeinen Sinne ist unser aller Zionismus politischer Zionismus. Die Kämpfe, welche unsere Organisation erschütterten, haben uns nicht ernstlich zu schaden vermocht, weil die nationale Idee von keiner Seite in Frage gestellt wurde. Wir sind, was wir waren, und jeder von uns war und ist ein nationaler Jude, oder — Was dasselbe bedeutet, sobald wir dem Nationalgefühl einen Inhalt, dem nationalen Willen ein Ziel geben — ein politischer Zionist. Zuweilen haben einzelne Anhänger unserer Bewegung, welche sich mit besonderer Betonung „politische Zionisten“ nennen, den Versuch gemacht, den „praktischen“ Zionisten die Größe jener Konzeption abzusprechen, die wir soeben als unsere nationale Idee oder als politischen Zionismus bezeichneten. Dagegen haben sich die „Praktischen“ immer mit Recht gewehrt. Ihre Auffassung vom jüdischen Volke und seiner Zukunft ist keineswegs kleiner oder beschränkter als die Auffassung ihrer „politischen" Gegner. Der Streit in unserem Lager ging nie um den politischen Zionismus, sondern immer nur um die Einzelheiten seiner Ausführung, das heißt um die zionistische Politik. Weil man häufig diese Begriffe, die etwas ganz verschiedenes ausdrücken. einander gleichsetzte, entstand eine Verwirrung, die in dem Kampfe der Parteien zu dem ganz ungerechten Vorwurf benutzt wurde, die „Praktischen" hätten die großen Ideen des Herzischen Zionismus, des wahren politischen Zionismus, aufgegeben. Mit diesem Vorwurf erschreckte man die zahlreichen Anhänger unserer Bewegung, welche zwar in sich das instinktive Bewußtsein von der Größe des Zionismus tragen, jedoch nicht imstande sind, genau zu unterscheiden, was an dem politischen Zionismus wesentlich und von Dauer ist und was nur als vorübergehendes Mittel der zionistischen Politik angesehen werden darf. Diese Unklarheit besteht hier und da auch heute noch, und deshalb ist es geboten, den begrifflichen Unterschied zwischen politischem Zionismus und zionistischer Politik deutlich zu machen. Die Erörterung! der Einzelheiten unserer Politik wird mit größerer Ruhe und Unbefangenheit vor sich gehen können, wenn wir uns stets vor Augen halten, daß der Grundcharakter unserer Bewegung niemals eine Veränderung erlitten hat. Eine spätere Zeit wird daher auch die Verschiedenartigkeit der Auffassung, welche die alten Chowewe Zion von Herzl trennte, sehr wenig beachten. Für den Historiker der Zukunft, welcher die Geschichte der jüngsten nationalen Erneuerung des Judentums beschreibt, werden die Gedanken Pinskers, Herzls und Achad Haams nur verschiedene Nuancen der einen, unteilbaren, in uns allen wirkenden Idee der jüdischen Nation sein, welche sich in Palästina erneuern soll. Dies und nichts anderes ist der Inhalt des politischen Zionismus. Herzls überragende Bedeutung für die Geschichte des Zionismus besteht darum auch nicht in der Formulierung des Chartergedankens oder in seinen diplomatischen Versuchen. Herzls Bedeutung liegt darin, daß es ihm gelang, Ost und West in der Idee der nationalen Erneuerung zusammenzufassen, daß er durch Gedanken, die er aussprach, und durch die Taten, die er vollbrachte, das Gewissen seiner Nation weckte, daß