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Die Welt · 1914-06-19 · 25 (19.6.1914) · p. 604

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
25 (19.6.1914)
Article
Der XIV. Delegiertentag der zionistischen Vereinigung für Deutschland
Date
1914-06-19
Page
604 (sequence 4)
Language
German
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604 D1E3§KELT Nr. 25 jüdischnationaler Jugendorganisationen entsteht, als wichtigste und unerläßliche Ergänzung unserer im wesentlichen auf die Bedürfnisse der Aelteren eingerichteten Ortsgruppen. Wir Aelteren haben dieser Entwicklung bisher vielfach wie unbeteiligte Zuschauer gegenübergestanden: Nur für unsere studentischen Korporationen hat ein weiterer Kreis aktives Interesse bewiesen. Wie wir aber als Alte Herren akademischer Verbindungen den wechselnden studentischen Generationen gegenüber die Einheit der Verbindung sicherstellen, so müssen wir älteren Zionisten auch der zionistischen Jugend überhaupt die äußeren Möglichkeiten der Betätigung geben, wie sie körperliche und geistige Erziehung fordern, und in ihren Organisationen entsprechend der Bedeutung der Aufgabe ernst mitarbeiten. Im Vergleich zur positiven Mitarbeit in unseren eigenen Jugendorganisationen, die unsere Kräfte voll in Anspruch nehmen wird, tritt naturgemäß unsere Anteilnahme an anderen jüdischen Jugendorganisationen in den Hintergrund. Das Problem der neutralen Jugendvereine verliert damit für uns seine praktische Bedeutung. Geehrter Delegiertentag 1 Ich möchte die Frage der Jugenderziehung .nicht abschließen, ohne eine Angelegenheit zu berühren, die auf jeder jüdischen Tagung besprochen werden sollte: es ist der Beschluß des Wandervogels in der Judenfrage. Wir Zionisten haben von vornherein unsere Aufgabe in der Gründung eigener Jugendorganisationen gesehen, und nach Einfluß im Wandervogel nie gestrebt. Das Programm des Wandervogels aber war an sich dazu angetan, auch uns Juden für die Erziehung unserer Kinder neue Wege zu weisen. Um so energischer aber müssen wir gegen die antisemitische Entwicklung des Wandervogels Stellung nehmen. Wir erheben öffentlichen Protest gegen die unerhörten Beschimpfungen, denen das Judentum in der Presse des Wandervogels ausgesetzt war und sprechen unsere Empörung über die Versuche aus, den jüdischen Nationalgedanken zur Begründung ärgsten Radau-Antisemiti smus h eranzuziehen. Neben den Fragen der Erziehung der nächsten Generation gibt es naturgemäß auch für diese Tagung ein Gebiet der .Beratung: Palästina. Und Sie werden von Herrn Motzkin, der soeben von dort zurückgekehrt ist, einen Bericht über die Lage in Palästina und über unsere nächsten palästinensischen Aufgaben hören. Doch mit einem Bericht allein können wir uns nicht mehr begnügen. Palästina ist unserem Empfinden von Jahr zu Jahr näher gerückt. Es fordert die persönliche Mitwirkung jedes Zionisten am Aufbau der neuen jüdischen Siedul ng. Manche unserer Freunde haben sich selbst als Pioniere in den Dienst Palästinas gestellt. Andere wollen sich wirtschaftliche Interessen im heiligen Lande schaffen. Und so wird Ihnen Herr Dr. Zlocisti den Plan einer Achusah vorlegen, .wie er im praktischen Amerika entstanden ist und wie er sich auch für deutsche Zionisten in die Wirklichkeit Umsetzer, läßt Geehrter Delegiertentag! Mit freudigem Stolz haben wir festgestellt, daß auch in diesen Jahren unsere Organisation gewachsen, unsere Idee fortgeschritten ist. Bald wird sich der Tag zum zehnten Male jähren, an dem wir unseren Führer Theodor HerzI ins frühe Grab betten müßten. Was wir .an seinem Grabe geschworen, haben wir gehalten. Langsam war unser Aufstieg. Kein noch so geringer Erfolg, ist uns mühelos in den Schoß gefallen. Aber in zäher Arbeit haben .wir seinem Werk eine feste Grundlage im deutschen Judentum geschaffen. Sicher und seines Wertes bewußt führt der deutsche Zionismus den Kampf um die Zukunft unseres Volkes. Und so wandeln sich die Tage der Trauer um den, der unser aller Lehrer und Erzieher war, in nationale Feiertage. Unsere Arbeit, unsere Tagungen seien die Denkmäler, die wir dem Geiste Theodor Herzls weihen, dem Geiste voller Hingabe des Mannes an sein Werk, dem Geiste eines unbedingten Nationalismus, einer niemals verzagenden Liebe zum Lande unserer Väter. Der XIV. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland ist eröffnet. Nach der Eröffnungsrede Dr. Hantkes, die mit lebhaftem Beifall aufgenommen wurde, begrüßt im Namen des Engeren Actions-Comites Herr Dr. Tschlenow den Delegiertentag. Er weist darauf hin, daß die Beziehungen der Leitung zur zionistischen Organisation in Deutschland besonders enge sind. In einer Zeit großer Kämpfe und aufopferungsvoller Arbeit hat der deutsche Zionismus bewiesen, daß er in der deutschen Judenheit Wurzel gefaßt habe. Dies könne nicht hoch genug bewertet werden. Der deutsche Zionismus hat der Gesamtorganisation tüchtige Offiziere und Generäle geliefert und durch die Einheitlichkeit und Geschlossenheit im Auftreten nach außen ein leuchtendes Vorbild der gesamten Bewegung gegeben. Dr. Tschlenow gibt einen kurzen Ueberblick über die politischen und kolonisatorischen Aufgaben der nächsten Zeit, für welche er die Unterstützung der deutschen Organisation erbittet. Er begrüßt in herzlichen Worten den Delegiertentag und wünscht seinen Arbeiten einen ersprießlichen Erfolg. Der Vorsitzende der Zionistischen Ortsgruppe Leipzig, Herr Rudolf Schick, bewillkommnet den Delegiertentag namens der lokalen Organisation. Hierauf wird die Wahl des Bureaus vorgenommen, dem folgende Herren angehören: Präsident: Dr. Arthur Hantke- Berlin; Vizepräsidenten: Justizrat Bodenheimer - Köln, Arnold Wiener- Kattowitz, Rudolf Schick- Leipzig; Beisitzer : Dr. Ascher- Dessau, Dr. Sichel- Chemnitz, Dr. Kollenscher - Posen, Leopold Landau- Hamburg, Gustav Schwabe- Varel. Der Vorsitzende Dr. Hantke dankt den Herren Dr. Tschlenow und Schick und erwähnt, daß schriftliche Begrüßungen eingegangen sind vom Rat der Stadt Leipzig und den anderen städtischen Behörden. Die Leipziger Ortsgruppe und der Rat der Stadt Leipzig haben für alle Delegierten eine Ehrengabe in Form von Büchern gespendet. Die Spende der Leipziger Gesinnungsgenossen bestand in den sechs Kongreßreden Herzls, die in einem vornehmen Geschenkband jedem Delegierten überreicht wurde. Der Rat der Stadt Leipzig sandte für die Delegierten eine Geschichte der Stadt Leipzig und einen Führer durch die zurzeit stattfindende Internationale Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik. Des weiteren begrüßt Dr. Hantke die verschiedenen Vertreter der jüdischen Organisationen und Institutionen, die Herren Rabbiner Prof. Dr. Porges, Rabbiner Dr. Carlebach von der Talmudthorah-Gemeinde, den Vertreter der Alliance Israelite Universelle, ferner die Vertreter des Misrachi und der zionistischen Studentenorganisation Hechawer. Nach den Begrüßungen setzt sofort die Generaldebatte ein. Als Erster spricht Rechtsanwalt Dr. Klee, der der Leitung vorbehaltlos seine Anerkennung insbesondere für die Haltung im Sprachenkampf und im Kampf gegen das Antizionistische Komitee ausspricht. Wir sind aus den Kämpfen der letzten Monate wesentlich gestärkt hervorgegangen. Unsere gegensätzliche Stellung zum Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und der Austritt unserer Gesinnungsgenossen aus dieser Organisation hat die Schaffung des Reichsvereins deutscher Juden als notwendige Konsequenz zur Folge gehabt. Der Reichsverein wird die Aufgaben, in welchen der Staatsbürgerverein für das deutsche Judentum versagt hat, auf sich nehmen. Die Feuerprobe hat er bereits bestanden, indem er eine Aktion für die Anerkennung des aktiven und passiven Wahlrechtes der ausländischen Juden in den jüdischen Gemeinden in Deutschland erfolgreich durchgeführt hat. Arnold Wiener- Kattowitz wünscht eine noch schärfere Betonung der national-radikalen Propaganda und den Aus-, tritt aus den anderen jüdischen Organisationen, insbesondere aus dem Verband der deutschen Juden. Dr. Friedemann - Berlin wendet sich in längeren Ausführungen gegen .die radikale Betonung der nationalen Propaganda unter den deutschen Juden. Er ist mit der Stellungnahme der Organisation im Sprachenkampf vollkommen einverstanden, weil in einem derartigen Kampf ein Zusammengehen aller Zionisten politisch eine unbedingte Notwendigkeit ist. Dagegen hält er die Propagierung des national-kulturellen Ideals in der Diaspora für schädlich. Audi die Posener Resolution, die es jedem deutschen Zionisten zur Pflicht macht, die Uebersiedhmg nach Palästina in sein Lebensprogramm aufzunehmen, hält Redner für undurchführbar und daher für zwecklos. Dr. H eymann - Berlin wendet sich gegen die Ausführungen Dr. Friedemanns und sieht den Beweis für die Richtigkeit der national-radikalen Propaganda in der ungemein günstigen Entwicklung, die der Zionismus in den letzten zwei Jahren in Deutschland genommen hat. Die erfreulichste Erscheinung ist unsere Jugend, die von neuem Geist erfüllt, unsere Idee in immer weitere Kreise tragen wird. Er hält die Posener Resolution für ein Glück und hofft, daß die diesmalige Tagung uns einen Schritt weiter zur Verwirklichung dieser Resolution bringen wird. Das Zusammengehen mit anderen Organisationen hält er für eine taktische Frage. Die Vormittags Sitzung wird um y»2 Uhr geschlossen. In der Nachmittagssitzung spricht als erster Redner Kurt Blumenfeld. Er stellt gegenüber der hoffnungslosen Resignation Friedemanns die nationale Forderung des Zionismus auf. Jeder Zionist müsse sein Leben mit dem neuen jüdischen Geist Palästinas erfüllen und sich zu einem reinen, von allen Konflikten und Befürchtungen freien Nationalismus durchringen. Zionistische Minimalprogramme für die Gesinnungen und Handlungen des einzelnen Zionisten sind der Tod des Zionismus.

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