Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 25 (19.6.1914)
- Article
- Der XIV. Delegiertentag der zionistischen Vereinigung für Deutschland
- Date
- 1914-06-19
- Page
- 603 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 25 t>IE3§£ELT 603 des Landesverbandes. Und doch ist es nicht zu vermeiden, daß im wechselnden Lauf der Jahre bald diese, bald jene Seite unserer Tätigkeit in den Vordergrund tritt und von selbst die Diskussionen unserer Tagungen beherrscht. Und so scheint mir die Forderung des Tages für diesen unseren 14. Delegiertentag die Frage der Erziehung und Ausbildung der nächsten zionistischen Generation zu sein. In den ersten Jahren war uns dieses Problem fremd. Wir selbst waren ja die neue Generation, die auf das Kampffeld des jüdisch-politischen Lebens drängte. Aber wir sind älter geworden, und so müssen wir uns fragen: Sollen wir wieder bei jeder neuen Generation ausschließlich auf die Propaganda angewiesen sein oder gibt es ein System jüdischer Erziehung, das den nach uns Kommenden den Weg erleichtert? Die Frage ist bitter ernst. Niemand kennt so gut als wir selbst die Schwierigkeit, die Jugend trotz der überwältigenden Einflüsse der uns umgebenden und uns erfüllenden Kulturen zu stolzen und zukunftsfreudigen Juden zu erziehen. Niemand vermag so wie wir zu beurteilen, welchen Schicksalen, ja sogar welchen Zufälligkeiten es der größte Teil der Zionisten verdankt, daß er sich einmal von den Fesseln der Assimilation befreien konnte. Und niemand sieht so deutlich die Schranken, die selbst der intensivsten Ideenpropaganda gesetzt sind. Auf der anderen Seite stellt gerade die Vergrößerung unserer Organisation neue Ansprüche an uns. In einer steigenden Anzahl von Gemeinden entwickelt sich zu unserer Freude ein zionistisches Leben. Zionistische Kreise schließen sich zu engeren Lebensgemeinschaften zusammen, prüfen die Probleme unserer Nationalidee und suchen ihr Leben mit nationalem Geiste zu erfüllen. Gerade der Kampf um die hebräische Schule in Palästina hat vielen die Augen geöffnet für die hohe Bedeutung, die das Erziehungsproblem und die Durchdringung des Volkes mit nationalem Wissen für unsere Idee hat. So bedeutungsvoll diese Tendenzen für die Zukunft sind, so nehmen sie doch zeitweise manche Kraft in Anspruch, die sich früher der täglichen Propaganda gewidmet hat. Und wer von uns wünschte nicht, seine Kräfte für diese Aufgaben freizubekommen und sie nicht ausschließlich der politischen Organisation widmen zu müssen, so sehr wir alle anerkennen, daß nur in ihrem Rahmen die Möglichkeiten eines jüdischnationalen Lebens gegeben sind und daß ihre dauernde Stärkung die unumgängliche Vorbedingung für alle Zukunftsentvvickhjng ist. Und diejenigen von uns, die an der Lösung des Erziehungsproblems nicht nur als Propagandisten, sondern als zionistische Väter oder Mütter beteiligt sind, sind sich wohl bewußt, welche hohe Verantwortung der Organisation und unserer Idee gegenüber sie in der Erziehung der eigenen. Kinder zu tragen haben. Denn letzten Endes wird der Sieg des Zionismus davon abhängen, ob es uns mehr als anderen jüdischen Strömungen gelingt, unsere Kinder an der Fahne des Judentums festzuhalten, ob wir fähig sind, die starke Begeisterung für unser Volk und seine Zukunft einer kommenden Generation zu übermitteln. Alle diese Momente zwingen uns, dem Erziehungsproblem die größte Aufmerksamkeit zuzuwenden und nach Wegen zu suchen, die der nächsten Generation den Weg zum Zionismus selbverständlicher machen, als er uns einmal gewesen ist. Ich habe keine Sorge, daß uns auch diese Aufgabe praktisch zu lösen vergönnt sein wird. Wir haben so viele Hindernisse auf dem Wege zu unserem Judentum zu überwinden gelernt, daß wir auch den .Weg zum Herzen der nach uns Kommenden finden werden. Die Aufgabe Ist aber zu bedeutungsvoll, um nicht auf unserer wichtigsten Tagung besprochen zu werden, und ihre öffentliche Diskussion kann nicht früh genug einsetzen. Zu deren Einleitung mag auf einige grundlegende Punkte Bezug genommen werden. In weiser Beschränkung hat die Rechtsordnung der Jugend unter 18 Jahren die Anteilnahme an politischen Bestrebungen versagt. Auch wir lehnen es auf das Entschiedenste ab, junge Leute unter 18 Jahren parteimäßig organisieren zu wollen. Trotzdem ist die Erziehung auch dieser Jugend unsere, der politischen Zionisten, Aufgabe. Das beweist ein kurzer Blick auf den heutigen Stand des jüdischen Erziehungswesens. Die Kenntnis der hebräischen Sprache wird immer geringer, weil Schule und Haus sie in immer magerer werdenden Portionen lehren. Selbst in der Geschichte unseres Volkes und seiner Literatur wird der Unterricht trotz aller in deutscher Sprache erschienenen Lehrbücher und Übersetzungen immer dürftiger. Das Bewußtsein der Einheit der Judenheit wird immer undeutlicher. Ganz bewußt wird die Kluft zwischen der Masse der Juden in Osteuropa und den westeuropäischen Juden vergrößert, die angebliche Eigenart des deutschen Judentums gegenüber den Anschauungen anderer Juden immer wieder betont. Die Liebe zu Palästina als der Wiege unseres Stammes und unserer Religion wird absichtlich unterdrückt, so daß mancher Nichtjude dem Lande Israel mehr Ehrerbietung und innigere Liebe zollt, als viele Söhne unseres eigenen Volkes. So werden die wichtigsten Grundlagen aller jüdischen Erziehung erschüttert. In nichtzionistischen Kreisen allerdings berauscht man sich gern an der zutage tretenden Stärkung des jüdischen Bewußtseins und weist auf das Blühen aller jüdischen sozialen Organisationen und eine stärkere Anteilnahme am religiösen Leben hin. So weit hier nicht Fernwirkungen unserer zionistischen Propaganda, des jüdischen Nationalismus mit seiner Befruchtung aller jüdischen Interessen vorliegen, können wir leider nur eine arge Selbsttäuschung des offiziellen Judentums konstatieren. Die Begabung unseres Zeitalters für organisatorische Dinge hat wohl auch außerhalb des Zionismus ihre Früchte getragen und die jüdisch-interessierten Kreise straffer als früher zusammengefaßt. Wohl erfreut sich auch dieser oder jener Verein — gar zu viele sind es nicht — einer lebendigen Anteilnahme seiner Mitglieder. Wohl hat der Staat durch Zwangsmaßregeln den Besuch des jüdischen Religionsunterrichtes gefördert. Aber Taufe, Abfall und Mischehe üben weiter ihre verherrenden Wirkungen aus, und der Kreis der Männer und Frauen, die am Leben der Gemeinden teilnehmen, reicht noch immer sehr knapp aus und zwingt gar manche Gemeinde, ihre Ehrenämter Männern anzuvertrauen, die recht ungeeignete Repräsentanten einer Gemeinschaft sind, welche das Judentum auch kommenden Generationen übermitteln will. Und die angeblich sich stärkende moderne Religiosität hat sehr wenig mit jener altberühmten Frömmigkeit unserer Ahnen gemeinsam, von der jeder Tag ihres Lebens durchdrungen war. Besser können auch die Ergebnisse nicht sein, wenn so viele Lehrer die doch so dürftig bemessene Zeit für den Religionsunterricht noch benutzen zu müssen glauben, um gegen den Zionismus zu wettern und in recht unpädagogischer Gesinnungsschnüffelei in jeder Organisation nach zionistisch verdächtigen Momenten zu suchen. Hat man doch sogar schon vorgeschlagen, den Kindern das Lesen nationaljüdischer Bücher zu verbieten. Solchen Tendenzen gegenüber müssen wir versuchen, die jüdische Erziehung späterer Generationen auf eine neue Grundlage zu stellen, ihr ein freudigeres Bekenntnis zum Judentum, eine größere Vertrautheit mit der Geschichte unseres Stammes und seiner Sprache, eine stärkere Liebe zu allen seinen Gliedern und hierauf aufbauend das Vertrauen auf eine Wiedergeburt unseres Volkes einzuflößen. Nur eine so erzogene Jugend wird im reiferen Alter die Pflicht fühlen, alle ihre Kräfte in den Dienst der Gesamtheit zu stellen. Und diese Erziehungsarbeit werden immer nur Männer und Frauen leisten können, deren Seelen sich selbst mit der Gedankenwelt der jüdischen Renaissancebewegung erfüllt haben und die bereit sind, diesem Ideale Opfer zu bringen. Ueber die Wege, die zu einer solchen Erziehung führen, herrschen allerdings auch in unseren engeren Kreisen noch vielfach differierende Ansichten. Noch mancher zionistische Vater laubt seinen Sohn mit den Mitteln, die ihm die Organisation ietet, zum Juden erziehen zu können. Das ist ein Irrtum. Politische Programme sind keine Erziehungssysteme, und die Persönlichkeiten großer Männer wirken nur dann erzieherisch, wenn sie dem Kinde als Symbole und Repräsentanten geistiger Ideen nahe gebracht werden. Andere Versuche, die einzelne unserer Parteigenossen zur Lösung des Problems in ihren Familien unternommen haben, sind einer systematischen und fachmännischen Prüfung noch nicht unterworfen worden. Auch außerhalb des Hauses ist noch wenig Erfreulliches zu berichten. Einige hebräische Kindergärten sind gegründet. Die Kenntnis der hebräischen Sprache wird überhaupt wieder mehr gepflegt. Auch die Literatur bemüht sich, dem Erziehungsproblem gerechter zu werden, wie das vom Jüdischen Verlag herausgegebene Peßachbuch „Chad Gadja“ zeigt. Auch die in der letzten Zeit gerundeten Wandervereine „Blau-Weiß“ scheinen für die Zuunft viel zu versprechen. Es kann aber nicht Aufgabe des Delegiertentages sein, eine Systematik der Erziehungsfrage zu entwerfen. Wir müssen uns darauf beschränken, auf das Problem hingewiesen, einige Möglichkeiten gezeigt und seine Erörterung in der Zukunft vorbereitet zu haben. Festeren Grund und Boden spüren wir, wenn wir uns der Frage der Jugend über IS Jahren, also demjenigen Teil der Jugend zuwenden, der sich politisch organisieren läßt. Hier haben wir schon manches gute Resultat erzielt. Die Arbeit war aber nicht von der Gesamtheit der Organisation getragen. Einzelnen Gruppen überlassen, nach verschiedenen Richtungen orientiert, entbehrte sie straffer Zusammenfassung, einheitlicher Durchführung. Erst in den letzten zwei Jahren haben wir begonnen, ihr größere Aufmerksamkeit zuzuwenden. An diese Vorarbeiten können wir anknüpfen. Sie bestehen in der Gründung zionistischer Jugendvereine, in der Förderung des Herzl-Bundes, der Studenten-Organisationen und der Jüdischen Turnerschaft. Diese Organisationen gilt es auszubauen, so daß allmählich ein lückenloses Netz zionistischer und