Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 25 (19.6.1914)
- Article
- Der XIV. Delegiertentag der zionistischen Vereinigung für Deutschland
- Date
- 1914-06-19
- Page
- 602 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr- 25 602 DIE3&EELT Frage des Technikums veröffentlichte es im Inseratenteil der führenden fortschrittlichen und nationalliberalen Zeitungen eine Erklärung, nach der die Unterzeichner für die Zukunft jede gemeinsame jüdische Betätigung mit den Zionisten ablehnten und das Tischtuch zwischen sich und uns zerschnitten. Nicht einmal für das neutrale Gebiet der Wohltätigkeit und der rein religiösen Aufgaben war eine Ausnahme gemacht. Dem Bannstrahl, den der Ausschuß des deutschen Rabbinerverbandes im Jahre 1896 gegen den Zionismus geschleudert hatte, folgte jetzt der Bann der Notahein. Jener rabbinische Bann gehört längst der Geschichte an. Vom Banne der Notabein können wir schon jetzt nach wenigen Monaten ein gleiches feststellen. Ueber jedes Maß hinausgehend, jedem Juden unverständlich, der die Welt nicht mit den Augen einer engen, von der lebendigen jüdischen Entwicklung abgeschnittenen Parteigruppe ansieht, von der deutschen Oeffentlichkeit teils direkt abgelehnt, teils mit Nichtachtung bestraft, hat diese Erklärung wenig Spuren hinterlassen. Die großen Organisationen des deutschen Judentums, die sich vom Kampf gegen den Zionismus fernhalten, der Verband der deutschen Juden, die Großloge des Ordens Bnei Brith, ja sogar der Hilfsverein der deutschen Juden, 'haben sie für sich abgelehnt. Und die Unterzeichner der Erklärung sitzen weiter mit den angeblichen Feinden der Religion -in allen möglichen Komitees zusammen. So unleugbar das Ansehen unserer Organisation während aller dieser Kämpfe in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen gestiegen -ist wie sich eben alles Starke und Ganze in dieser Welt stets durchsetzt, so perhorreszieren doch manche unter uns alle diese Kämpfe und wünschen für die Zukunft eine gemeinsame Arbeit mit nichtzionistischen Elementen. Gewiß, auch wir sind keine Freunde ewigen Kampfes, ewiger Streitigkeiten. Auch wir würden uns freuen? in anderen Kreisen Hilfe und Beistand zu finden. Auch wir sind nicht engherzig genug, gute Arbeit abzulehnen, wenn sie nicht unter unserem Namen geleistet wird. Auch wir werden nicht ableugnen, daß auch auf unserer Seite Unnötige Schroffheiten und persönliche Angriffe vorgekommen sind. Aber unser Schuldkonto in allen diesen 18 Jahren seit der Gründung unserer Organisation ist ausgeglichen durch die wahrhaft unerhörten Angriffe, welche die Broschüren des Antizionistischen Komitees auszeichnen. Und kein Assimilant kann sich mehr über mangelnde Einschätzung seiner jüdischen Arbeit durch uns beklagen, seitdem die religiös indifferentesten und mit der Verantwortung für allen Abfall in den von ihnen seit drei Generationen geleiteten Gemeinden beladenen Kreise die Zionisten zu Feinden der Religion zu stempeln suchten und damit den sonst von . ihnen dn ihrer Betätigung in der allgemeinen Politik so verhaßten Geruch des Scheiterhaufens in die jüdischen Kämpfe einführten. Die Geschichte unserer Beziehungen zum Hilfsverein beweist auch, wie überaus unwahrscheinlich eine dauernde Zusammenarbeit zionistischer und nichtzionistischer Organisationen ist, solange nicht auch der außerhalb unserer Organisation Stehende sich zum mindesten mit dem nationalen Charakter der neuen Siedlung in Palästina innerlich ausgesöhnt hat. Wer mit uns den Juden Palästinas zu einem von fremden Einflüssen unabhängigen, auf dem Boden hebräischer Nationalkultur aufgebauten eigenen Leben verhelfen will, wer entschlossen ist, dem Judentum Palästinas dieselbe Freiheit der Entscheidung zuzuerkennen, die er ausnahmslos den Juden jedes anderen Landes einräumt, und wer sich nicht fürchtet, daß der Geist dieser nationalempfindenden, hebräisch sprechenden und denkenden Judenheit Palästinas wie in alter Zeit wieder das Judentum der Diaspora befruchten wird, wer sich nicht scheut vor dem Wiedererwachen des Landes, das alle, aber auch alle Großtaten unseres Stammes und unserer Religion gesehen hat — der sei uns willkommen! Wir werden ihn nach seiner sonstigen Stellungnahme nicht fragen. Wir werden ihm jede Möglichkeit geben, nach der er verlangt, um außerhalb unserer Organisation mit uns zu arbeiten. Und alle Zionisten werden ihm dieselbe tiefe Dankbarkeit und öffentliche Anerkennung zeigen, über die der Hilfsverein so viele Jahre quittieren konnte. Solange man aber versucht, neben die alte, auf wirtschaftlicher Hilfe aufgebaute Chaluka eine geistige Chaluka zu setzen, werden wir deren Schäden ebenso energisch bekämpfen, wie wir trotz allen Verständnisses für den ursprünglichen Grund der alten Chaluka auch diese einer schonungslosen Kritik unterzogen haben, wie es unsere Pflicht erforderte.__ _ Der Kampf hat auch nicht" uns selbst^verdorben, wie wohl dieser oder jener fürchten mag. Denn wir haben uns nie auf den Kampf beschränkt. Die Resolution des Zentralvereins beantworteten wir nicht nur mit einer Gegenresolution, sondern wir gründeten den Reichsverein der deutschen Juden und schufen uns und unseren nichtzionistischen Freunden so ein Instrument, um unseren Kampf gegen jüdischen und nichtjüdischen Antisemitismus zu führen. Ihm verdankt das deutsche Judentum den einzigen mannhaften Protest gegen den Beilis-Prozeß und die Abwehr der Angriffe der Liberalen gegen das Wahlrecht der ausländischen Juden in Preußen, wobei sich der Reichsverein der tatkräftigen Unterstützung der Orthodoxie zu erfreuen hatte. Den Kampf um das Technikum beantwortete die zionistische Organisation mit der Schaffung eines autonomen hebräischen Schulsystems in Palästina. Den antizionistischen Annoncen folgte eine Versammlungsaktion, bei der in wenigen Tagen in 87 Städten Deutschlands in größter Oeffentlichkeit die zionistische Idee dargelegt und tausenden deutscher Juden nähergebracht wurde. So führten wir unseren Kampf stets mit positiver Arbeit, so wurde jede Abwehr die Quelle neuen und fruchtbaren zionistischen Tuns. Dieser ständige Fortschritt unserer Idee läßt sich auch rein zahlenmäßig beweisen. Die Zahl der organisierten Zionisten stieg in Deutschland in der letzten Kongreßperiode von 7830 auf 9867. Unser Zentralbureau sieht nunmehr auf eine Geschichte von 10 Jahren zurück. Aus kleinen Anfängen entstanden, ist es zu einem in sich abgeschlossenen organischen Körper unserer Bewegung geworden. Auf modernen Prinzipien aufgebaut, hat es anderen Einrichtungen zum Muster gedient und sich eine über die Grenzen unseres Landesverbandes hinausgehende Popularität geschaffen. Unser Organ, die „Jüdische Rundschau“, dringt in alle Kreise unserer Organisation. Auch die „Welt“ hat ihren Wirkungskreis in Deutschland vergrößert. Neue und willkommene Bundesgenossen haben wir in zwei neuen zionistischen Wochenschriften, den „Hamburger Jüdischen Nachrichten“ und dem „Jüdischen Echo“, gefunden, während das „Frankfurter Israelitische Familienblatt“ in altem Eifer unserer Sache dient. So verfügt die zionistische Presse unseres Landesverbandes bereits über fünf Organe. Allgemeine Anerkennung in der Presse hat das - von uns im vergangenen Jahre herausgegebene Jüdische Gemeindejahrbuch gefunden. Unsere Sammlungen für den Jüdischen Nationalfonds überschritten im Jahre 1913 zum ersten Male die Summe von 100 (XX) M. Daneben gaben wir dem Zionistischen Actions- Gomite außer dem Schekel im Jahre 1912/13 12 000 M., im Jahre 1913/14 60 000 M. Rechnen wir hierzu unsere Ausgaben für unsere Landeszentrale, für unsere Presse, für unsere Jugendorganisationen, für unsere Institutionen in Palästina, so können wir konstatieren, daß wir zurzeit jährlich etwa 240 000 M. für zionistische Zwecke aufbringen, abgesehen natürlich von den Kosten der lokalen Vereine. Unsere Organisation ist denn jetzt auch in 450 Orten Deutschlands vertreten. Nicht ganz im Einklang mit diesen Zahlen stehen die Kapitalsanlagen deutscher Zionisten in Palästina. Hier sehen wir noch die Folgen der früheren Jahre, in denen der persönliche Zusammenhang der deutschen Zionisten mit Palästina ein geringer war. Doch beginnt sich auch hier ein Umschwung bemerkbar zu machen. Wenig zufriedenstellend sind auch die Finanzen unseres Landesverbandes. Zum erstenmal, seitdem wir vor vier Jahren unser Bureau erweitert und das Parteisekretariat geschaffen haben, ist es nicht gelungen, unsere Ausgaben voll zu decken. Unsere laufenden Ausgaben haben im Jahre 1913 etwa 25 000 Mark betragen. Sie werden im Jahre 1914 und auch in den folgenden Jahren nicht geringer werden, wenn anders Sie wünschen, daß wir unsere Arbeit im alten Rahmen fortsetzen. Im Gegenteil wird die unbedingt erforderliche Verstärkung unserer Propaganda und unserer Erziehungsarbeit an der heranwachsenden Jugend die Aufbringung neuer Mittel erforderlich machen. Es muß daher unter allen Umständen von sämtlichen Ortsgruppen die Abführung des Landesbeitrages für alle Mitglieder ausnahmslos gefordert werden, wenn dies auch eine Erhöhung der lokalen Abgaben zur Folge haben muß. Ich spreche auch die Bitte aus, uns mehr als bisher in der Sammlung von Beiträgen für unsere Propaganda zu unterstützen. Deutschland gilt überall als die hohe Schule des Organisationswesens, und so sollten auch wir deutschen Zionisten den anderen Landesverbänden in der Wertschätzung der organisatorischen und propagandistischen Aufgaben mit gutem Beispiel vorangehen. Lassen Sie Ihre Zentrale nicht schlaff werden und ermüden in der Sorge um die täglichen Ausgaben! Eine Gemeinschaft, die jährlich 240 000 M. aufbringt, kann auch die 5000 M. aufbringen, die wir äußerstenfalls noch benötigen. Geehrter Delegiertentag'. Unsere zionistische Organisation hat sich eine ganze Reihe einzelner Arbeitsgebiete geschaffen. Sind auch manche von ihnen bedeutungsvoller, manche weniger ausschlaggebend, so entsteht doch nur dann der Eindruck einer harmonischen, in sich abgerundeten und systematischen Arbeit, wenn alle diese verschiedenen Tätigkeitsfelder mit gleicher Liebe gepflegt werden. Dies gilt auch fiir den engeren Rahmen