Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 25 (19.6.1914)
- Article
- Der Abfall in Russland
- Date
- 1914-06-19
- Page
- 598 (sequence 2)
- Language
- German
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- Odesa 3× ep/1000834
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Nr. 25 t>IE3$£ELT 508 Ergebnisse dreier Enqueten vor, die unter der jüdischen Studentenschaft in Odessa, Kiew und Kasan veranstaltet worden sind. Und sie sind wirklich überraschend für einen Westjuden, der tief davon überzeugt ist, daß im Ostjudentum die Jugend noch streng national, ja sogar orthodox erzogen wird. Es stellt sich heraus, daß z. B. in Odessa 41 o/o. eine im nationalen Sinne „gleichgültige" Erziehung genossen haben; in Kiew war bei 41,7 o/0 und in Kasan bei 49,3 o/o das Russische die Erziehungssprache. Dagegen ist die hebräisthe Sprache für 53,6 o/0 in Odessa und für 43 o/o in Kiew eine vollständige tabula rasa. Sogar das Jiddische, das in den breiten Schichten des Volkes bis jetzt noch die Umgangssprache ist, ist vielen von ihnen unbekannt : so z. B. beherrschten es in Kiew 19 °/o der jüdischen Studenten nicht. Und es ist daher nur verständlich, daß ein beträchtlicher Teil der jüdischen Studentenschaft in Rußland dem Judentum auch in seiner Gedankenwelt fremd ist: in Kasan haben 9,6 o/0 und in Odessa 16,1 o/0 geantwortet, daß sie das jüdische Leben überhaupt nicht interessiere. Dementsprechend wird auch die jüdische Presse von 28,3 o/o in Odessa, von 51,8 o/o in Kiew und von 80 °/o in Kasan gar nicht gelesen. Was soll diese Jugend am Judentum festhalten? Sie ist in voller Gleichgültigkeit für alles Jüdische erzogen, sie hat keinen Begriff Von der jüdischen Kultur, von der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart. Religiös ist sie ebenfalls nicht: in Kiew haben sich 60 o/0 fürausgesprochene Atheisten erklärt. Ihre Zugehörigkeit zum Judentum betrachten diese wirklich „vaterlandslosen" jungen Leute als einen unheilvollen Zufall — unheilvoll, weil er es ihnen oft schwer macht, den Weg zur Karriere zu finden. Sie verlassen das Judentum bei jeder Schwierigkeit, die es ihnen in den 'Weg legt. Sie tun es leicht, ohne Bedenken, ohne innere Kämpfe. Sie erblicken in dem Glaubenswechsel bloß eine Sache der Bequemlichkeit, eine bloß äußere, gar nicht wichtige Aenderung in ihrem Leben, einen Paßwechsel, nichts mehr. Innerlich ändert der Abfall nichts in ihrem Wesen. Aber äußerlich auch nicht vieles. Denn in der Tat bemerken die Getauften kaum, daß sie einen Schritt begangen haben, der ernste Konsequenzen nach sich ziehen könnte. Die jüdische Gesellschaft läßt sie es gar nicht merken. Sie läßt es sich ruhig gefallen, daß die Getauften alle ihre früheren gesellschaftlichen Beziehungen beibehalten, immer im üblichen jüdischen Milieu verkehren, mit Juden befreundet bleiben. Niemand regt sich darüber auf, daß Getaufte in der Leitung vieler jüdischen Wohltätigkeitsvereine sitzen, daß sie an jüdischen Zeitschriften arbeiten und zur Beratung der jüdischen Angelegenheiten von einigen jüdischen und nichtjüdischen Organisationen herangezogen werden. Man nimmt das alles als etwas Selbstverständliches hin. Selbst in den nationalen Kreisen protestiert man bloß pflichtgemäß und ganz platonisch dagegen. Und die Getauften fühlen sich in ihrer Herzensruhe durch keine Aenderung ihrer gesellschaftlichen Position gestört. Das Milieu ist der Taufe günstig, besonders in den Kreisen der Jugend. Nach den schon erwähnten Enqueten sind in Odessa und Kiew je 4,4o/<> der jüdischen Studenten „Anhänger" des Abfalls. Und von denen, die den Abfall selbst als Erscheinung verurteilen, verhält sich ein Teil (5,1 °/o) den Täuflingen gegenüber „positiv", ein anderer Teil (7,1 o/o) gleichgültig. Diese Gleichgültigkeit, diese merkwürdige „Duldung" gegenüber den Täuflingen ist eben die charakristische Nuance der Abfallbewegung in Rußland. Das beweist, daß die Grenze zwischen denen, die dem Judentum treu bleiben und denjenigen, die es in schwerer Stunde verlassen, verwischt ist. In der jüdischen Presse sind Mitteilungen zu finden, die auf eine unglaubliche und oft schmachvolle „Duldung" der jüdischen Gesellschaft den Täuflingen gegenüber hinweisen. So hat z. B. eine jüdische Gemeinde in einer Provinzstadt einen Rabbiner gewählt, der vorher gedroht hat, daß er, falls er nicht gewählt werde, „nach Helsingfors fahren werde." Ferner wohnt in Lodz ein getaufter Rechtsanwalt, der seinen Bekannten, der sich taufen lassen wollte, einem katholischen ' Pater mit folgendem Brief empfahl: „Ich habe die Ehre, Ihnen noch ein irrendes Schäflein in der Person meines Freundes zu schicken, der sich überzeugt hat, daß die jüdische Religion Ritualmorde duldet, und sich darum entschieden hat, zum Katholizismus überzutreten." Und dieser Herr verkehrt nach alledem doch immer noch mit Juden, hat jüdische Freunde und bewirbt sich um die Hand der Tochter eines orthodoxen Lodzer Fabrikanten. In Brjansk geben die dortigen reichen Juden ihre Kinder, die in der nächstliegenden Stadt ein Gymnasium besuchen, zu einem Getauften in Pension. Und in Kachowka ladet man sogar einen Getauften zur Teilnahme an einem Wohltätigkeitsfest ein und man hört ruhig zu, wie dieser ein Gedicht unseres Nationaldichters S. Frag vorliest, in dem die jüdische Religion gepriesen wird. Solche Fälle könnte man bis ins Unendliche aufzählen. Aber auch schon die oben erwähnten genügen, um die Lage der Dinge im richtigen Lichte erscheinen zu lassen. Das Fazit lautet: die jüdische Gesellschaft treibt gegenüber den Getauften die blinde Politik des laisser faire, laisser, aller. Und das eben wirkt besonders fördernd auf die Zahl der Abfälle. Es ist leicht geworden bei dieser „Duldung", ein Täufling zu werden. Man verliert nichts, man wird im jüdischen Milieu wie früher geachtet und geschätzt, und man wird frei von allen Beschränkungen, die den Juden hemmen. Es ist eben so, wie das alte Liedchen sagt: „Der Marrane hat es gut, er ist Christ und ist auch Jud." Warum also sich nicht taufen lassen? Und man läßt sich aus den verschiedensten Gründen taufen: ein jüdischer Vater läßt seinen kleinen Sohn taufen, um ihn ins Gymnasium schicken zu können; ein jüdischer Abiturient tritt zum Christentum über, um in die Universität auf genommen zu werden, und ein anderer, weil er im Diplom nicht Chaim, sondern Hermann genannt werden will; ein jüdischer Rechtsanwalt läßt sich taufen, um das Recht der Praxis zu bekommen und eine jüdische Familie, um aus einem Dorf nicht ausgewiesen zu werden usw. Und die jüdische Gesellschaft verhält sich ruhig gegenüber dieser Flut von Abfällen. Einige Proteste der akademischen Jugend, einige Artikel in der Presse — das ist die ganze aktive Stellungnahme der jüdischen Oeffentlichkeit zu dieser brennenden Frage. Bloß in einigen, aber leider nicht einflußreichen Kreisen der nationalen Juden wird die Idee eines gesellschaftlichen Boykotts der Getauften diskutiert und zum Teil auch in die Tat umgesetzt. In diesen Kreisen betrachtet man den Abfall als eine große innere Gefahr fürs Judentum. Das jüdische Volk wird durch diesen immer wachsenden Abbröckelungsprozeß schwer gefährdet und demoralisiert — es hat das Recht, sich zu wehren. Das einzige radikale Mittel ist natürlich die nationale Erziehung, die jüdische Schule. Das ist aber vorläufig Zukunftsmusik. Sie wird nur im Kampfe um die kommende Generation ertönen. Aber auch jetzt darf das Judentum nicht ruhig Zusehen, wie der Abfall eine alltägliche Erscheinung wird. Es muß zu der einzigen Schutzmaßnahme greifen, die ihm zu Gebote steht, zum Boykott. Und man darf die Bedeutung dieser Maßnahme nicht unterschätzen. Wenn die Getauften wirklich gesellschaftlich isoliert sein werden, wenn man mit ihnen alle Beziehungen abbricht, wenn man sie aus allen jüdischen Organisationen herausdrängt -- dann wird der