Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 25 (19.6.1914)
- Article
- Der Abfall in Russland
- Date
- 1914-06-19
- Page
- 599 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316625-3316650-3355094--61297-3355170- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 25 599 DIE2§KLT Abfall aufhören, eine „ganz leichte Sache“ zu sein. Dann werden wir vielleicht viele zum Nachdenken bringen. Und vor allem wird dieser Boykott für uns selbst ein Erziehungsmittel von hervorragender Bedeutung sein. Er wird eine entschiedene Grenze zwischen den Apostaten und den Treugebliebenen ziehen. Man darf sich nicht große Erfolge davon versprechen, die Wunde wird dadurch nicht geheilt, die Abfallbewegung wird dadurch nicht aufgehalten. Aber eins ist sicher, eine solche Taktik wird die moralische Atmosphäre im russischen Judentum reinigen. J. Sch echt m a n n. DIE SITZUNG DES GROSSEN ACTIONS-COMITES vom 7. und 8. Juni 1914 (Schluß.) Nach dem Bericht des Herrn Dr. Jacobson entwickelte sich, wie wir bereits mitteilten, eine Debatte, die den ganzen Vormittag in Anspruch nahm und an der sich fast sämtliche Mitglieder des Actions-Comites beteiligten. Sie wurde am nächsten Tage mit ausführlichen Aufklärungen der Herren Dr. Tschlenow und Dr. Jacobson beendet. Aus dieser sehr ausführlichen und inhaltsreichen Debatte sei folgendes hervorgehoben: Die Einwanderungsbeschränkung durch den Roten Zettel ist in der letzten Zeit auch in der Praxis vollständig geschwunden. Das zweite wichtige Ergebnis der letzten Zeit sind im wesentlichen Erleichterungen bei der Naturalisation ausländischer Juden in Palästina. In dieser Frage, die der jüdischen Bevölkerung die volle Ausübung ihrer politischen Rechte verschaffen wird, gehen unsere Interessen vollständig parallel nicht nur mit den Tendenzen der türkischen Regierung, sondern auch mit denen der einheimischen Bevölkerung. Unsere Vertreter, wie auch die ganze jüdische Bevölkerung, sind von der Notwendigkeit freundlicher nachbarlicher Beziehungen zu den Arabern durchdrungen. Verschiedene Besprechungen in der letzten Zeit haben ihre volle Möglichkeit bewiesen. Natürlich ist dazu eine planmäßige Arbeit erforderlich und in der Debatte wurden verschiedene Anregungen in dieser Richtung besprochen. Unsere kolonisatorische Tätigkeit ist, wie des öfteren schon betont worden ist, geeignet, auch der einheimischen Bevölkerung die Segnungen fortgeschrittener gesellschaftlicher Entwicklung zu bringen. Es wurde angeregt, auch bei der Sanierung Palästinas und bei der Bekämpfung bestimmter Krankheiten überall auch die Interessen der nichtjüdischen Bevölkerung wahrzunehmen. Eine weitere Annäherung würde durch die erweiterte Kenntnis der arabischen Sprache seitens der palästinensischen Jugend erreicht werden, wofür eine entsprechende Ausdehnung des Unterrichts in den hebräischen Schulen zu sorgen hätte. Es wurde auch die Möglichkeit besprochen, der arabischen Bevölkerung die Aufnahme in unsere Schulen zu erleichtern; allerdings stößt dies bei der auch für die jüdischen Kinder bestehenden Schulnot und bei der Beschränktheit der Mittel noch auf Schwierigkeiten. Andererseits wurde von verschiedenen Seiten auf die Notwendigkeit hingewiesen, unsere engen Beziehungen zu der jüdischen Bevölkerung in der Türkei und insbesondere zu der an den Hochschulen der Türkei studierenden Jugend zu pflegen. Die Frage unserer Beziehungen zu der spaniolischen Bevölkerung der Balkanländer ist in der letzten Zeit dadurch aktuell geworden, daß die jüdische Bevölkerung früher türkischer Balkangebiete infolge der einschneidenden Ereignisse der letzten Zeit in ihrem Gefühl einer gewissen Sicherheit der ökonomischen und politischen Existenz gestört worden ist und an manchen Orten zum ersten Male von einer Palästina-Strömung ergriffen wurde. Es wurde ferner ausführlich die Frage unserer politischen Aufklärungsarbeit in verschiedenen Kulturländern besprochen. Diese Aufklärungsarbeit ist jetzt, wie auch früher, eine unbedingte Notwendigkeit und muß in Anbetracht der verschiedenen noch immer herrschenden Mißverständnisse unsere ganze Aufmerksamkeit finden. Um die Beziehungen zu verschiedenen politischen Faktoren systematischer pflegen zu können, schloß sich das Große Actions-Comite dem Antrag auf Heranziehung von Vertrauensmännern für die politische Arbeit an und sprach die Ueberzeugung aus, daß die zu dieser Arbeit Herangezogenen dem Actions-Comite tatkräftigste Unterstützung leisten werden. 2. Die Nachmittagssitzung vom Sonntag war von der Debatte über die Hebräische Universität in Jerusalem ausgefüllt. Herr Professor Weizmann und Herr W. Jabotinsky erstatteten ausführliche Berichte über verschiedene vorbereitende Bchritte, wie auch über die Stimmung und die Aussichten der Arbeiten in Rußland. Diese Berichte wurden durch die Mitteilungen des Arbeitsausschusses über die von ihm in Anschiß an die Tagung abgehaltenen zwei Sitzungen ergänzt. Bei der Besprechung verschiedener Punkte wurde u. a. auf die Notwendigkeit hingewiesen, gleichzeitig Vorbereitungen für die Gründung einer medizinischen und einer geisteswissenschaftlichen Fakultät zu treffen. In Anbetracht des Fehlens wissenschaftlicher Institute in Palästina, die für eine medizinische Fakultät eine unentbehrliche Voraussetzung darstellen, wird es wahrscheinlich am zweckmäßigsten sein, mit der Schaffung solcher Institute zu beginnen. Was die Fakultäten für andere Wissenschaften anbelangt, so waren die Ansichten verschieden. Es wurde auf die Notwendigkeit einer historisch-philologischen Fakultät mit Berücksichtigung jüdischer Wissenschaften hingewiesen, die auch Lehrer für Palästina und die Diaspora vorbereiten könnte, ferner u. a. auf eine Fakultät der ,,kommerziellen Wissenschaften“. Das Vorbereitende Komitee beschloß, die Studien in dieser Frage weiter zu führen, um genügend Anhaltspunkte für die Entscheidung zu bekommen, welche Fakultäten am notwendigsten sind und günstigere Chancen der Durchführung haben. Von einigen Seiten wurde der Gedanke angeregt, schon jetzt die Eröffnung der Universität zeitlich zu fixieren; das Vorbereitende Komitee hielt eine solche Fixierung für verfrüht und nicht angebracht, obwohl es sich darüber im klaren war, daß die Eröffnung der Universität in nicht zu ferner Zeit erfolgen soll. Es wurden auch die mit der Universitätsgründung verbundenen Finanzfragen, die Zeit und der Modus der Sammlungen ausführlich besprochen. Die über die Universitätsfrage angenommenen Beschlüsse sind bereits in der letzten Nummer der „Welt" publiziert worden. Einer Mitteilung des Herrn Ussischkin wurde entnommen, daß es diesem gelungen ist, für die Universitätsbibliothek die reichhaltige Bücherei des Herrn Mar j aschess zu erhalten; die Gewinnung von zwei weiteren Privatbibliotheken steht, wie Herr Ussischkin mitteilt, in Aussicht. 3. Die Abendsitzung vom Sonntag wurde der Debatte über die Palestine Land Development Company gewidmet. Bei dieser Debatte entwickelte sich eine ausführliche Besprechung der Grundprinzipien unserer kolonisatorischenPolitik und hauptsächlich der kolonisatorischen Tätigkeit des Nationalfonds. Einige Mitglieder des Actions-Comites geben der Ansicht Ausdruck, daß wir und hauptsächlich der Nationalfonds bei unserer Tätigkeit in Palästina sozial-reformatorisch Vorgehen und uns dabei bestreben müssen, verschiedenen unerwünschten Anomalien, wie z. B. der Steigerung der Bodenpreise, Häuser- und Mietespekulationen in Tel-Awiw usw\, vorzubeugen. Andere Mitglieder waren der Ansicht, daß unser erstes Interesse die Förderung der Privatinitiative sein muß, daß der sozial - reformerische Standpunkt, wie wichtig er auch an und für sich wäre, doch nicht in erster Linie maßgebend für uns sein könne, und daß wir bei unseren vorläufig be-