Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 25 (19.6.1914)
- Article
- Der Abfall in Russland
- Date
- 1914-06-19
- Page
- 597 (sequence 1)
- Language
- German
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BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG Nr. 25 BERLIN, 19. Juni 1914 umW>.n"ann XVIII. jANPO. DER OKTALE IN RUSSLAND Noch vor wenigen Jahren galten die russischen Juden als der einzige Teil des jüdischen Volkes, der keine Taufepidemie kennt. In den Jahren 18Q1 hi«; 1RQQ entfiel im russischen ludentum jährlich eine Taufe auf je 4000 Juden, während z. B. in Oesterreich (ohne Galizien) das Judentum jährlich mehr als 2, in Deutschland mindestens 1 pro Mille an das Christentum verliert. Und während im Westen die Massentaufen schon eine alltägliche und vollständig unabwendbare Erscheinung geworden sind, waren bis vor kurzem in Rußland nur Einzelfälle zu verzeichnen. Mit Recht schrieb Zollschan in seinem „Rassenproblem“, nachdem er ein erhebliches Anschwellen der Taufziffern in den westlichen Ländern konstatiert hatte: „Dagegen hält das große Juden-Ghetto in Rußland und Galizien den christlichen Einflüssen stand und erleidet nur unerhebliche Abbröckelungen.“ Aus der Gegenwart hat man auch auf die Zukunft - Schlüsse gezogen. Die allgemeine Auffassung war die, daß das russische Judentum auch in Zukunft keine massenhaften Austritte erleiden werde. Es hatte den sicheren Ruhm eines kräftigen Bollwerkes gegen die immer wachsende Flut der Abfallbewegung. Dieselbe Auffassung gilt in vielen Kreisen auch noch heute. Jetzt aber ist sie nichts weniger als berechtigt. Die Taufe hat auch schon in Rußland Eingang gefunden. Auch hier ist bereits der Uebertritt eine ganz gewöhnliche Erscheinung. Es fehlt uns leider eine ausführliche Statistik der Ausgetretenen, und es ist daher unmöglich, eine wenigstens annähernd zuverlässige Zahl der Getauften festzustellen. Es seien hier nur einige Zahlen angeführt*). Nach den amtlichen Angaben sind im Jahre 1013 insgesamt 1147 Juden zur „prawoslawischen“ Kirche übergetreten. Es muß aber dabei berücksichtigt werden, daß nur der kleinste Teil der Taufen auf diese Kirche entfällt: die Mehrzahl tritt der evangelischen und armenisch-katholischen Kirche bei, weil das viel weniger umständlich ist, und auch die Möglichkeit gibt, ein jüdisches Mädchen zu heiraten. Manche fahren daher nach Finnland, wo die Sache besonders leicht ist: vor allem Wiborg und Helsingfors sind in der letzten Zeit Großlieferanten der Armee der Täuflinge geworden. In Wiborg haben sich bei dem Pastor Rosen im Laufe der letzten drei Jahre mehr als 300 Juden taufen lassen, und der schon berühmt *) Literatur: Scheines, Jüd. Studentenschaft in Ziffern (russisch). E. Lipmann, Jüd. Studentenschaft in Odessa, Rasswiet 1913, Nr. 3 u. 7. B. Schemiak, Enquete über die jüdischen Studenten in Kasan, Rasswiet 1913, Nr. 10. gewordene Pastor Pirro in Helsingfors hat sogar 500 Juden zum Christentum „bekehrt“. Und wenn wir jetzt den jährlichen Verlust des russischen Judentums an das Christentum auf 3000 festsetzen, so ist diese Zahl wohl keineswegs zu hoch, vielleicht sogar etwas zu niedrig. Das wird jeder, der mit den russischen Verhältnissen einigermaßen vertraut ist, bestätigen können. Es ist jetzt schon schwer, in Rußland eine jüdische Familie zu finden, die im Kreise ihrer näheren Verwandten keinen Getauften aufweist. Besonders grassiert die Taufe in den gebildeten Kreisen und unter der akademischen Jugend. Aber die Taufseuche beschränkt sich keineswegs bloß auf diese Schichten: sie schleicht sich bereits auch in die Kreise des Mittelstandes ein und macht auch dort unter der jungen Generation beträchtliche Fortschritte. Jedes Jahr absolvieren Hunderte von jüdischen Abiturienten die staatlichen und die sogenannten „jüdischen“ Gymnasien. Von diesen wird nicht mehr als der zehnte Teil in die russischen Universitäten aufgenommen; den anderen bleibt nur übrig, entweder auf das höhere Studium zu verzichten oder nach dem Ausland auszuwandern (was immer mehr erschwert wird) oder sich taufen zu lassen. Der kleinere Teil tut das erste, der größere — das zweite; es findet sich aber auch ein stetig anwachsender Prozentsatz, der diesen beiden Wegen den dritten und leichtesten: die Taufe — vorzieht. Ich sagte: den leichtesten. Ist es denn wirklich so? Ist es der jüdischen Jugend in Rußland wirklich so leicht, sich vom Judentum loszusagen, auf die jüdische Kultur zu verzichten, jedes Band mit der eigenen Nation zu zerreißen? Alle diese Fragen sind entschieden zu bejahen. Die Zeit ist schon lange vorüber, da Austritte aus dem Judentum mit schweren inneren Kämpfen, oft sogar mit einer Trogödie verbunden waren. Damals war jeder Abtrünnige eine tragische Gestalt, die oft in ihrem Herzen eine unheilbare Wunde trug. Jetzt ist es viel einfacher und —leichter geworden. Denn der Täufling von heute hat eigentlich keinen Grund, sich über seinen Glaubenswechsel aufzuregen. Er gibt nichts auf, weil er nie etwas besessen hat. Er verzichtet nicht auf die jüdische Kultur: er hat keine Ahnung von ihr. Und er zerreißt auch keine Bande mit dem jüdischen Volke: sie existierten niemals. Als Typ ist die moderne jüdische Intelligenz in Rußland, die das Hauptkontingent der Schar der Täuflinge darstellt, dem jüdischen Leben vollständig fremd. Es liegen mir