Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 23 (5.6.1914)
- Article
- Die Ausgrabungen in Palästina
- Date
- 1914-06-05
- Page
- 563 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316625-3316648-3354769--61143-3354856- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
LT 563 DIE Nr. 23 finden wir noch bronzene Schlangen, denen göttliche Verehrung zuteil geworden ist. Altäre und Tempel finden wir nicht, nur in Gezer ist eine „Höhe“ mit einiger Wahrscheinlichkeit natihzuweisen. Man darf nicht vergessen, daß die Israeliten und Juden mit einer für uns verhängnisvollen Gründlichkeit die Stätten des Götzendienstes zerstört haben werden. Nur einen entsetzlichen religiösen Brauch vermögen wir noch nachzuweisen, das Kinderopfer. Mögen auch von den vielen kleinen Kindern, deren Skelette in Tonkrügen zusammengepreßt aufgefunden worden sind, eine ganze Anzahl eines natürlichen Todes gestorben oder ausgesetzt sein, so scheint doch wenigstens das Bauopfer gesichert zu sein. Durch ein Kindesopfer wurde der Mauerbau eingeweiht, vielleicht um die Erdgeister günstig zu stimmen und den Mauern Festigkeit zu verleihen. — Die Opfer waren vergebens. Den andringenden Israeliten konnten die Befestigungen der Kanaaniter nicht widerstehen. Eine Stadt nach der anderen fiel im Laufe einer langen, wechselreichen Geschichte den jungen, aufstrebenden Stämmen in die Hände. Die Israeliten. Kulturgeschichtlich bildet die Einwanderung Israels für Palästina zunächst, soweit sich überhaupt eine Veränderung erkennen läßt, einen Rückschritt. Das Nomadenvolk lebte primitiver als die eingesessenen Städter. Weitaus das meiste von den Werken der Kunstfertigkeit wurde von den besiegten Völkern übernommen oder auch wie früher von auswärts eingeführt. Die Landesfabrikate treten dagegen zurück. Die Tongefäße nehmen ungefälligere Formen an, die Bemalung zeigt nicht mehr die schönen Muster der früheren Zeit, sondern ähnelt mehr einer früheren, überwundenen Periode. Aber was auf der einen Seite hier vielleicht verloren ging, wurde auf der anderen mehr als doppelt gewonnen. Ein neues Metall, das Eisen, wurde in Palästina bekannt. Die Erbfeinde Israels, die Philister, scheinen es eingeführt zu haben, und ihre anfängliche Ueberlegenheit über die Israeliten verdankten sie gewiß zum großen Teil ihrer neuen Waffe. Auch als die Israeliten selbst sich mit dem neuen Metalle versahen, blieb es doch, wie die Ausgrabungen zeigen, immer ein seltener Artikel. Die Schmiedewerkstatt in Megiddo ist wenigstens vorläufig die einzige ihrer Art, die man aufgedeckt hat, und eine Anlage in Teil Zakarja hat man als Hochofen zum Schmelzen des Eisens erklären wollen. Aber die alten Bronze- und Steingeräte blieben neben den neuen, besseren Waffen und Werkzeugen bestehen, weil sie billiger waren, und die Steinzeit hörte für Palästina erst in der hellenistischen Zeit auf. Die andere große Kulturerrungenschaft, die auf palästinensischem Boden selbst gewachsen ist, ist die Erfindung der Buchstabenschrift. Welchem Stamme Palästinas dieser für die ganze Welt ungeheuere Fortschritt zu verdanken ist, können wir noch nicht sagen, die Israeliten selbst dürften es kaum gewesen sein. Aber zu den ältesten Inschriften in Buchstabenschrift, die wir überhaupt besitzen, gehören die israelitischen, und das erhöht noch den Wert, den sie ohnehin für uns besitzen. In Samaria, der Hauptstadt des Nordreiches, haben die Amerikaner vor Jahren Tonscherben ausgegraben, die gewaltiges Aufsehen erregten. Sie lagen in einem großen Gebäude, das man mit Sicherheit als den Palast des Omr i und Ah ab erkannt hat. Diese Scherben waren durch Rohrfedern mit Tinte beschrieben, und die Art der Schrift, z. B. die Trennungspunkte zwischen den Worten, zeigt bereits die lange Praxis, die damals in der Mitte des neunten Jahrhunderts bestanden haben muß. Der Inhalt der Schriften besagt, daß im so und so vielten Jahre (des Königs) ein Krug feinen Oels oder alten Weines bestimmten Personen, wahrscheinlich den Vögten des Königs, aus bestimmten Ortschaften geliefert worden ist. Noch berühmter als diese ältesten Inschriften ist die Siloahinschrift, wahrscheinlich aus der Zeit des Königs H i s k i a, in der von dem erfolgreichen Tunneldurchbruch zur Siloahquelle erzählt wird. Aus unbekannter Zeit, vielleicht aus dem siebenten Jahrhundert, stammt der landwirtschaftliche Kalender von Geser, ein Stein, auf dem angegeben wird, welche landwirtschaftlichen Arbeiten in den einzelnen Monaten des Jahres ausgeführt werden müssen. Außer diesen größeren Inschriften haben wir dann noch eine große Anzahl von Siegeln, darunter das berühmteste, das Löwensiegel von Megiddo, das dem Diener-Minister des Jerobeam II. gehörte. Auf einer Menge von Krugscherben finden wir Stempelmarken, Namen und Vatersnamen der Besitzer der Krüge, Fabrikmarken der königlichen Töpferei zu Hebron, Siph, Secho und Memschat mit der geflügelten Sonnenscheibe oder einem Skarabäus (Mistkäfer), Gottesnamen, die entweder die Krüge als gottgeweiht bezeichnen oder vielleicht auch schädliche Einflüsse fernhalten sollten. Alles das sind gewiß keine großen, epochemachenden Funde, und doch für uns unendlich wichtig. Denn selbst aus den Namen allein lesen wir religiöse Anschauungen heraus, und die bloßen Zeichen dienen uns vielleicht einmal später für eine Geschichte der hebräischen Schrift. Ein Fund berechtigt uns, die Hoffnung auf andere bedeutendere Entdeckungen nicht ganz sinken zu lassen, der berühmte Mesastein, aus dem neunten vorchristlichen Jahrhundert, auf dem der alte, aus der Bibel bekannte Feind Israels, der König von Moab, seine Kriege gegen Israel von seinem Standpunkt aus erzählt, und triumphierend ausruft: Israel ist für ewig verloren. — Sollte nicht einer der israelitischen Könige und ihrer Gegner ein ähnliches Siegesdenkmal errichtet haben, das noch seiner Entdeckung harrt? Mit dem Aufkommen der kanaanitischen Buchstabenschrift verlor trotzdem die babylonische Keilschrift nicht vollständig ihre Geltung in Palästina. Aus der Zeit, da die Assyrer die Herren des Landes waren, der Mitte des siebenten Jahrhunderts, sind uns einige Kontrakte aus Geser erhalten, einer interessant deswegen, weil ein Jude, Natanjahu, darin vorkommt, der ein Grundstück verkauft, der andere, in dem zwar nur Nichtjuden erwähnt sind, bemerkenswert wegen des geltenden Rechts, nach dem für verkaufte Sklaven Garantie gegen Krankheit für 100 Tage und gegen physischen Defekt für immer übernommen wurde. Die Inschriftenfunde sind für uns unendlich wichtig, aber trotzdem würden wir zu weit gehen, wenn wir in ihnen das einzige erblicken wollten, was die Ausgrabungsarbeit rechtfertigte und wertvoll machte. Die Siloahinschrift ist von unschätzbarem Werte, aber weit bewunderungswürdiger ist die Arbeit der Ingenieure, die den mehr als 500 Meter langen Tunnel von beiden Seiten her in Angriff nahmen und, obwohl sie manchmal bereits falsche Richtungen eingeschlagen hatten, zum guten Ende führten. Man muß sich vor Augen halten, daß man nicht überall im Altertum so glücklich war. Eine Inschrift von Larabeze besagt: daß die Arbeiter dort das Werk an einem Tunnel unverrichteter Sache zuletzt aufgeben mußten. Inschriften israelitischer und judäischer Könige, in denen sie über ihre Festungsbauten berichten, wie andere orientalische Fürsten das getan haben, sind uns nicht erhalten, aber die Mauern selbst stehen noch und legen von der Kunst ihrer Erbauer beredtes Zeugnis ab. Von dem alten salomonischen Tempel, den phönizische Architekten erbaut hatten, sind wenigstens noch die Stützmauern, bis 18 lyieter unter der jetzigen Oberfläche erhalten. . Die Geschichte der