Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 23 (5.6.1914)
- Article
- Die Ausgrabungen in Palästina
- Date
- 1914-06-05
- Page
- 562 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316625-3316648-3354769--61142-3354855- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr 23 DIE^ELT 562 möglichst vollständiges Bild von dem zu bekommen, was für die Bewohner der kanaanäischen Städte das Wichtigste war: dem Mauerbau. Denn die Mauer war die Stadt. Was sonst noch vorhanden war, das waren elende Hütten, für den Augenblick gebaut und im Augenblick verschwunden. Aus ungebrannten Lehmziegeln errichtet, mit Reisig gedeckt, außen mit Lehm überstrichen, standen sie ein paar Jahre, um bei der ersten besten Gelegenheit in sich zusammenzustürzen. Es waren jämmerlich kleine Räume, ohne Fenster und ohne Licht, der Boden -us gestampfter Erde. Was zu ihrer Entschuldigung gesagt werden kann, das ist, daß sie in erster Linie nicht zur Unterkunft für Menschen dienten, sondern vor allem Vorratskammern gewesen sind. Das Leben des Südländers spielt sich in ganz anderer Weise, als bei uns im Norden, im Freien ab, auf dem flachen Dache oder auf der Straße, das Haus ansich ist Nebensache. Nur die Könige und Großen des Landes bewohnten Häuser in unserem Sinne, für die damalige Zeit waren es Paläste, die gleichzeitig als Burg, als letzte Rettung beim Eindringen des Feindes dienten. In ihnen finden wir vielfach auch für unsere Begriffe große Räume, die vielleicht Decken aus Holz besaßen, es gab Höfe und Ställe. Aber diese Paläste waren auch die einzige Stelle der alten Stadt, an der man mit dem Raum nicht sparte. Denn der Raum war kostbar, je enger der Mauerring, desto leichter war er zu verteidigen. Deshalb waren die Straßen eng und schmal, manche nur zwei Meter breit, und auch sie waren nicht einfür allemal festgesetzt. Es gab keine Baupolizei, die Häuser wurden in die Straße hineingebaut, die dadurch ein unregelmäßiges, winkliges Aussehen bekam. Breite Plätze gab es in der Stadt gar nicht, und das Hauptleben spielte sich daher am Tor ab, wo der Markt abgehalten wurde und die Räte und Richter der Stadt saßen. Der ganze Umfang der Mauer betrug bisweilen nur 600 bis 800 Meter, die gesamte Fläche der Stadt einige Hektar, und so klein waren nicht etwa unbekannte Flecken, sondern die berühmten Orte der Kanaaniter, deren Namen einen Klang hatten, Jericho, Megiddo und wie sie alle hießen, bei deren Anblick den Kundschaftern der Kinder Israel der Mut entfiel. Noch entwickelter als der Mauerbau war die Kunst, mit der die alten Bewohner Kanaans ihre Wasseranlagen herstellten. Die Not machte erfinderisch. Der Bestand der Stadt war durch die Wasserzufuhr bedingt, und wenn der Feind die Quelle besetzt hielt, nützten der Stadt ihre Befestigungen nichts. Dem galt es vorzubeugen. Einerseits grub und mauerte man in die Felsen eine unendliche Anzahl von Zisternen, in denen man das Regenwasser auffing, noch genialer aber waren die Tunnels, durch die man die Stadt mit der Quelle verband. Schon aus vorisraelitischer Zeit stammt eine solche Anlage in Jerusalem. Ein abfallender Gang führt dort zu einem senkrechten Schacht, an dessen Grunde die jetzige Quelle der Maria sich befindet. Noch imposanter ist der Tunnel, den Macalister in der alten Philisterstadt Geser aufgedeckt hat. Mehr als 66 Meter lang, 7 Meter hoch und 4 Meter breit zieht er sich bis 29 Meter unter der Oberfläche hin, um die Quelle zu erreichen. Ein Bauwerk, das für die damalige Zeit mit ihren mangelhaften Geräten ein wahres Wunderwerk genannt werden muß. Der Felsen bot den damaligen Ingenieuren keine Schwierigkeit mehr. Auch um die Toten zu bestatten, wurden die natürlichen Höhlen, sobald der Platz nicht mehr ausreichte, erweitert oder man grub künstliche Höhlen in den Fels. Wir unterscheiden die verschiedenen Methoden, nach denen sie angelegt wurden: Brunnengräber, in die man nur durch einen engen Schacht von oben her sich herablassen oder klettern konnte, und — wahrscheinlich einer späteren Zeit angehörig — Grabkammern mit seitlichem Eingang, die leichter erreichbar, daher aber auch eher der Plünderung und Entweihung ausgesetzt waren. Die einzige Art der Bestattung bildeten diese Höhlengräber allerdings nicht. Daneben wurden Tote, besonders Kinder einfach in dem Erdboden begraben. Unter den Trümmern der alten kanaanitischen Städte, besonders aber in den Zisternen und Gräbern finden wir nun die unzähligen Geräte des täglichen Lebens, wie sie die Bewohner des Landes gebrauchten: Krüge, Flaschen und Teller, Messer und Lampen, Schmuck aus Silber und Gold, Bronze und bunte Steine, Geräte zum Ackerbau, Oelpressen und Waffen. Alle diese Dinge werden in den großen Publikationen über die Ausgrabungen genau beschrieben, bevor sie in die Museen kommen, die archäologische Wissenschaft beschäftigt sich mit ihnen, stellt ihre Unterschiede und ihre Uebereinstimmungen fest. Ist das nur ein neuer Sport, eine Spielerei? In einer Zeit, da man nur Staaten- und Kriegsgeschichte schrieb, konnte man es vielleicht so auffassen. Heute, da wir den Hauptwert auf die Kulturgeschichte legen, bekommen diese zerbrochenen Geräte für uns einen unschätzbaren Wert, weil wir handgreiflich sehen, wie sich das Leben der alten Zeit abspielte, wie die Geräte sich verfeinerten und änderten. Mag die Kunstgeschichte noch so wenig Anregung aus den bemalten Scherben Palästinas schöpfen, sie sind doch in ihrer Gesamtheit wichtiger als manche berühmte Inschrift, die das Staunen weiter Kreise erregt. Wir können durch sie die Wege, die der Handel genommen hat, feststellen, wir sehen so deutlich, als ob es uns schriftlich überliefert wäre, wie von den Inseln des ägäischen Meeres Kaufmannsschiffe Ware brachten, wie neue, eigenartige Tongeräte importiert wurden und dadurch der Sinn für gefällige Form und schöne Verzierung auch unter den Barbaren des Ostens erwachte und man sich bestrebte, die mykenischen Vorbilder nachzuahmen und zu erreichen. Wir beobachten die Kulturströmungen, die Einflüsse, die Aegypten besonders im Süden des Landes ausübte, und die Gegenströmung der hochentwickelten babylonischen Kultur, und das Material, die Form und die Bemalung der Tongefäße liefern uns den Schlüssel für die Datierung der einzelnen Schichten, aus denen die Trümmerhügel der palästinensischen Städte bestehen. Auch die Götter die die alten Bewohner Kanaans anbeteten, wurden zum Teil aus dem Ausland bezogen. Arm, wie die kanaanitische Kultur überhaupt, war auch ihr Götterhimmel, und wenn man in der Bibel von dem grauenhaften Götzendienst der vorisraelitischen Völker liest, dann darf man nicht an das bunte, farbenprächtige Bild der babylonischen oder griechischen Götterwelt denken. Die einzige Gottheit, die allgemein verehrt wurde und von der wir massenhaft Bildnisse aus Ton und auch aus Bronze finden, war die Astarte, die Göttin des Geschlechtslebens und der sinnlichen Lust, die Göttin der Fruchtbarkeit, die Himmelskönigin, die nackt, mit dem Zeichen der spendenden Fruchtbarkeit, den hervorstehenden Brüsten abgebildet wurde. Man erwartet einen männlichen Gott an ihrer Seite, den Baal, aber sein Bild finden wir nirgends. Wahrscheinlich dachte man ihn sich in Pfeilern verkörpert, die man an den Altären aufrichtete. Einer Reihe von großen, auf ge richteten Steinen, die man gefunden hat, wird von den Forschern mit mehr oder minder großer. Wahrscheinlichkeit eine kultische Bedeutung zugeschrieben, ja, an einem von ihnen glaubt man wahrnehmen zu können, daß die Oberfläche durch Salben und fortwährendes Küssen geglättet ist. Außer in solchen Steinen dachte man sich den Gott auch in den Stierköpfen, die die Grabungen zutage gefördert haben verkörpert, und um den Olymp Kanaans wenigstens noch etwas zu erweitern,