Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 23 (5.6.1914)
- Article
- Die Ausgrabungen in Palästina
- Date
- 1914-06-05
- Page
- 564 (sequence 5)
- Language
- German
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564 DIE LT Nr. 23 israelitischen Städte, die wir aus der Bibel herauskonstruieren können, bekommt ein völlig neues Aussehen. Wir verfolgen, wie eine Stadt gegründet wurde, sich erweiterte, wie ein Feind sie eroberte und verbrannte, wie neue Ansiedler kamen, die dann zuletzt wieder das Schicksal der ersten teilten, und diese stumme Sprache der Trümmerschichten verbinden wir dann mit den historich überlieferten Nachrichten und bekommen so das Bild der Geschichte einer Stadt wie Jericho oder Geser. Auch der Mangel an Funden kann gelegentlich instruktiv sein. Wenn die sonst allenthalben so massenhaft gefundenen Astartebilder in Jericho so außerordentlich spärlich Vorkommen, dann zeigt das, daß in dieser Stadt, die abgelegen vom Verkehr mit den Fremden, der Wüste näherlag, der urisraelitische, bilderlose Gottesglaube fester Wurzel gefaßt hatte als anderswo. Und dann wiederum entdecken wir auch bei dea Is;ae!'.l:-i Gc' die wir kaum für möglich gehalten hätten. Daß Israeliten ihre Kinder unter ihren Häusern beerdigten, hätten wir nicht erwartet, und doch scheint es nach den Ergebnissen der Ausgrabungen der Fall gewesen zu sein. Andererseits können wir die Entwickelung der israelitischen Grabanlagen weiter verfolgen, die wie bei den Kanaanitern in den Felsen gehauen wurden und, um der Familie eine gemeinsame Beisetzung zu ermöglichen, tief in die Felsen hineingingen. — So erfährt nach verschiedenen Richtungen hin die israelitische Kulturgeschichte durch die Ausgrabungen eine ungeahnte Bereicherung, und die Palästina-Archäologie wird zu einer unentbehrlichen Hilfswissenschaft für die jüdische Geschichtsschreibung. (Schluß folgt.) ir“*‘U‘l|"‘‘““""111-111!11..""i 1 illlliililll LITERARISCHE RUNDSCHAU iiiinniniHiiiiii =.... Heinrich Heines Briefwechsel. Herausgegeben von Friedrich Hirth. Erster Band. München bei Georg Müller. 1914. Heine gehört heute in deutschen Landen nicht zu den ehrwürdigen Klassikern, die im Bücherschrank prangen, sondern man behandelt ihn in allen Lagern pietätlos wie einen lebenden umstrittenen Schriftsteller: man liest ihn und interessiert sich für ihn. Diesem Interesse kommt die vorliegende fast vollständige Sammlung der Heineschen Briefe entgegen. Sie wird im großen Maße dazu beitragen, das schwankende Bild Heines in ein ruhigeres Licht zu setzen. Die Briefe unterrichten uns über seine Familienbeziehungen und seine literarischen Verbindungen. Kein Dichter gab sich in seinen Episteln so ungezwungen wie Heine, keiner schadete sich auch so viel wie er durch allzu große Offenheit. Wir nehmen Einblick in ein jähen Stimmungswechseln unterworfenes Dichtergemüt; in das Innenleben eines im Grunde unglücklichen, weil von Natur kranken Menschen, dessen geniale Begabung ihn noch unglücklicher machte. Sein Genie wurde von einem skrupellosen Verleger ausgebeutet, während er selbst eigentlich sein ganzes Leben in Not verbrachte. Wir sehen, daß Heine, dessen Herz in Sehnsucht nach Liebe und Freundschaft verging, an unerwiderter Liebe litt. Die unerwiderte Liebe zu seinen Kusinen hat ihn wohl zum unsterblichen Sänger des Liebeskummers gemacht, und die unerwiderte Freundschaft wandelte ihn in einen verbitterten Ironiker. Uhland, Tieck und andere Dichter, an die sich der junge Heine vertrauensvoll wandte, würdigten ihn keiner Antwort. Und andere, Platen vor allem, beleidigten ihn seiner jüdischen Abstammung wegen. Man drängte ihn förmlich aus Deutschland hinaus durch Vexationen, Verunglimpfungen und Verfolgungen. Freilich ließ er sich dieses alles nicht ruhig gefallen. Er nahm bald eine maßlos leidenschaftvolle Angriffsstellung ein und schoß oft übers Ziel. Aber die Lieblosigkeit, mit der man ihm allseits begegnete, und seine Krankheit entschuldigen manchen seiner unüberlegten Schritte. Am aufschlußreichsten über Heine, den Menschen, sind die Briefe an Moser, zu dem er sich rückhaltlos äußerte und dem gegenüber er nie aufhörte, sein jüdisches Wesen zu betonen. Man könnte an der Hand dieser Briefe Heines Stellung zum Judentum analysieren. Sie unterstützen des Dichters Angaben in den Memoiren und übrigen Schriften und beweisen, wie unauslöschlich in ihm, dem großen Assimilanten und Kosmopoliten, auch nach der Taufe die jüdischen Wesenszüge walteten und wirkten. Was bei Heine besonders auffällt, ist der Umstand, daß er trotz der Taufe bewußt Jude bleiben wollte. Heine \\%r so voll von Widersprüchen, daß man ihm glauben kann, wenn er seinem Freunde Moser versichert, er lasse sich nur zu dem Zwecke taufen, um den Juden wirksamer beistehen zu können! Jedenfalls gewinnt man auch aus dem vorliegenden Briefwechsel den Eindruck, daß die Taufe Heines eine der tragischsten Episoden seines an tragischen Selbsttäuschungen so reichen Lebens war. Wien. Dr. M. S c h e r 1 a g. Die Memoiren des Ascher Levy aus Reichshofen im Elsaß (1598—1635). Herausgegeben, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Dr. M. Ginsburger. 1913. Verlegt bei Louis Lamm, Berlin. Die jüdische Literatur ist so arm an Memoirenwerkien, daß jedes derartige Buch einen Gewinn für unser Schrifttum darstellt. Und nun gar das vorliegende! Es ist nicht das Werk eines seßhaften Kaufmannes, der wohl die örtlichen. Verhältnisse und das gesellschaftliche Leben seiner Gegend zu schildern vermag, aber von dem, was außerhalb dieser engen Grenzen geschieht, nur durch Hörensagen Kunde hat, es ist das Werk eines Vielgereisten, eines fahrenden Schülers oder wie man den jüdischen Scholaren noch heute nennt, eines B a c h u r s. Auch die Zeit, die es behandelt, ist eine außergewöhnliche, eine Blütezeit der jüdischen Gelehrsamkeit, aber auch eine Zeit der großen Wirren, da ja auefh der Dreißigjährige Krieg in sie fällt. Und so hören wir gar vieles von dem Leben der Juden in dieser Zeit, von den Verhältnissen der bedeutendsten Gemeinden, die der Verfasser alle aus eigener Anschauung kennt. Prag, Frankfurt, Worms, Metz werden uns vorgeführt an der Hand ihrer bedeutendsten Gelehrten, wie Ephraim Luebschitz, Wolf Spiro, Mpses Mendeles, Lipmann Heller, Jesaia Hurwitz, Samuel Ostrowo usw. Die Gelehrtengeschichte wird aus diesen oft nur ganz kurzen Bemerkungen manchen Nutzen ziehen. Wertvoller aber ist es, daß der Verfasser uns auch eine ganze Reihe kleiner Orte nennt mit ihren führenden Gelehrten, wie Austerlitz, Bisenz, daneben auch Orte, deren jüdische Niederlassungen wohl mir sehr bescheiden waren wie Thalmässing, Meusenstamm, Binzingen, Mirowitz, Pardubitz, Zaluschan. Ganz besonders interessant ist es, daß das kleine Bresnitz, eine der ältesten jüdischen Gemeinden Böhmens, hauptsächlich berühmt in der jüdischen Geschichte als Vaterstadt des Chaim Bresnitz oder wie dieser Primator der böhmischen Landesjudenschaft richtig heißt, Joachim Edler von Popper, schon damals eine Jeschiba hatte, deren Leitung in den Hängen des Gaon R. Israel Halevi lag. In Bresnitz erlangt unser Held den Grad eines Bachur, in Bisenz in Mähren wird er von dem dortigen Jeschibaieiter R. Mordechai Morders zum Präfekten der Bachurim ernannt, dort verkehrt er