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Die Welt · 1914-06-05 · 23 (5.6.1914) · p. 561

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
23 (5.6.1914)
Article
Die Ausgrabungen in Palästina
Date
1914-06-05
Page
561 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 23 561 D1E3EKLT Gesinnungsgenossen! Bestellt rechtzeitig die Herzl-Gedenknummer der „Welt“ nichts in!der Jordanebene zum Vorschein kam. Sie war in der frühen Steinzeit noch von den Fluten des großen Binnensees bedeckt. Mit dem zehnten Jahrtausend lassen die Forscher die jüngere Steinzeit beginnen. Die Kultur macht gewaltige Fortschritte. Der Mensch bewohnt wie in der Urzeit vielfach noch Höhlen — die in der Bibel erwähnten Horiter, Höhlenbewohner, haben daher wohl ihren Namen — aber er versteht sie kunstvoll mit unendlicher Mühe zu erweitern. Seine Geräte sind besser geworden. Die Steinwerkzeuge: Beile» Messer, Sägen, Meißel, die in Holzgriffe eingesetzt werden konnten, Wurfgeschosse, und dergleichen mehr, werden nicht mehr mit anderen Steinen geschlagen, sondern geschliffen. Die Töpferei beginnt. Die Gefäße sind noch plump und dickwandig, mit der Hand gemacht. Aber auch hier wird die Technik vollkommener. Statt der Henkel hatten die ersten Tongefäße einen Tonwulst, den man herstellte, indem man den Finger in den weichen Ton eindrückte. Später traten an seine Stelle mehr und mehr verzierte Griffe und Henkel. Auch der Schönheitssinn, mochte er noch so unentwickelt sein, verlangte sein Recht. Man gräbt durch kammartige Instrumente parallele Linien in den Ton ein, man verziert die Geräte durch Leisten, durch Einstiche und durch Bemalung. In einer Höhle in Geser finden wir die ältesten Spuren einer beginnenden Zeichenkunst. In unglaublich roher kindlicher Weise sind dort Rinder und andere Tiere dargestellt. Die Menschen sind nicht mehr Jäger, sondern Hirten. In den Schichten der Trümmerstätten, die von ihnen herrühren, finden sich die Knochen ihrer Haustiere, zu denen auch die Schweine gehören. Primitive Mühlsteine zeigen, daß der Ackerbau begonnen hat. Aber das gänzliche Fehlen des Metalls lehrt uns, daß wir uns noch in jener dunklen Zeit befinden, die die Steinzeit heißt. Außer ihren Geräten haben die ältesten Bewohner Palästinas noch ein anderes gewaltiges Denkmal aus Stein der Nachwelt zurückgelassen, die riesigen Dolmen oder Steintische, die sich besonders im Osten Palästinas jenseits des Jordan in Massen finden. Ungeheuere Felsblöcke oder Steinplatten sind vereinigt und aufeinander gelegt, um einen Tisch — oder ursprünglich: eine Kammer — zu bilden. Früher hielt man die Dolmen für Altäre, heute hat sich allgemein die Ansicht durchgesetzt, daß es Grabkammern gewesen sind, in denen man dem Toten die Höhlenwohnung schuf, die er im Leben besessen hatte. Mit dem Totenkultus hängen vielleicht auch die schalen- ‘ förmigen Vertiefungen zusammen, die man auf zahlreichen Felsen und Steinen Palästinas fand. Viele dieser Schalensteine, die augenscheinlich keinem praktischen Zwecke dienten, sollten wahrscheinlich die Speise aufnehmen, die man dem Toten oder den Geistern der Erde darbrachte. Selbstverständlich konnten nicht alle Toten die Ehre eines Dolmenbegräbnisses erhalten, die meisten Leichname werden schon in frühester Zeit in Höhlen oder in der Erde beigesetzt worden sein. Nur in einem Falle haben sich in Palästina Reste einer anderen Bestattungsart gefunden, die man dort am wenigsten vermutet hätte, weil sie durch und durch unsemitisch ist: in einer Höhle von Geser fand man die Asche und die Knochenüberreste einer großen Anzahl vollständig verbrannter Menschenleiber. Keine Spur von Metall, nur die Scherben roher Tongefäße fanden sich in dieser Aschenschicht. Am Eingang der Höhle war wiederum wie bei manchen Dolmen eine Schale in den Felsen gehauen, und aus diesen wenigen Ueberresten können wir unsere Schlüsse ziehen auf die Vorstellungen vom Fortleben der Toten, die in jener alten Epoche der Steinzeit in Palästina geherrscht haben müssen. Die Semiten. Die Dolmen, die sich nicht nur in Palästina, sondern auch in Nordafrika und Europa finden, die Sitte der Feuerbestattung und die fremdartigen, aus keiner semitischen Sprache herzuleitenden Namen von Flüssen, Orten, und vorisraelitischen Stämmen Palästinas beweisen, daß die älteste Bevölkerung des Landes nicht semitisch war. Etwa um die Mitte des dritten Jahrtausends sind dann wahrscheinlich aus der Völkerkammer Arabiens neue Stämme hervorgebrochen, die wir die Kanaaniter nennen, und mit diesem Ereignis beginnt Palästina aus der prähistorischen Zeit in das Licht der Geschichte hinüberzutreten. Was freilich die Bibel von diesen vorisraelitischen Kanaanäern zu erzählen vermochte, war wenig genug: daß sie Städte hatten, die bis in den Himmel hinein befestigt waren, daß sie Könige hatten und Kriege führten, daß sie Brunnen gruben und Aecker und Weinberge bestellten. Nun aber bekommen all diese Notizen durch die Ergebnisse der Ausgrabungen Leben, der schweigsame Buchstabe wird durch bunte Bilder illustriert. Nicht nur in Aegypten, auch in Palästina, in Taannak und Dachis, sind Briefe gefunden worden, die jene Könige geschrieben haben. Wir sehen, daß sie sich im diplomatischen Verkehr miteinander und nach auswärts der babylonischen Schrift und Sprache bedienen. Wir hören von ihren kleinen Angelegenheiten und Sorgen, von Verschwörungen und Hinterhalten, von Tribut und Geschenken. Jämmerlich klein sind die Verhältnisse: „Gib mir doch drei Bogen, drei Dolche und drei Schwerter“ schreibt der eine, ein andermal wird von zwei Messern, einer Lanze und zwei Keulen gesprochen, und eine solche geringe Menge Waffen verbürgte anscheinend schon den Erfolg. Aber doch war wenigstens zurzeit, als die Israeliten ins Land kamen, eine vollständig ausgebildete staatliche Organisation vorhanden, es gab Beamte, es gab Schreiber und Boten, Namenslisten wurden zu militärischen Zwecken geführt, es gab Geldverkehr, wenn auch das Geld noch nicht geprägt, sondern nach Barren oder Ringen abgewogen wurde, und alle die mannigfaltigen Ueberreste dieser entwickelten Kultur finden wir nun in Teils, den Schutthaufen der alten palästinensischen Städte. Wir sehen zunächst, wo die Kanaanäer ihre Siedlungen anlegten. Nicht oben auf dem Berge, wo die Wasserquelle nur schwer zu erreichen war, und nicht unten im Tale, wo man Ueberfälle feindlicher Stämme befürchten mußte, nicht weit abgelegen von den großen Verkehrsstraßen, aber auch nicht unmittelbar an ihnen, auf kleinen Hügeln, die möglichst schroff nach mehreren Seiten ins Tal abfielen, gründeten sie ihre Städte. Den natürlichen Schutz des Hügelabhanges stärkten sie noch durch künstliche Mauern, die ringsum die Städte umgaben. Von der ältesten Zeit, da sie die Blöcke roh aufeinander türmten, bis auf eine Epoche, in der sie sorgsam tiefe Fundamente für die Lehmziegelmauern legten, die Fundamente durch Böschungen stützten und diese Bollwerke durch Türme noch mehr verstärkten, können wir die Geschichte der kanaanäischen Befestigungskunst verfolgen. Wir messen die kollossale Breite der Mauern und die allmählich regelmäßigere Form der zum Bau verwandten Ziegel. Wir finden Doppelmauern, soweit wir sie noch feststellen können, um auf diese Weise ein

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