Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 23 (5.6.1914)
- Article
- Die jüdische Kolonisation Palästinas
- Date
- 1914-06-05
- Page
- 550 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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550 Nr. 23 D1E3§KELT auch seine Mängel hat. Es kommt noch hinzu, daß es das Erstlingswerk des Verfassers ist, und vielleicht aus diesem Grunde eine Reihe erheblicher Schwächen in der Form der Darstellung und der Disposition aufweist. Wir halten uns für geradezu verpflichtet, darauf hinzuweisen, da wir der sicheren Erwartung sind, daß das Buch wegen seiner Gründlichkeit und Aktualität bald eine zweite Auflage verlangen wird, die durch Vermeidung solcher Fehler noch außerordentlich gewinnen müßte. Der größte Fehler des Buches ist seine Breite. Um 200 Seiten verkürzt würde es seine Eindringlichkeit verdoppeln. Und dieser Erfolg ließe sich ganz wohl erreichen, ohne daß integrierende Bestandteile ausfallen müßten, wie wir gleich ganz konkret zeigen wollen. Der erste Teil, der „die wirtschaftlichen Gründe der heutigen jüdischen Kolonisationsbewegung“ behandelt, könnte, bis auf wenige einleitende Bemerkungen, glatt ausfallen. Was hier über die wirtschaftliche Lage der Juden in Osteuropa gesagt wird, ist anderswo gründlicher und besser gesagt worden. Vor allem aber ist die jüdische Kolonisation Palästinas völlig auch ohne diese Vorstudie zu erfassen. Denn es wäre ein schwerer Irrtum, in der wirtschaftlichen Notlage der osteuropäischen Juden die direkte Ursache für das Siedlungswerk in Palästina zu sehen. Gerade die jüdische Kolonisation Palästinas ist eines der klarsten Beispiele dafür, daß außerökonomische Momente zu Erzeugern mächtiger ökonomischer Wirkungen werden können. Denn die wirtschaftliche Not drängte die Juden aus Rußland nicht nach dem halböden Palästina, sondern übers Meer nach Amerika; gleichzeitig jedoch erweckte sie die Sehnsucht nach einer nationalen Lösung der Judenfrage durch Konzentration, und diese erst wurde der Hebel der Einwanderung nach Palästina. — Auch der zweite Abschnitt, über die Landesverhältnisse Palästinas, vertrüge eine sehr bedeutende Kürzung. Gewiß müssen für europäische Leser einige einleitende Bemerkungen zum Verständnis der landwirtschaftlichen Grundbedingungen des Landes gemacht werden, aber mehr wäre nicht nötig. Die türkische Agrarverfassung und ihre Geschichte könnte ganz ausfallen, zumal sie augenscheinlich einer völligen Umwälzung entgegengeht; desgleichen wären die Steuerverhältnisse gelegentlich in einer Anmerkung abzutun. Auch in der Einzeldarstellung der Kolonien, dem wertvollsten Teil des Buches, könnte viel Raum gespart werden. Bei jeder Kolonie wäre als Text nur das zu geben, was von allgemeinem Interesse ist. Die vielen Einzelheiten, die nur für den ganz speziell Interessierten Wert haben, wären sehr wohl in einige große Tabellen zusammenzudrängen. Auch sonst machen sich Ungeschicklichkeiten in der Disposition vielfach geltend, die zu Wiederholungen und Zickzackwegen führen. Besonders lassen die Kapitel 11—16 ein Ordnungsprinzip vermissen. Kapitel 11 (Bankwesen usw.) gehört besser in den Abschnitt über städtische Kolonisation. Der Titel des 13. Kapitels („landwirtschaftliche Spezialfragen“) entspricht absolut nicht seinem Inhalt. Die landwirtschaftliche Versuchsstation und ihre Aufgaben gehört natürlich nicht in Kapitel 16 („Hauptkulturen“). Wir möchten für den beschreibenden Teil als grundsätzliche Einteilung vorschlagen, wie es der Verfasser andeutungsweise im Text tut, die ökonomisch gerichteten Gesellschaften (etwa Kapitel 12) zu trennen von den „Gesellschaften für öffentliche Fürsorge und systematische Philanthropie“ (I. C. A., Zionistische Organisation, Odessaer Komitee, Nationalfonds, Esra, Frauenverband, Arbeiterheimstätten, hygienische Bestrebungen, Versuchsstation usw.). Unebenheiten der Darstellung rühren an etlichen Stellen davon her, daß die Material-Sammlung zu direkt in das gedruckte Buch übergeführt ist, ohne ausreichende Verarbeitung und Redigierung. Sonst - könnte es nicht Vorkommen, daß dieselbe Manuskriptstelle zweimal verarbeitet wird (S. 291 unten und 292 unten), oder daß ein Abschnitt an eine falsche Stelle verschlagen wird (S. 335, 15. Zeile von unten bis 336, letzter Absatz, schließt an 334, letzter Absatz an). Der Verfasser wird es uns gewiß nicht verargen, wenn wir auch einige kleinere Irrtümer richtigstelüen. Ein Rottel Milch ist nicht 3 Liter, sondern etwa 2,4 Liter, und kostet nicht 1,60 Francs, sondern etwa 90 Centimes; ein Kantar ist 200 Liter, nicht Hektoliter (S. 328). Die Sephardim sprechen nicht in ihrer Mehrzahl spaniolisch oder Ladino, sondern arabisch (S. 57). Die nach Nordamerika einwandernden Juden sind nur scheinbar so stark mit Analphabeten durchsetzt, weil Jiddisch oder Hebräisch von rigorosen Beamten öfter nicht anerkannt wird (S. 31). Sehr störend sind zahlreiche Falschschreibungen von Namen, die zum Teil auf der Unkenntnis des Hebräischen beruhen. Wir nennen Chefziboth (statt Chefzibo), „der Ethrogim“ (!) statt „der Ethrog“, Meacharim (statt Measchearim), Michgenoth-Israel (statt Mischkenoth-Israel), Hasch Kafah (statt Haschkafah), Haschkalei (statt Hachaklai), Pfuhle (statt Phule oder Phoule), Kuchan (statt Kuschan oder Kouchan). Die Mandarine heißt Yussif Effendi, und Medschdel ist der arabische Name der Farm Migdal, früher Magdala. Es gilt jetzt noch kurz zu einigen sachlichen Urteilen des Buches Stellung zu nehmen. In der im übrigen ausgezeichneten Diskussion der Landarbeiterfrage erscheint uns das Problem der Jemeniten doch etwas zu optimistisch behandelt. Es ist richtig, daß der jemenitische Jude ziemlich ebenso bedürfnislos ist wie der Araber und ihn daher leichter ersetzen kann als der osteuropäische Arbeiter. Aber der Jemenite ist durchaus nicht eo ipso zur Landarbeit geeignet. Er ist nicht, wie es S. 265 heißt, an diese Arbeit vom Jemen her gewöhnt, sondern war dort fast immer kleiner Krämer oder Handwerker. Es ist weiter eine sehr ernste Frage, ob der jüdische Arbeiter aus Osteuropa, der bisher die Jemeniten-Einwanderung gleichgültig oder gern mitansah, nicht in naher Zukunft in diesem auf der arabischen Kulturstufe stehenden, mit geringerem Lohn als er selbst zufriedenen und einer Organisation oder sozialen Ideen kaum zugänglichen Element einen gefährlichen Lohndrücker sehen wird. Anfänge davon zeigen sich, wenn sie auch vorläufig durch die nationale Ideologie unterdrückt werden. In der Beurteilung des Prinzips der Siedlungsgenossenschaft kann man dem Verfasser darin beipflichten, daß eine Besetzung neu okkupierter Böden dieses Wirtschaftssystem wegen der lange'Jahre ausbleibenden Rentabilität nur in Mißkredit bringen kann. Seine prinzipiellen Bedenken dagegen vermögen wir nicht zu teilen. N. meint, das Prinzip eigne sich wohl nur für reinen Ackerbau oder reinen Pflanzungsbau, Betriebsarten, die er wegen ihrer Einseitigkeit ablehnt, und daß die sehr wichtige Hauswirtschaft sich der Bewertung im genossenschaftlichen Betriebe entziehe. Das ist aber nicht durchschlagend, da die Siedlungs-Genossenschaft der privaten Hauswirtschaft der Genossen im Stadium ihres vollen Ausbaues einen wichtigen Platz zuweist. In diesem Stadium ist sie eben eine Synthese von genossenschaftlichem Großbetrieb und privatem (häuslerischem) Kleinbetrieb. Die „Genossenschaften“ zur Okkupation neuer Böden haben mit den Oppenheimerschen Ideen wenig Sehr richtig ist es, daß Nawratzki in der Ueberführung des Landarbeiters in einen Kolonisten das Zentralproblem der Zukunft sieht. Ich bin überzeugt, daß dieser Uebergang nicht möglich ist ohne das, was ich