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Die Welt · 1914-06-05 · 23 (5.6.1914) · p. 549

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
23 (5.6.1914)
Article
Die jüdische Kolonisation Palästinas
Date
1914-06-05
Page
549 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 23 blESöKELT 549 DIE JÜDISCHE KOLONISATION PALÄSTINAS Von Dr. Elias Auerbach, Haifa*) Wer auf einen bestimmten jüdischen Ideenkreis, nämlich den zionistischen, eingestellt ist, hat auch bisher schon in der Neubesiedelung Palästinas durch Juden ein einzigartiges, der höchsten Beachtung würdiges Phänomen gesehen. Aber man kann sich darüber nicht täuschen, daß außerhalb der zionistischen Kreise sowohl bei Juden wie bei Nichtjuden nur sehr geringe Kenntnisse und sehr undeutliche Vorstellungen von dem bestehen, was hier faktisch bisher geleistet worden ist. So kann es geschehen, daß in Diskussionen über die Frage der jüdischen Kolonisation die abenteuerlichsten Behauptungen als bare Münze passieren. Auf der anderen Seite gibt es selbst unter Zionisten nicht viele, die ein klares und abgeschlossenes Bild der jüdischen Siedlung ihr eigen nennen und dadurch den Anspruch auf ein Urteil in diesen Fragen erheben können. Ein Vorwurf läßt sich aus diesem Sachverhalt gegen niemand herleiten. Denn Palästina ist weit von Europa, wenn auch unendlich viel näher, als vor 15 Jahren. Und die Palästina-Reisenden, wenn auch ihre Zahl allgemach in die Tausende geht, konnten meist nur sich selbst und oft genug auch sich selbst nur lückenhaft auf kurzen Reisen unterrichten. Was an „Reiseliteratur“ bisher auf diesem Gebiete produziert worden ist, war nur zu oft sentimentale Stimmungsmalerei, und im besten Falle eine gute Erörterung der allgemeinen Fragen oder Behandlung dieses oder jenes Spezialproblems. Es fehlte bisher ein Werk, das die jüdische Kolonisation Palästinas als Gesamterscheinung nach ihren Grundlagen, Tatsachen und Ergebnissen zusammenfassend dargestellt und damit in die europäische Literatur eingeführt hätte. Zu einem solchen Unternehmen gehört freilich ein von vornherein auf dieses Ziel gerichteter Blick eines wissenschaftlich geschulten Beobachters, ein Bienenfleiß und ein unbeugsamer Wille zur Sachlichkeit. Diese Tugenden können wir ohne Zweifel dem umfangreichen Buche.von Gurt Nawratzki nachrühmen, der es erstmalig unternommen hat, dieses Standardwerk zu schaffen. Es verzichtet auf alle rhetorischen Wirkungen, es will nur sammeln, sichten, urteilen. Dafür will aber das Buch ein. abschließendes Gesamtbild bieten, indem es auf der einen Seite bis zu den großen Grundfragen vordringt, auf der anderen Seite das Eingehen auch in die kleinen Einzelheiten nicht scheut. Um uns die Fülle des Gebotenen zu vergegenwärtigen, lassen wir am besten die einzelnen 'Abschnitte des Werkes an uns vorüberziehen. Nawratzki beginnt mit einer allgemeinen Einleitung, welche die wirtschaftlichen Gründe der jüdischen Kolonisationsbewegung darstellt. In erster Linie wird hier die Lage der Juden in Osteuropa gekennzeichnet, welche die Massen in Wanderbewegung versetzt. Die Wanderungen führen nun zur Dezentralisation der Juden, ihre psychologische Anlage aber führt sie zu neuer Konzentration. Die Kombination beider Tendenzen, Wanderung (mit Berufs-Umschichtung) und Konzentration führen nun gemeinsam die Kolonisation gerade Palästinas herbei. (S. 1—44.) Der zweite Teil (S. 47—91) ist der Landeskunde Palästinas gewidmet. Er macht uns mit der Geographie, Naturkunde und Ethnologie Palästinas bekannt. Besondere *) Dr. Curt Nawratzki, Die jüdische Kolonisation Palästinas. Eine volkswirtschaftliche Untersuchung ihrer Grundlagen. München 1914. Ernst Reinhardt. XVI -J- 539 S. 1 Kapitel beschäftigen sich mit der politischen Geographie und den ohne Erläuterung für Europäer fast unverständlichen Bodenbesitz- und Steuerverhältnisse, die natürlich für die Entwicklung der Kolonisation von der allergrößten Bedeutung sind. Der dritte Teil wendet sich nunmehr dem engeren Thema des Buches, der jüdischen Kolonisation Palästinas, zu. Sein Haupttitel, „Geschichte der jüdischen Kolonisation“, wird eigentlich nur dem ersten Abschnitte gerecht, der diese Geschichte in ihren wesentlichen Zügen darstellt. (S. 95—119.) Den eigentlichen Kern dieses Teiles und damit des ganzen Buches bildet dann die in solcher Gründlichkeit und Vollständigkeit bisher nirgends gegebene Einzeldarstellung der Kolonien (S. 120—213). Kolonie für Kolonie wird hier nach ihrer Entwicklung, Bodenfläche, Bevölkerung, nach ihren hauptsächlichen Kulturen, Erfahrungen, Versuchen und kommunalen Einrichtungen geschildert. Es lohnt die — allerdings nicht kleine — Mühe, diesen Abschnitt gründlich durchzuarbeiten, um Respekt vor dem Fleiße des Verfassers zu bekommen, der in mühseligster Arbeit alle diese zerstreuten, ungleichwertigen und bisher nicht systematisierten Daten zusammengetragen hat. Manchmal mag es scheinen, als ob er gar zu weit ins Kleinste geht; aber nur so war es möglich, das breite Fundament von Tatsachen zu schaffen, auf dem sich eine Diskussion der allgemeineren Fragen erst mit Nutzen aufbauen kann. Damit die Essayisten es leicht haben, mußte es sich der Volkswirtschaftler schwer machen. Es folgen eine Reihe von Abschnitten, die einzelne Siedlungsfragen näher beleuchten. So findet die Landarbeiterfrage eine ausführliche und vielseitige Besprechung, die ihrer mit Recht von Nawratzki als zentral angesehenen Bedeutung entspricht. Ferner die landwirtschaftliche Ausbildung der Juden, die kapitalistisch organisierten Kolonisationsgesellschaften, die Frauenfrage, die Zusammenstellung der Hauptkulturen Palästinas, das Bank-, Kredit- und Genossenschaftswesen. (S. 214—349.) Nunmehr (S. 349—377) werden die Ergebnisse und Lehren der bisherigen landwirtschaftlichen Kolonisation Palästinas durch Juden kurz zusammengefaßt, nachdem sie sich aus dem reichen Tatsachenmaterial schon fast von selbst ergeben haben. Welcher Art diese Lehren sind, werden wir noch später betrachten. In geringerer Ausführlichkeit wird jetzt die städtische Kolonisation behandelt. (S. 378—444.) Die Hauptursache dieser Kürze dürfte nicht in der geringeren Bedeutung der städtischen jüdischen Bevölkerung sein — sie übertrifft an Zahl die ländliche etwa um das neunfache —, sondern vor allemin der Schwierigkeit, vielleicht Unmöglichkeit, für die meisten wirtschaftlichen Vorgänge hier genaue Angaben und statistische Zahlen zu erhalten. Der letzte Teil des Buches behandelt den kulturellen Zustand der Juden in Palästina (S. 447—498). Gerade dieser Teil wird für jeden, der mit der jüdischen Siedlung bisher nicht bekannt war, von höchstem Interesse sein. Er zeigt, daß diese jüdische Siedlung in ihren kulturellen Leistungen und Interessen weit über das hinausgeht, was man nach ihrem Umfang und ihrem Alter von ihr erwarten könnte. Die Juden sind schon heute in ihrem Schulwesen^ ihren hygienischen Einrichtungen und ihren Organisationsformen die wahren Kulturträger in Palästina. Es kann nicht wundernehmen, daß Nawratzkis Buch, das einen ersten großzügigen Versuch darstellt, als solcher

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