Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 19 (8.5.1914)
- Article
- Sprachenkampf und Volk
- Date
- 1914-05-08
- Page
- 452 (sequence 2)
- Language
- German
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452 die Hoffnung lebt, daß all die opferheischenden, schwierigen Arbeiten wirtschaftlich-ökonomischer Natur, die seit Jahren in Palästina im Gange sind, schließlich doch dazu beitragen werden, für große Teile der Bevölkerung eine Zufluchtsstätte zu schaffen. Man sieht in der Palästinaarbeit das Mittel^ durch das im Orient neue Einwanderungsmöglichkeiten vorbereitet und geschaffen werden. Die Palästinaarbeit bekommt nach und nach den Charakter und die Grundtendenz einer großzügigen Abhilfe für die zukünftigen schwierigsten Erscheinungen auf dem Gebiete der jüdischen Emigration. In zionistischen Kreisen, wo man der Gefahren einer überstürzten unaufhaltsamen Emigration eingedenk ist, ganz gleich, ob sie nach Ost oder West strömt, wird dieses Moment nicht ohne gewisse Gefühle der Unruhe und Besorgnis verfolgt. Es ist dies eine Erscheinung, die auch von nicht-nationalen, ja antizionistischen Gesellschaftskreisen in Rußland seit einiger Zeit in ihrem ganzen Ernst berücksichtigt und erwogen wird. Daraus erklärt sich auch die bezeichnende Tatsache, daß die Gegner der jüdischen Renaissance immer wieder erklären, daß sie den Zionismus als sozial-ökonomische Volksbewegung nicht bekämpfen und sich ausschließlich gegen die nationalen Tendenzen der jüdischen Erlösungsbestrebungen ablehnend verhalten. Aber nicht nur aus ökonomisch-sozialen Momenten beginnt Palästina {allmählich in lebendigen Kontakt mit den östlichen Bevölkerungsschichten zu treten. Für große Teile des russischen Judentums bildet Palästina jetzt schon die zuverlässige Zufluchtsstätte des jüdischen Geistes. Es darf ohne Uebertreibung gesagt werden, daß für die Emigration des jüdischen Geistes, für das Problem des jüdischen Erziehungswesens, Palästina heute schon ein bedeutender Faktor geworden ist. Das russische Judentum empfindet die Tragödie des jüdischen Geistes, den völligen Zusammenbruch des Erziehungswesens der he ran wachsenden Generation viel schmerzlicher und bitterer als die schwersten Ausnahmegesetze und die sinnlosesten Vertreibungen. Schon die Tatsache, daß sich viele Hunderte jüdischer Eltern zu dem materiell und seelisch schweren Opfer entschließen, ihre Kinder in das entfernte Palästina zur Erziehung zu schicken, spricht dafür, daß es auch der jüdische Geist unter dem Joche der Knechtschaft nicht mehr aus halten kann und Befreiung sucht. Es ist ein allgemein verbreiteter Irrtum, daß ausschließlich die schweren Zulassungsbedingungen für jüdische Kinder in die allgemeinen Schulen das Schülermaterial für die palästinensischen Anstalten liefern. Das ist nicht der Fall. Schon die Tatsache, daß eine größere Anzahl der Palästinaschüler aus Rußland mit Abgangszeugnissen allgemeiner und staatlicher Schulen kommt, ist für diese Auswanderung des jüdischen Geistes bezeichnend. Der heiße Wunsch und das sehnsüchtige Bestreben, die schulpflichtigen Kinder zur Ausbildung nach Palästina zu schicken, bildet gegenwärtig bei vielen Tausenden von jüdisch-russischen Familien, in allen Klassen und in allen Schichten, eine ernste Frage. Noch nie ist die nationale Tendenz in so scharfer und klarer Weise hervorgetreten wie jetzt, da sie die breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung gerade in ihrem Bestreben bekunden, die Erziehung des heranwachsenden Geschlechts mit Palästina und palästinensischem Geist zu verknüpfen. Und wenn heute Dr. Max Nord au allen Ernstes die Frage an die Oeffentlichkeit richtet: Was geben diese neuen Schulen dem Volke Israel? — so werden dies die weitesten Kreise im Ostjudentum schmerzlich empfinden. Sie werden der Frage des Altmeisters der zionistischen Gedankenwelt ohne jedes Verständnis gegenüberstehen. Sie werden antworten: Alles! Nr. 1 j . Das Problem des jüdischen Erziehungswesens laste wie ein Alp auf dem national gesinnten jüdischen Haus. im Osten, wo der sittlich-nationale Verfall der jüdischer Schuljugend, mangels jüdischer Ausbildung, zu eine schweren Krisis geführt hat. Es muß festgestellt werden, daß im Bestreben nach einem normalen Erziehungsweser in Rußland die palästinensische Schule jetzt schon einen lebendigen Bestandteil bildet. Dies dürfte in der Zukunft für das russische Judentum von eminenter Bedeutung werden. Denn nicht nur Schüler, sondern auch Lehrer erwartet das Ostjudentum, die von palästinensischem Geiste durchdrungen das Erziehungswerk in der Diaspora in ihre Hände nehmen sollen. Kein Wunder also, daß man im Osten für den Kulturkampf in Palästina ein besonders lebhaftes Interesse bekundete. Es ist für weite Kreise der ostjüdischen Bevölkerungsschichten durchaus nidit gleichgiltig, ob die neu entstehende, im Werden begriffene hebräische Musterschule in Palästina danach strebt, Abhilfe gegen die Verwahrlosung des jüdischen Erziehungswesens in der russischen Diaspora zu schaffen oder ob auch diese letzte Möglichkeit in die Anomalien und verkrüppelten Halbheiten verfällt, die den Inhalt und das IWesen der gegenwärtigen jüdischen Diaspora-Schule {ausmachen. Der Weg des neuen Jischub in Palästina ist stets ein dornenvoller gewesen. Stets hatten die Pioniere unserer nationalen Wiedergeburt in Palästina schwere Kämpfe gegen verschiedene von außen kommende Einflüsse auszufechten und sich gegen Tendenzen zu wehren, die, selbst dem Geiste der Knechtschaft verfallen, das neue Werk der Freiheit zu untergraben drohten. Die ganze Geschichte des neuen Jischub ist die eines dreißigjährigen Krieges. Und immer war der Blick derer, die auf dem nationalen Vorposten standen, nach der Diaspora gerichtet, wo sie Verständnis und Unterstützung suchten und fanden. Durchblättert man die jüdische Presse der 80er oder 90er Jahre, so findet man immer neue Proteste und Aufrufe; damals schon entbrannten hie und da heftige Kämpfe gegen manche vom Westen her kommende Geistesrichtung. Aber niemals hat die Diaspora an den inneren gesellschaftlichen Ereignissen in Palästina einen so innigen, persönlichen Anteil genommen, wie wir es im Sprachenkampfe erlebt haben. Denn wie es die zionistische Idee war, die das Land Palästina in den Mittelpunkt des jüdischen Lebens und Strebens stellte, so war sie es auch, die die jüdischen Massen zu politischem Denken und Fühlen erzog. Darüber ist man sich in weiten ostjüdischen Bevölkerungskreisen einig. Der Sprachenkampf in Palästina bildete für die Entwickelung des historischen Heimatlandes einen politisch eminent wichtigen und fruchtbaren Augenblick. Der neue Jischub hat sich diesem Augenblick gewachsen gezeigt. Gewiß, es war ein Kampf des Geistes und ein Sieg der geistig-nationalen Weltanschauung. Aber nicht das allein ist es, was die lebendige Beteiligung der ostjüdischen Massen an den Ereignissen in Palästina so intensiv hervorgerufen hat. Für die Stimmung der Masse ist noch ein weiteres Moment maßgebend. Sie empfindet: so wird um die Rechte einer Landessprache gekämpft, um ein Gemeingut, das gesunden und natürlichen Boden im Lande besitzt. Dort, wo solch ein mutiger Kampf um nationale Forderungen ausgefochten werden kann, da sind Keime wirklichen Lebens vorhanden. Nur wo eine kerngesunde Gebundenheit an die heimatliche Scholle lebt und webt, nur wo ein natürliches Bestreben zur Schaffung gesunder, realer Lebensbedingungen besteht, nur auf heimatlichem Boden ist die Kraft gegeben, die für ideell-nationale Forderungen Jung und Alt zu einmütigem und geschlossenem Auftreten zu-