Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 19 (8.5.1914)
- Article
- Sprachenkampf und Volk
- Date
- 1914-05-08
- Page
- 451 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316625-3316644-3354048--60573-3354140- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIEfflELT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG Nr. 19 BERLIN, 8. Mai 1914 UrvW? n"Dnn 'X 2"' ,^12 XVIII. JAHRO. SPRACHENKAMPF UND VOLK Von Dr. 8. Bernstein Es gehört nicht zu den leichten Aufgaben, die breiten Massen zum entschiedenen Eintreten für eine Idee zu gewinnen, die außerhalb ihrer täglichen Sorgen und Lebensinteressen liegt. Und besonders ist dies schwierig bei den jüdischen Massen, die im Osten leben und kämpfen. Unaufhörlichen Verfolgungen ausgesetzt, unter Rechtsverhältnissen, die jede gesellschaftlich-nationale Tätigkeit fast vollständig verhindern, sind sie in ihrem Existenzkampf den schwersten anormalen Bedingungen unterworfen. Abgesehen von der allgemeinen rechtlosen Lage der russischen Judenheit, genügt es, bloß auf die Verhältnisse im Königreich Polen hinzuweisen, dessen Grenzen mehr als ein Drittel der Gesamtzahl der Juden des Zarenreichs umfassen. Der nationalistisch-soziale Kampf, der ökonomische Boykott* unter dem die jüdischen Massen in Polen seit Jahr und Tag zu leiden haben, dürfte zu den dunkelsten Erscheinungen gehören, wie sie in solcher unverhüllten Brutalität in der sozialen Gesellschaft des modernen Völkerlebens bisher unbekannt waren. Zieht man diese Lebensbedingungen der ostjüdischen Massen in Betracht, so wird man einsehen, daß es nur außergewöhnliche, in das Seelenleben dieser Massen tiefeinschneidende große Momente sein können, die die Kraft besitzen, die schwer geplagten breiten Bevölkerungsschichten aufzurütteln und über ihre Alltagssorgen hinauszuheben. Ein solches Moment bildete der Kampf um die hebräische Sprache in Palästina. Gewiß war es nicht zu erwarten, daß die jüdischen Massen des Ostens ihre Stellungnahme zu diesem noch nie dagewesenen Auftreten Palästinas in besonderen Formen der Massenkundgebung zum Ausdruck bringen würden. Dazu fehlt ihnen jede äußere Bewegungsfreiheit, jede rechtliche Möglichkeit. Doch hat die ostjüdische Masse selten einen solchen sittlichen Emst und eine solche nationale Würde bekundet, wie gerade diesmal. Die vornehmen Waffen der Verteidiger der hebräischen Sprache, das hohe Niveau des Kulturkampfes', für unsere Gegner vielleicht der wundeste Punkt, haben im Denken und Handeln derjbreiten jüdischen Bevölkerung ein würdiges Echo gefunden. Nicht die geringste unfreundliche Stimmung gegen die Personen, gegen die Wortführer der Institution, gegen die der heiße Kampf gerichtet war. Nach wie,vor findet, die philanthropische,menschenfreundliche Tätigkeit dieser.Personen die vollste Anerkennung und Würdigung der ostjüdischen Öffentlichkeit. Das hindert sie aber nicht, wo es sich um die nationale Weltanschauung handelt, ihre Stellungnahme ganz unzweideutig zum Ausdruck zu bringen. Der Kampf der palästinensischen Geistespioniere hat in den breiten jüdischen Massen ein lebendiges Interesse hervorgerufen, wie wir es seit Jahren nicht mehr gesehen haben. Es darf hier gesagt werden, daß es; der zionistischen Bewegung gelungen ist, hier zu wiederholtes Malen den Beweis zu erbringen, wie irrig die Ansicht mancher Kreise ist, daß sich allmählich der angebliche Parte iCharakter des Zionismus herausgestellt habe und daß zwischen ihm und der breiten jüdischen Masse jeder eigentliche Zusammenhang fehle. Die Stimmung der jüdischen Masse während des Sprachenkampfes hat klar und überzeugend bewiesen, daß sie in großen, historisch entscheidenden Momenten sich stets mit der zionistischen Idee eins fühlt. Ein beachtenswerter Punkt soll hier aber noch besonders betont werden. Das Verhalten der ostjüdischen Massen zu Palästina, zu allen Erscheinungen des palästinensischen Lebens hat in den letzten Jahren einen bemerkenswerten Charakter angenommen. Zeichnete sich das Verhältnis der Masse zum Lande der Väter stets durch seinen national-romantischen Inhalt aus, durch die im Innern der .Volksseele lebende historische Anhänglichkeit an Zion, so kam in den letzten Jahren zu diesen Gefühlswerten ein neues maßgebendes Moment hinzu. Nach und mach begann in weiten Schichten der jüdischen Bevölkerung die Ueberzeugung durchzudringen, daß Erez- Israel in absehbarer Zukunft beginnen dürfte, für die jüdischen Massen eine Mission zu erfüllen: zu einem ökonomisch-sozialen Machtfaktorzu werden. Schon jetzt weiß die Masse aus ihrem Selbsterhaltungstrieb, daß die täglich zunehmende Emigration nach dem Westen in den nächsten Zeiten vor schwere Probleme gestellt sein dürfte. Gelingt es auch durch das Aufgebot aller erdenklichen Kraftanstrengungen, diesen oder jenen Absperrungsparagraphen der fast täglich neu entstehenden Fremdenbills zeitweilig lahm zu legen, so besteht für das Vorgefühl der Masse kein Zweifel darüber, daß der Tag nicht mehr fern ist, an dem es für den Verfolgten nur die Aussicht gibt, an den Ort gefesselt zu bleiben, der ihn weder leben noch sterben läßt. Wer mit der jüdischen Masse in Berührung kommt, wird wissen, wie stark in ihr