Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 19 (8.5.1914)
- Article
- Sprachenkampf und Volk
- Date
- 1914-05-08
- Page
- 453 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 19 453 NEBELT samöienfaßt. Nur durch dieses Volksbewußtsein erklärt sich auch die merkwürdige Tatsache, daß in den Bevölkerungsschichten des Ostjudentums aller Richtungen, auch da, wo die national-hebräischen Tendenzen alles andere als Freunde besitzen, der Kulturkampf in Palästina ein einheitliches Gefühl hervorgerufen hat: die Achtung vor dem von Erez Israel kommenden volkstümlichen Gedanken. Das war die starke' Lehre des Sprachenkampfes: die Willensäußerung des volkstümlichen Judentums, die wiederum bekundete historisch natürliche Zusammengehörigkeit von Volk und Land in Gegenwart und Zukunft. DAS „ALLJUDENTUM“ Eine Auseinandersetzung Von Nachum Goldmann Was ist das Alljudentum? Man muß diese Frage stellen, wenn man an eine Betrachtung desselben herantritt. Denn der Name selbst ist ebenso nichtssagend wie — anmaßend. Nichtssagend: denn will er zum Ausdruck bringen, daß das Alljudentum das Gesamtjudentum zum Gegenstand seiner Theorien und Bestrebungen macht, so bedeutet er nichts Eigentümliches; jede große jüdische Bewegung nimmt dasselbe für sich in Anspruch; soll aber der Name besagen, daß das Alljudentum das Judentum der Gegenwart in all seinen Aeußerungen und Ausdrucksformen bejaht, so täuscht er über das Wesen dieser Strömung: das Alljudentum lehnt zahlreiche Erscheinungsformen des modernen Judentums ebenso scharf, ja schärfer ab als der Zionismus, so beispielsweise und vor allem das Westjudentum. Also der Name selbst gibt keine Auskunft über das Wesen der Richtung, die ihn zu ihrem Schlagwort gewählt hat. Anmaßend aber ist der Name, weil er den Anschein erwecken will, als ob nur das Alljudentum wirklich für das gesamte Judentum sorgt und wirkt; darin bedeutet er von vornherein eine Herabsetzung und Verurteilung aller anderen jüdischen Bewegungen. So gesehen ist das „Alljudentum“ eine Anmaßung. Eine Anmaßung aber ist auch — um diesen Punkt gleich zu Anfang abzutun — die ganze Form seines Auftretens. Lärmend und provozierend, selbstsicher bis zum Unfehlbarkeitsdünkel, kritisierend bis zur Beschimpfung und tadelnd bis zur Beleidigung, mit der Miene und Geste des gottgesandten Volksretters, dies ist die Art und Weise, in der sich diese neueste Judentheorie bei uns eingeführt hat. Und nicht einmal den Milderungsgrund der „Flegeljahre“ kann das Alljudentum für sich in Anspruch nehmen. Sein provozierender Ton ist gewollt, seine beleidigende Keckheit gemacht. Was berechtigt einen Fritz Mardochai Kaufmann mit seinem Anhang, solche Manieren an den Tag zu legen? Wem das blutlose westeuropäische Großstadtliteratentum so deutlich anhaftet, der hat doch sicherlich nicht das Recht, sich zum Volkstribun aufzuspielen und von einer Bewegung wie dem Zionismus, oder von einem Manne wie Ruppin in dem Tone zu reden, der in dei^ „Freistatt“ zu herrschen pflegt. So unangenehm sind die literarischen Manieren dieser „Alljuden“, daß man sich nur ungern mit ihnen befassen mag; dies ist wohl einer der Hauptgründe dafür, daß man ihnen bisher in zionistischen Kreisen keine ernste Beachtung zu schenken für nötig befunden hat. Und tatsächlich hätte das Alljudentum keine eingehende Beachtung oder gar Widerlegung verdient, wäre die ganze Bewegung nur das, als was sie in der „Freistatt“ manchen erscheinen mag: als eine überspannte, ungesund-romantische Idee einiger übersatten, neuheitshungrigen westlichen Großstadtliteraten. Aber das Alljudentum ist mehr, ist bedeutsamer, als es die „Freistatt“ vermuten läßt. Diese Ideen haben in Osteuropa — wo sie allein begreiflich sind — eine recht starke Bewegung ausgelöst, und hinter diesen überspannten Ansichten der „Freistatt“ steht teilweise eine starke Strömung innerhalb der osteuropäischen Massen. Sie allein verleiht dem Alljudentum Sinn und Bedeutung. Insoweit sie das Produkt eines Teiles der osteuropäischen Judenmassen darstellt, ist diese Strömung interessant; insofern sie als Symptom einer inneren Unzufriedenheit mit dem Zionismus innerhalb weiter Kreise des Ostjudentums erscheint, wird sie gerade für uns Zionisten besonders bedeutsam und beachtenswert. I. Also: Was ist das Alljudentum? Begrifflich analysiert, beruht es — abgesehen von seiner nationalen Grundlage — auf einem einzigen Prinzip, das aber auch kein eigentliches positives Prinzip, sondern lediglich die Bestreitung der grundlegenden These der zionistischen Theorie darstellt: die Bestreitung der These von der Negation des Galuth. Gegen cTiesen Satz richtet das Alljudentum seine giftigsten Pfeile, ohne ihn aber bisher irgendwie wirklich getroffen zu haben. Die ganze Argumentation und Kritik des Alljudentums am Zionismus beruht vielmehr auf einer häufig anzutreffenden Methode: sie wirft all das der zionistischen Theorie vor, was ihre eigenen Fehler ausmacht; nirgends wird eigentlich die Argumentation des Alljudentums so scharf und schlagend widerlegt wie in der „Freistatt“. In zwei Argumenten erschöpft sich die Kritik des Alljudentums am Zionismus: erstens, die zionistische These von der Negation des Galuth sei unhistorisch, sei rationalistisch und „maskilistisch“ (der Gebrauch dieses Wortes in der „Freistatt“ grenzt beinahe an Unfug) und sodann, die Zionisten seien blutleere, bläßliche, kraftlose Intelligenzler, die nichts mehr von den „urzeitlichen, gewaltigen“ Kräften der ostjüdischen Massen besitzen. Es kann nicht schwer fallen, zu beweisen, daß beide Eigenschaften am Zionismus nicht vorhanden sind, beide aber das Alljudentum nicht nur charakterisieren, sondern es geradezu erzeugt haben. Die zionistische These von der Negation des Galuth beruht auf zwei Fundamenten: auf einem objektiven, historischen, und einem subjektiven, individuellen. Das eine sagt: Das Galuthjudentum muß untergehen; das andere: es soll untergehen. Das eine deckt die Kausalreihe auf, die den Untergang des Galuthjudentums herbeiführt, und das andere stellt die Zielsetzung, die Wollungen, die Teleologie dar, auf Grund deren wir seine Erhaltung gar nicht wünschen. Die historische Begründung der Negation des Galuth — auf eine knappe Formel gebracht — lautet: Das Galuth bietet an sich keine der Bedingungen, die allein die Existenz eines Volkes ermöglichen und garantieren: Land, Sprache und Sitte. (Sitte im weitesten Sinne.) Um im Galuth als nationale Gemeinschaft zu existieren, gab es für die Juden nur einen Weg: sie schufen sich innerhalb der Diaspora eine eigene, von der fremden streng abgeschlossene Welt auf der Basis — und nur auf der Basis — ihrer Religion; eine Welt mit eigenen. Sitten und Lebensformen und zuletzt auch eigener Sprache. Diese Welt war das Ghettojudentum. Das Ghettojudentum aber konnte nur im Ghetto existieren; denn der strengste Abschluß vor der Außenwelt und die absoluteste Einheitlichkeit und Geschlossenheit seiner Mitglieder in Weltanschauung und Lebensgestaltung war die Grundbedingung seines Daseins. Mit dem Eintritt der Emanzipation, d. h. dem Fall des Ghettos, mußte es daher auch fallen, und die Assimilation war notwendig bedingt. Dies hat die Entwicklung des Westjudentums bereits bewiesen, dies beweist der Werdegang des Ostjudentums in gleichem Maße. Denn zwischen den Schicksalen beider besteht zwar temporäre Verschiedenheit, aber prinzipielle Gleichheit. Bei uns ist die Emanzipation bereits erfolgt, im Osten steht sie den Massen noch bevor. Daß aber auch in Osteuropa die Folge der Emanzipation die Assimilation sein wird, zeigt die ostjüdische Intelligenz, d. h. derjenige Teil des Ostjudentums, der die Emanzipation bereits durchgemacht hat. Diese