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Die Welt · 1914-05-01 · 18 (1.5.1914) · p. 432

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
18 (1.5.1914)
Article
Hauptversammlung des Hilfsvereins
Date
1914-05-01
Page
432 (sequence 2)
Language
German
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432 DIE3§KELT Es wurde viel vom Frieden gesprochen. Der Jude hat immer eine besondere Schwäche für dieses Wort. Allein auch der Friede verliert seine Bedeutung und seinen Wert, wenn er bloß äußerlich ist. Er muß eine gesunde Grundlage haben. Und wenn der Hilfsverein ernstlich nach Frieden strebt, so kann er dies nicht durch Auseinandersetzungen in Generalversammlungen erreichen. Er soll Frieden schließen mit dem neuen Jischub in Palästina, mit der Entwicklung des jüdischen Lebens dort und mit dem Grundgedanken, daß in Palästina. kein neues Galuth geschaffen werden darf. Die Generalversammlung des Hilfsvereins der Deutschen Juden wurde am Sonntag, den 26. April, mittags 12 Uhr, im Logenhaus, Berlin, von Herrn Dr. James Simon eröffnet. Er berichtete über das Hilfswerk des Vereins in Galizien, Rumänien und Rußland und gab zum zweiten Teil des Berichtes über das Hilfswerk auf dem Balkan und über das Schulwerk Herrn Dr. Paul Nathan das Wort. Dr. Paul Nathan berichtet über die Bemühungen der jüdischen Organisationen, die in der Union des Associations Juives zusammengefaßt wurden, um die durch den Balkankrieg verursachten Schädigungen der jüdischen Bevölkerung einigermaßen zu mildern. Dem engeren Ausschuß gehörten auch Dr. Nathan und der Generalsekretär des Hilfsvereins, Dr. Kahn, an, die sich bemühten, nicht nur die entstandenen Schäden zu beseitigen, sondern auch für die Zukunft Maßregeln zu ergreifen, um die Existenz der Juden in den betroffenen Gebieten zu sichern. Dr. Nathan betont bei dieser Gelegenheit, daß derartige Unternehmungen nur durchgeführt werden können, wenn alle großen jüdischen Organisationen Hand in Hand gehen. Der Hilfsverein habe stets auf dem Standpunkt gestanden, es müsse in jeder Beziehung vermieden werden, einseitig für irgendeine Richtung innenialb des Judentums Partei zu ergreifen. Es könne ja nicht beabsichtigt werden, alle Meinungsverschiedenheiten aus dem Judentum überhaupt auszuschalten. Das würde eine Stagnation im Judentum bedeuten. Da der Verein ein lebenskräftiges und gesundes Judentum erhalten wolle, so stehe er auf dem Standpunkt, daß Meinungsverschiedenheiten ausgefochten werden müßten. Aber diese Meinungsverschiedenheiten dürfen sich nicht in so schroffer Form Ausdrücken, daß es unmöglich würde, bei großen Arbeiten und wichtigen Anlässen alle Kräfte des Judentums zusammenfassen. Er persönlich sei daher dafür gewesen, auch die zionistische Organisation nach Brüssel zur Bildung der „Union“ einzuladen; sein Antrag sei jedoch abgelehnt worden. „Ich will mich nicht auf Einzelheiten einlassen“, fährt Dr. Nathan fort, „oder die unerquicklichen Vorgänge, denen ich mich jetzt zuwenden muß, ausführlich auseinandersetzen. Was in einer Stunde starken Zwiespaltes gesagt werden mußte, habe ich in einer Broschüre gesagt, auf deren Grund Sie in der Lage waren, sich Ihre Ansicht zu bilden. Ich habe nun zu den gegenwärtigen Verhältnissen Stellung zu nehmen. Ich erörtere kurz die Grundsätze, nach denen unser Schulwerk im Orient und insbesondere in Palästina eingerichtet ist. Die Mitglieder des Hilfsvereins stehen religiös auf sehr verschiedenem Standpunkte. Wir aber haben uns nie herausgenommen, darüber entscheiden zu wollen, welche religiöse Anschauung dort herrschen soll, wo unsere Schulen wirken. Darüber haben die Eltern der Schüler zu entscheiden. Und wer, wie ich, den Orient genau kennt, weiß, daß es für unsere Glaubensgenossen im Orient notwendig ist, das Religiöse stark zu betonen, und daß für Palästina der orthodoxe Standpunkt der gegebene ist. Und wie wir von unserem objektiven Standpunkt die religiöse Erziehung als notwendig erkennen, so betrachten wir auch das Hebräische als eine notwendige Forderung für unser Schulwerk. Nicht von einem jüdisch-chauvinistischem Standpunkt, sondern von dem praktisch-pädagogischen Standpunkte aus müssen wir die Forderung aufstellen, daß an den Schulen in Palästina das Hebräische so ausgiebig gepflegt wird, daß unsere Schüler beim Verlassen der Schule diese Sprache vollkommen beherrschen. So haben wir dem Hebräischen in unserem Schulwerke eine Stellung angewiesen, wie es nie vorher ein Schulwerk im Orient getan hat. Und die Wirkung war, daß wir bis vor kurzer Zeit die uneingeschränkte Anerkennung der Gesamtheit des Judentums gefunden haben. Wenn das jetzt verloren gegangen ist, so will ich das einfach konstatieren, ohne auf die Gründe oder auf die Grundlosigkeit dieser neuen Evolution hinzuweisen. Für die Schulen auf dem Lande ist hebräisch und die Landessprache vollkommen ausreichend. An unseren Schulen Nr. 18 in den Kolonien wird keine europäische Sprache unterrichtet. Ich glaube nicht, daß dies das Vorgehen von germanisierenden Chauvinisten ist. In den städtischen Schulen muß eine europäische Sprache ausgiebig unterrichtet werden, weil mar: in den Städten des Orients nicht auskommen kann, wenn man nicht wenigstens eine europäische Sprache beherrscht. Diese europäische Sprache ist in unseren Schulen begreiflicherweise das Deutsche. Diese Grundsätze haben wir nach sachlichster und objektiver Prüfung festgestellt, und daran hoffen und wünschen wir in Zukunft festzuhalten. Würde die Bevölkerung im Orient von diesen Schulen nichts wissen wollen, dann müßten wir auf die Fortführung unseres Schulwerks verzichten. Aber die Entwicklung ist eine andere gewesen. Unser Schulwerk hat in der Vergangenheit außerordentlich prosperiert, und wir waren nicht einmal in der Lage, alle die aufzunehmen, die sich um die Aufnahme bewarben. Nun sind Vorgänge eingetreten, die uns vor die Frage stellten, ob es noch zweckmäßig sei, unser Schulwerk aufrechtzuerhalten. Ich bin entfernt davon, zu leugnen, daß ich vorübergehend erwog, ob wir nicht besser daran täten, unsere Tätigkeit in Palästina aufzugeben. Aber endlich kam ich und die Gesamtheit meiner Freunde einstimmig zu der Ueberzeugung, daß dies ein Verrat an der Bevölkerung wäre, die an unseren Schulen hängt und den Wunsch hat, ihre Kinder unseren Schulen anzuvertrauen. Es wäre ja viel einfacher, viel bequemer und angenehmer gewesen, die Schulen zu liquidieren. Wir glaubten dies aber um der Bevölkerung willen nicht tun zu dürfen. Zu dem viele« Unerfreulichen, das wir durchlebten, trat ein Erhebendes: die Anhänglichkeit eines großen Teiles der jüdischen Bevölkerung Palästinas, die Anhänglichkeit eines großen Teils unserer Lehrer und die absolute Einheitlichkeit und Harmonie in der Verwaltung des Hilfsvereins.“ Herr Dr. Nathan spricht dann seinen besonderen Dank dem Leiter des Hilfsvereins, Herrn Dr. James Simon, und dem Generalsekretär, Herrn Dr. Kahn, aus. „Nach den neuesten Nachrichten,“ fährt Dr. Nathan fort, „ist die Zahl der Anmeldungen für die Gesamtheit unserer Schulen bisher bereits ebenso groß, wie wir sie bisher stets hatten, so daß die Wunden, die die letzte Zeit uns schlug, so gut wie vollkommen vernarbt sind. Das Lehrpersonal ist komplett, die Schulen sind im Gange, und ich habe nur den einen Wunsch, daß sie sich in Ruhe fortentwickeln können. Neben uns existieren noch mancherlei Schulen. Ich würde es für falsch halten, wenn wir nicht wünschten, daß alle vorhandenen Schulen prosperierten. Es gibt in Palästina noch ein so ungeheures Gebiet zu bearbeiten, daß, wenn wir und die Zionisten und die Anglo Jewish Association und die Alliance Israelite noch einmal so viele Schulen hätten wie jetzt, es auch dann noch ein Segen für das Land und unnötig wäre, sich in gehässiger und unschöner Weise Konkurrenz zu machen. Der Hilfsverein ist nur ein Instrument, und wenn dies eines Tages schadhaft wäre, so hätte das Judentum recht, es beiseite zu legen. Herrn Dr. Simon und den anderen Herren unserer Leitung und auch mir würde es keinen Schmerz bereiten, und wir würden sogar froh sein, wenn wir nicht mehr gezwungen wären, auf der Bresche zu stehen und eine Position zu verteidigen, die zu verteidigen wir heute für gut halten. Aber ich kann mich, bei objektivster Beurteilung der Verhältnisse, und ohne daß ich mich unter allen Umständen engagiert fühlte, Geschäftsführer des Hilfsvereins zu bleiben, nicht davon überzeugen, daß der Hilfsverein kein zweckmäßiges Instrument mehr ist. Unsere Aufgaben sind noch sehr groß und werden noch größer sein, wenn uns die Gesamtheit des deutschen Judentums ihre Unterstützung weiter wie bisher leiht. Die Zahl der Austritte aus dem Hilfsverein war sehr gering, die materiellen Zuwendungen waren in diesem Jahre sehr beträchtlich. Aber für die außerordentlich großen Aufgaben, die unserer harren, reichen sie bei weitem nicht aus. Wir hoffen, daß alle unsere Freunde für den Frieden und dafür wirken werden, daß wir die Mittel für unsere Tätigkeit auch weiterhin haben.“ Herr Rabbiner Dr. Munk, Berlin, spricht Herrn Dr. Nathan den tiefgefühlten Dank für seine hingebungsvolle Tätigkeit aus. Herr Rabbiner Dr. Werner, München, führt aus, daß der Hilfsverein ein segensreiches Werk tue, indem er in Palästina Schulen in streng religiösem Sinne leite. „In Palästina kann es keine Reformjuden geben, eine Schule in Palästina muß religiös sein, sie muß das Hebräische pflegen und muß

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