Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 18 (1.5.1914)
- Article
- Hauptversammlung des Hilfsvereins
- Date
- 1914-05-01
- Page
- 431 (sequence 1)
- Language
- German
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DIEÄELT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG Nr. 18 BERLIN, 1. Mai 1914 urvfefc n"onn 'X b"X 'n ,1^22 XVIII. JAHRG. HAUPTVERSAMMLUNG DES HILFSVEREINS Auch die diesjährige Hauptversammlung des Hilfsvereins der deutschen Juden hat sich in den üblichen Formen abgespielt. Vornehm, steif, mit glatten, wohlgefeilten Reden, Lobhymnen auf die Tätigkeit im verflossenen Jahre, Vertrauensvotum der Anwesenden und - mit zwei Schlußworten nach Schluß der Debatte. Freilich schienen nicht alle Teilnehmer ganz befriedigt zu sein Sie hatten gerade diesmal Außerordentliches erwartet; sie hofften, nach der Flut von Communiques, Flugschriften, Artikeln, Sonderabzügen und Broschüren, die den Sprachenkampf in Palästina begleitet hatten, jetzt, nachdem sich die stürmischen Wogen gelegt haben, ein ruhigeres, ein klareres, aber doch den Kern der Sache treffendes Wort zu hören. Die jüdische Öffentlichkeit hat doch ein Recht, zu fordern, daß man ihr reinen Wein einschenkt und sie nicht mit geschickt formulierten Phrasen abspeist. Die ganze jüdische Welt hat nachgerade begriffen, daß es im Sprachenkampfe nicht um kleinliche Konzessionen von der einen oder der andern Seite ging, nicht darum, für die hebräische Sprache noch einen Unterrichtsgegenstand mehr zu erobern. Es war ein Kampf zweier Parteien, deren tiefstes Wesen im stärksten Gegensatz steht: die eine interterritorial und jüdisch-national, die andere territorial eng begrenzt und in jüdischer Beziehung antinational; zuhause im besten Falle areligiös, für Palästina aber fast orthodox drapiert; jene nach Entfaltung des jüdischen Geistes auf allen Gebieten des Lebens strebend, diese auf ein enges Feld der Tätigkeit beschränkt; jene in all ihren Handlungen vom Gesichtspunkt eines einheitlichen, autonomen Judentums ausgehend, diese alles durch die Brille der Philanthropie betrachtend. Der Sprachenkonflikt war ja nur eine Parole, ein Stichwort, auf das die entgegengesetzten Geister aufeinanderstießen und den latenten Widerspruch offenbarten. Mögen die Herren noch so laut beteuern, daß sie sogar in ihrer eigenen Person eine Trennung vornehmen können, um die Grenze zwischen der von ihnen geleiteten Organisation und ihrer Person zu markieren und genau festzusetzen, wo der Vorsitzende oder der Geschäftsführer aufhört und der Privatmann beginnt; das ist doch nur eine Ausflucht, von der Verlegenheit um eine Rechtfertigung eingegeben. Auf diese Weise könnte man von jeder Organisation jede Verantwortung für immer abwälzen. Man brauchte nur den Organisationsstempel für eine Weile in den Schrank zu schließen und sich mit den privaten Titeln zu begnügen. Man könnte derartiges im Notfall bei einer echten, demokratischen Organisation verstehen; der Hilfsverein ist aber im Grunde doch gar keine Organisation im politischen Sinne des Wortes: er ist eine aus zahlenden Mitgliedern und einer ganz kleinen Gruppe allein verantwortlicher und allein leitender Personen bestehender Verein. Er hat doch nur eine zahlende Armee, aktiven Dienst verlangt er nicht. Und um so größer ist die Verantwortung der Generale: denn sie geben auch dem Programm des Hilfsvereins ihr persönliches Gepräge. Der Geschäftsführer des Hilfsvereins hat in seinem Schlußwort den großen Fehler begangen, auch die zionistische Organisation mit dem Maße seines Vereins zu messen. Mit allem Nachdruck muß immer wieder betont werden: die zionistische Organisation ist kein Verein, sie hat eine demokratische Verfassung, ihre Richtlinien werden nicht in Vorstandssitzungen festgestellt und auch nicht von der oder jener Gruppe einzelner Zionisten diktiert, sondern von ihrer gesamten Vertretung, die in den zionistischen Kongressen die Möglichkeit hat, alles zu erwägen, das Programm der Tätigkeit festzusetzen und eine von ihrem Vertrauen getragene Leitung zu wählen. Es ist einfach lächerlich, jetzt die Sache so darzustellen, als ob im Sprachenkampfe tiefgehende Meinungsverschiedenheiten in unserer Organisation bestanden hätten. Daß einige wenige Zionisten in dieser Frage eine Sonderstellung einnahmen und sie sogar demonstrativ zur Schau trugen, das ist nichts besonderes; das kommt in allen politischen Parteien vor. Ob es erfreulich oder traurig ist, können wir dahingestellt sein lassen; darüber hat nur die Organisation selbst zu entscheiden. Von einer schwankenden Haltung der zionistischen Organisation aber kann nicht die Rede sein; sie hat sich vielmehr in dem Konflikte als fester und geschlossener denn je erwiesen. Am besten wird das der weitere Ausbau unseres Schulwerkes in Palästina dartun. Wenn man der zionistischen Organisation den kühnen Vorwurf macht, sie habe unkontrollierte Berichte ohne ein Wort der Kritik in ihren Organen abdrucken lassen, so kann das bei uns nur ein Lächeln hervorrufen. Die Uninformiertheit der Herren, die solche Behauptungen aufstellen, geht doch zu weit. Unsere Informationen und sämtliche Berichte, die wir erhalten haben, stammen aus den zuverlässigsten Quellen, von den bewährtesten Männern und Organisationen in Palästina. Der zionistischen Organisation solche Vorwürfe machen, heißt den Tatbestand auf den Kopf stellen.