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Die Welt · 1914-04-17 · 16 (17.4.1914) · p. 397

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
16 (17.4.1914)
Article
Die letzten Sculenier
Date
1914-04-17
Page
397 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 16 397 MES^ELT genden Plan. Heute nacht, nach der Rückkehr aus Podul-IIoii, wo sie die Auferstehung feierten, sollten sie alle, das ganze christliche Sculeni, vor das Haus ziehen, darin die Juden sich stets am Peßach versammelten — and hier sollten sie von den Mördern Rechenschaft fordern. Nun aber sollten sie sich ruhig und vernünftig entfernen, denn alles müsse würdig vor sich gehen, auch wenn es gilt, Rache zu üben. So verliefen sich denn die Leute allmählich, aber indem sie an den Häusern der Juden vorübergingen, mußten sie sich sehr beherrschen, denn es trieb sie mit aller Gewalt, diese Häuser mit Steinen zu bombardieren. Und nun war die Nacht Ja, schwül, mit wolkenverhangenem Himmel, an dem nur hie und da, wo das Gewölk einen kleinen Raum freiließ, ein Stern schüchtern funkelte. Der Ort war wie ausgestorben, denn alles Volk, selbst Greise und Kinder, war nach Podul-Iloii zur Auferstehung gezogen, ln dem Saale, den Sederabend festlich zu begehen, saß Vater Schlomo, umgeben von den letzten seines einst zahlreichen Geschlechtes. Sie wußten alle wohl, was sie bedrohte. Seitdem sie von der furchtbaren Anklage erfahren hatten, mußten sie gegen ein lähmendes Entsetzen ankämpfen — gegen jenes Entsetzen, das in der Erwartung einer sicher losbrechenden Katastrophe liegt. O — sie wollten sich kräftig wehren, aber was waren sie gegen diese Uebermacht einer durch Fanatismus rasend gemachten Menge! Und was sollte nun aus den goldenen, sehnsuchtsstarken T räumen — aus dem beseligenden Ziel — aus Palästina werden? Welcher unter ihnen würde das heilige Land wohl noch sehen — welcher den nächsten Morgen erleben? — Sie saßen um den, wie alljährlich, festlich gedeckten Tisch, lasen die Haggada mit lauter Stimme, als wollten sie die innere, schreiende Qual betäuben — aber ihre Gesichter waren bleiche Totenmasken und nur die Augen waren wach. Vater Schlomo saß in ihrer Mitte auf weichem Pfühl; seine Gestalt war in einen weißen Kittel gehüllt und sein Gesicht — sein Gesicht allein — war ruhig, fast heiter. Während einer Pause sagte er mit lauter, tadelnder und zugleich tröstender Stimme: „Warum sitzt Ihr alle da wie Gespenster? Wißt Ihr, daß Ihr eine schwere Sünde damit begeht? Habt Ihr denn keinen Gott, auf den Ihr vertrauen könnt? Hier —" er schlug mit der Hand gegen die vor ihm aufgeschlagene Haggada, „hier lest Ihr von tausend Wundertaten, durch die unser Volk aus Not und Bedrängnis gerettet ward — und Ihr sitzt da, als gäbe es keinen Gott über uns?!" Mitternacht war schon vorüber, als einige Frauen mit lautem Geschrei aus der Küche hereinstürzten. „Sie kommen — sie kommen — draußen — die Straße ist gedrängt voll — das Haus umzingelt wehe uns - wehe uns!" Die Männer sprangen auf und drängten Frauen und Kinder, sie zur Ruhe mahnend, in den Hintergrund zurück; sie selbst kamen nach vorn, gewissermaßen eine lebendige Schutzmauer vor dem Tische bildend. Ihre Mienen drückten nun die äußerste Entschlossenheit aus. An ihrer Spitze stand Vater Schlomo, ruhig und gefaßt, und sah frei und kühn dem Kommenden entgegen. Da wurde die Tür von außen aufgerissen und mit wildem Geschrei, von Lehrer Mankasch geführt, stürzte die Menge herein; — in der einen Hand schwang jeder eine brennende Kerze oder Fackel, in der anderen allerlei Gerätschaften und Waffen. Durch die freie und breite Türöffnung sah man draußen vor dem Hause eine wimmelnde Menschenmasse; die Köpfe schoben sich durcheinander, und die flackernden Kerzen und Fackeln warfen wechselnde Reflexe über das ruhelose Gewoge. Und wie das Branden und Brausen des Meeres klang es aus der Menge; zuweilen hörte man wilde Rufe: „Mörder, Blutsauger, Hunde!" und Lärm und Gedränge schienen jeden Augenblick anzuwachsen, als seien sie von einer unerschöpflichen, unterirdischen Quelle genährt. Drin aber waren sie nach den ersten Augenblicken verstummt. Irgend etwas — sei es die Atmosphäre dieses Raumes, oder der Greis, der furchtlos, schön, hochaufgerichtet vor ihnen stand, wie ein Hohepriester im Tempel Salomos — hielt sie zurück und bändigte ihre anfängliche Lust, alles um sich her zu zerstören. Lehrer Mankasch maß zuerst den alten Mann mit einem verachtungsvollen Blicke und rief dann: „Hund von einem Juden! Wo ist die Leiche meines Kindes, das Ihr hingeschlachtet habt? — Wehe dir und deiner ganzen Sippe, wenn du nicht die volle Wahrheit gestehst!" — Aber der Angesprochene schien ihn nicht zu sehen. Mit aufwärts gerichtetem Blick, so als spräche er zu einem nur ihm sichtbaren Wesen, sagte er: „Laban der Aramäer trachtete unseren Vätern nach dem Leben, aber der Heilige, gelobt sei er, rettete sie aus seiner Hand!" Dann, wie aus einem Traum erwachend, sprach er mit veränderter Stimme: „Herr Lehrer, wir haben Ihren Sohn nicht gesehen und wissen auch nicht, wo er ist." — „Das lügst du, verfluchter Jude!" schrie der Lehrer. Einige Augenblicke schien es, als suche er nach irgendeinem Ausdruck, um seine Worte zu bekräftigen, dann rief er: „Wenn die Glocken der Kirchenruine jemals zur Auferstehung läuten werden, dann werde ich auch dir Glauben schenken!" In diesem Augenblicke kam aus der Gegend, wo die Kirche stand, ein Glockenton durch die Nacht; er klang wie ein Schrei; dann folgten weitere Töne, erst zögernd, dann immer schneller — das wirre und ungeschickte Läuten einer großen und einer kleinen Glocke, Aus Chad Gadja. Das Peßachbuch ™s mb^aan 'NM 277**7)7 EBsai ia*S5C,:

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