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Die Welt · 1914-04-17 · 16 (17.4.1914) · p. 398

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
16 (17.4.1914)
Article
Die letzten Sculenier
Date
1914-04-17
Page
398 (sequence 5)
Language
German
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398 Nr. 16 DIESqKELT die ihre Zungen zum erstenmal seit langer Zeit regten. Die Bauern schienen von einem Lähmenden Entsetzen erfaßt. Ratlos starrten sie einander an, und in ihren Ohren klang das Geläute wie der Lärm der Hölle; Lehrer Mankasch war von dem Greis zurückgewichen, und das Entsetzen der anderen schien sich auch ihm mitgeteilt zu haben. Und plötzlich drängte alles dem Ausgange zu, in der Verwirrung Fackeln, Sensen und Knittel von sich schleudernd. In wenigen Augenblicken hatten sie alle, die rachedürstend hergekommen waren, unter dem Banne eines ihnen unfaßlichen und grauenhaften Wunders den Raum verlassen. Der aus dem Hause drängende Menschenhaufe hatte die draußen angesammelte Menge wie ein Keil gewaltsam gesprengt. Es hub ein wildes Rennen an; keiner wußte, was geschehen war, aber sie standen alle unter dem Eindruck eines schreckensvollen Rätsels. Fackel- und Kerzenflammen züngelten und flirrten durcheinander, und das Zusammenstößen der Geräte verursachte einen tosenden Lärm, der sich durch die unartikulierten Schreie der Masse ins Unheimliche steigerte. In dem ungewissen Dämmer des schon anbrechenden Tages erschienen all die fliehenden, Waffen und Lichter schwingenden Menschen wie toll gewordene Dämonen eines bösen Traumes. Triebhaft, allein vom Unbegreiflichen geleitet, rannten sie zur Kirche, deren Glocken immerfort läuteten. Und in der Wildheit ihres Dahinstürmens merkten sie nicht, daß die Luft sich rötete — aber nicht vom MorgenliCht, sondern vom Scheine des Feuers, das plötzlich an einigen Stellen aus den Dächern weit hinten gelegener Häuser brach. Erst als sie die Kirchenruine erreichten, sahen sie es ringsum lichterloh brennen. Aber das Geheimnis der Glocken hatte seine Lösung gefunden. Schon als die ersten vor der Kirche erschienen, hatte es zu läuten aufgehört, und nun kam, zum Staunen aller, der vermißte Knabe aus dem Turme hervor, bleich, erschöpft, mit zerfetzten Kleidern und blutig gekratzten Händen. Nach der Erzählung des Wiedergefundenen erwies sich der ganze Vorfall als ein Racheakt der Zigeuner wegen der ihrem Genossen erteilten Züchtigung. Sie hatten den Jungen, als er im Freien herumstreifte, ergriffen, geknebelt und in einen Wald jenseits von PoduI-IIoii entführt, wo sich ein größeres Zeltlager befand. In der ersten Nacht, als man ihn schlafend wähnte, erfuhr der Knabe, daß die Zigeuner in der Osternacht die Häuser der Bauern von Sculeni in Brand stecken wollten, da sie wußten, daß alle sich in Podul-Illoii befanden, um die Auferstehung zu feiern. Trotzdem der Junge scharf bewacht wurde, gelang es ihm doch, am Abend des zweiten Tages zu entfliehen. Er hatte den weiten Weg nach Sculeni mit vieler Mühe zurückgelegt, in steter Angst, zu spät zu kommen oder von den Zigeunern wieder ergriffen zu werden. Um Mitternacht hatte er Sculeni erreicht, und hier war es ihm eingefallen, die Glocken der Ruine zu läuten, wodurch er die Bewohner des Ortes am ehesten alarmieren konnte. Die Erzählung des Knaben hatte die Bauern kopflos gemacht, und es bedurfte des energischen Eingreifens einiger Besonnenen, um einigermaßen Ruhe herzustellen. Schließlich eilten alle unter Leitung des Gemeindeschreibers, um di.e brennenden Häuser zu löschen und zu retten, was noch zu retten war, während ein Trupp von zwanzig Bauern sich auf die Suche nach den Zigeunern begab, die sich möglicherweise noch in der Umgebung aufhielten. Am Morgen war inan des Feuers Herr geworden, aber zahlreiche Hütten Waren vollständig eingeäschert. In einer tiefen Höhle am Bachufer, an deren Eingang große Steine lagen, hatte man drei Zigeuner aufgestöbert und brachte sie gefesselt ins Gemeindeamt. Und die Familie Schlomos feierte laut und freudig das Wunder ihrer Rettung, wie einst ihre Vorfahren, als sie, von Gefahren bedroht, dem Joche der Aegypter entrannen. Sie umdrängten den alten Mann und hatten für ihn tausend Worte der Verehrung — aber sie sprachen diese Worte nicht aus, denn er, der im Augenblicke der Gefahr so viel Mut bewiesen hatte, schien seine Umgebung weder zu sehen noch zu hören. Sein Blick war geradeaus gerichtet, als sähe er in ein den andern unsichtbares, erdfernes Reich. Plötzlich ging ein Beben durch seine Gestalt. „Kinder," sagte er mit schwerer Stimme, „ich muß jetzt allein sein — ich will in den Garten — will unserem Gott danken!"-Langsam schritt er hinaus, und draußen umfing ihn der Tag, feierlich, lichtstrahlend, in prangender Herrlichkeit. Er ging dahin, wie unter der Last eines allzu schweren Glückes. Die Welt, die er hinter sich ließ, versank mit allen ihren Erlebnissen wie ein Nebelgebilde, und was er vor sich sah, war das überirdisch leuchtende Land der Verheißung, „das himmlische Jerusalem", dem sein Herz achtzig Jahre lang entgegengeschlagen hatte. Immerfort Gebete murmelnd, verlor er sich in der Tiefe des Gartens. Als man später nach ihm sah, fand man ihn im Grase hingestreckt. In seinen halboffenen Augen und auf dem der Sonne zugekehrten Antlitz lag noch der Widerschein einer großen, heißen, übermenschlichen Freude. Schluß des redaktionellen Teiles Bei der Administration „Die Weit“ sind eingegangen: Für das Mikrobiologische Institut: „Vergesset nicht das Mikrobiologische Institut" Siegmmxd Eppler, Wien K. 2.— — Jt 1.68; Pani Diamant, Wien. K. 2.— — Jt 168; Prof. Kellner, Wien K. 1— — Jt -.81; Johann Kremenezky, Wien K. 10.— — Jt 8.40; Ing. Josef Seidener, Wien K. —.60 Jt—.42; Heinrich Lederer, Wien EL —.60 — Jt —42; Leo Weisp, Wien BL 1.— — Jt —.84; Oswald Weise, Wien K.2.— --- Jt 1.68; Julias Weiss, Wien BL 1.— Jt —.84; Dr. Elk an Weiss, Wien BL 2.— — Jt 1.68; Emannel Lockspeiser, Boryslaw K. 1.— — Jt —.84; Kais. Bat Emil Broch, Tarnow K-—.50 — Jt —.42; Kais. Bat C. Hirsch, Wien K.5.— Jt 4.20; Heinrich Bard, Lemberg K. 6.— — Jt 5.04; Fischei Engelstein, Metz Jt —J>0; Simon Gerstenhaber Jt —.SO; Josef Frankel Jt —30; Jona Holdner4£ —.20; Isak Grofimaxm Jt —.26 Simon Thau, Metz 4t —,25; Akadem. Verein jüdischer Mediziner, Wien Kr. 2.— --- Jt 1.68. Richtigstellung. Der Ausweis einer Spende für das Mikrobiologische Institut von Leopold Munk in Nr. 14 ist auf ein Versehen zurückzuführen. Die bekannte Maschinenfabrik C. L. P. Fleck Söhne, Berlin-Reinickendorf (Ost), Flottenstr. 50/53, gibt soeben ihren neuen Hauptkatalog heraus, der allen ernsthaften Reflektanten zur Verfügung steht. Die Fabrik baut als Spezialität Maschinen für alle Zweige der Holzindustrie. Wir verweisen Interessenten auf das Inserat genannter Firma in der heutigen Nummer. OER ZÜO DER ZEIT roürSVERC"

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