Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 16 (17.4.1914)
- Article
- Die letzten Sculenier
- Date
- 1914-04-17
- Page
- 396 (sequence 3)
- Language
- German
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396 Nr. 16 DIE3^ELT tausende alte Sehnsucht, die nun, im hohen Alter, machtvoll nach Erfüllung drängte. Jetzt galt es, zu handeln. Als die Familie eines Abends wieder beisammen war, sagte Schlomo: „Meine Kinder! Wir haben sechs Wochen bis Peßach. Es ist hoffentlich das letzte Fest, das wir in diesem Lande feiern; sofort nach Peßach fahren wir, mit Gottes Hilfe, nach Erez-Israel. Geht ans Werk und macht, daß wir rechtzeitig fertig werden." Da er dies entscheidende Wort ausgesprochen hatte, wurde er ruhig und zuversichtlich. Die nun folgenden Tage waren ihm eine Zeit der Freude und des Vorausgenießens. Der Frühling war sieghaft ins Land gekommen, und der alte Mann streifte unermüdlich im Freien umher. Die Landschaft um ihn her begann sich zu verwandeln und das Antlitz jenes Landes anzunehmen, dem all sein Sehnen zustrebte. Dieser Berg, an dessen Fuß er stand, und auf dessen Abhängen die Ziegen zwischen wildem Gestrüpp kletterten, war der Libanon. Das Wasser, an dessen Rand er ging, war der Jordan, und er brauchte nur die Augen zu erheben, um am jenseitigen Ufer die königsstolzen Palmen winken zu sehen; dort erblickte er den Graben, in den die Söhne Jakobs, die neidischen Brüder, den träumerischen Joseph stürzten — und jene kaum sichtbaren Siedelungen auf dem fernhin dämmernden Höhenzug, das waren die ersten Häuser auf dem Bergt, den Jerusalem krönte. So lebte er schon hier sein eigenes Traumleben — zur weiten Wanderung bereit, wie ein Adler, de die Schwingen regt, indes sein Auge den Weg durch den Aether vorauseilt, in jenem Jahre fielen das Peßachfest und die christlichen Osterfeiertage zusammen. Die Sculenier hatten alle Vorbereitungen für die Reise nach Palästina getroffen und nun, drei Tage vor Peßachanfang, arbeiteten ihre Frauen fieberhaft, um das heilige Fest der Freiheit würdig zu begehen. Es war früh am Morgen und alles lag golden da, übergossen von einem zauberhaften Frühlingsschein — aus der Trübseligkeit und der Schwere des Winters neuerstanden. Die Sculenier hatten Fenster und Türen weit geöffnet; der Hausrat lag in den Vorgärtchen der Häuser oder auf der Gasse, dicht vor den Türen, und Frauen und Mädchen waren, indem sie die Arbeit mit lautem und munterem Sang belebten, eifrig bemüht, alles mit Sand und Seife blank zu scheuern. Plötzlich erscholl ein wildes Jammern und Kreischen, und als die Frauen erschrocken aufblickten, bemerkten sie einen Zigeuner, der blutüberströmt und mit halb vom Leibe gerissenen Kleidern dahergerannt kam und immerfort schrie: „Nicht mehr schlagen — gnädigster Bojar — nicht mehr schlagen — es war ja nur ein Brot — ein kleines Brot -- und ein so mageres elendes Huhn — nicht mehr schlagen!" Hinter ihm aber lief Lehrer Mankasch und hieb mit einer Reitpeitsche, blindlings und rasend vor Wut, auf ihn los. Als sie an einen Zaun kamen, der die Straße vom dahinterliegenden freien Felde trennte, klammerte sich der Zigeuner an die Staketen und schwang sich mit der Kraft der Verzweiflung hinüber. Hierauf eilte er, noch immer vor Schmerzen laut wimmernd, in rasendem Lauf einer Niederung zu, in der drei ärmliche Zigeunerzelte sichtbar waren. Lehrer Mankasch schickte dem entronnenen Opfer einige kräftige Flüche nach und ging dann langsam den Weg zurück, den er gekommen war, aber die Wut kochte noch gewaltig in ihm und suchte nach einem befreienden Ventil. Wie von ungefähr blieb er vor einem kleinen Garten stehen, in dem ein Judenmädchen einen Küchentisch scheuerte. „Siehst du, Riwka," sagte Mankasch, „so sollte man dich und alle verdammten Juden durchbläuen!" „Aber warum denn, Herr Lehrer?“ fragte das Mädchen lachend und ganz und gar nicht eingeschüchtert. „Wir haben ja nichts gestohlen!" — „Meinst du, du Gans?“ schrie nun der Mann laut. „Nichts gestohlen habt Ihr? Wie eine böse Krankheit hockt Ihr allesamt auf unserem Rücken und saugt uns Blut und Leben aus den Adern!“ — „Nun, Herr Lehrer,“ sagte das Mädchen und lachte noch immer, „bald werden Sie dieser Plage los und ledig. Sie wissen ja, daß wir nach den Feiertagen wegziehen!“ — „Gott sei Dank!" rief Lehrer Mankasch. „Aber wir wollen Euch den Abschied gehörig versalzen!" Und indem er sich entfernte, schwang er die Peitsche mit weit ausholender Geste, als köpfe er im Geiste hunderttausend Juden. Am Nachmittage kam der Sohn des Lehrers, ein dreizehnjähriger Junge, der in Jassi das Gymnasium besuchte, nach Hause, um hier die Osterferien zu verbringen. Am nächsten Morgen war er spurlos verschwunden. Sie standen in-Gruppen auf der Straße und vor den Häusern — Bauern, Bäuerinnen und Kinder — und besprachen eifrig die Angelegenheit, die für sie den Reiz einer Sensation hatte. Den ganzen Tag war die Lehrersfrau im Orte und in den Feldern herumgeirrt, laut jammernd und den Namen des verschwundenen Knaben rufend; die ganze Gegend, jeder Keller, jede Scheune, jeder hohle Baum war durchsucht worden; selbst die großen Steine im Bachbette hatte man fortgewälzt, ohne eine Spur von dem Vermißten zu finden. Auf dem freien Platze vor dem Gemeindeamt hatten sich gleichfalls Menschen angesammelt, die sich in allerlei Vermutungen über den sonderbaren Fall ergingen. Der Schreiber Buzdugan saß auf dem niedrigen Holzgeländer des Gemeindehauses, von einer dichten Gruppe umgeben. „Ich weiß nicht, warum," sagte er und ließ seine Augen mit einem lauernden Ausdruck umherschweifen, als wollte er in den Mienen der anderen lesen, „aber die Sache ist sehr verdächtig. Ich kann ja wohl nichts Bestimmtes sagen, aber Ihr wißt ja: die Juden feiern morgen ihre Ostern; man spricht über die Art, wie sie die Osterbrote bereiten, allerlei Dunkles, und gerade jetzt ist der Junge unseres Lehrers verschwunden . . .“ Die Sache war sonnenklar, und in einer halben Stunde wußte es ganz Sculeni, daß die Juden den Knaben abgeschlachtet hatten. Vor dem Hause des Lehrers wimmelte es von Leuten, die alle laut durcheinander schrien und allerlei Drohungen und Verwünschungen gegen die Juden ausstießen. Da erschien Lehrer Mankasch, bleich, mit der Miene eines Märtyrers, der für ein ganzes Volk leidet. Die Leute umringten ihn und schrien wild durcheinander-; aber er bat um Ruhe, und als der Lärm aufhörte, sagte er mit ruhiger und fester Stimme, daß dieses Unglück, das ihn betroffen, sie alle, ja die ganze Christenheit des Landes anginge. Die Polizei der nächsten Stadt sei wohl verständigt worden, aber was könne die Polizei in einem solchen Falle aus richten? Diese Angelegenheit verlange nach dem Richtspruch des Volkes. Er habe daher fol- Aus Chad Gadja. Das Peßachbuch MT M