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Die Welt · 1914-04-17 · 16 (17.4.1914) · p. 395

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
16 (17.4.1914)
Article
Die letzten Sculenier
Date
1914-04-17
Page
395 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 16 D lE^ELT 395 Carol I. das fünfundzvvanzigjährige Regierungs jubiläum gefeiert hatte. Urplötzlich — man wußte nicht» wie dies gekommen war — standen Lehrer» Studenten, Journalisten inmitten des Volkes als feurige Freiheitsapostel da. Erst hatte die Sache ein friedfertiges Gesicht; es hieß: Schulen — Schulen — Schulen; das Volk, der Bauer, braucht Bildung, Licht des Geistes! Aber dann kriegte die Geschichte einen Stich ins Blutige: Das alte, schwere Joch, die Judenplage — damit muß ein Ende gemacht werden! Tausende von Juden wurden um jene Zeit aus den Dörfern ausgewiesen, verjagt, verscheucht, wie eine Horde räudiger Hunde. Auch in Sculeni sollte der Tanz losgehen. Die Juden schrien wohl, das sei kein Dorf, sondern ein Marktflecken, aber die „Führer der Freiheitsbewegung“ höhnten: Ein Marktflecken? Unsinn! Es gab ja keine Kirche im Orte — folglich war's ein Dorf! Lehrer Mankasch und Gemeindeschreiber Buzdugan leiteten die „Aktion“ mit jener Begeisterung, die man für ein hehres Ideal empfindet. Sie bezogen wohl von den Juden ein Einkommen, welches das ihnen von der Gemeinde gezahlte Jahresgehalt weit überstieg, aber was ein echter Patriot ist, läßt sich von so schnöden materiellen Dingen nicht irre machen. Sie taten denn ihr möglichstes, und die Sculenier erhielten eines Tages von der Regierung den Befehl, binnen sechs Wochen „das Dorf Sculeni“ zu verlassen. Dieser Schlag traf sie hart, und sie hielten in dem Saale, der Jahrzehnte hindurch Zeuge so vieler Stunden des Glücks war, eine Versammlung ab, in der sie sich bemühten, einen Ausweg zu finden. Sie berieten heiß und lange, faßten tausend Pläne, die sie wieder verwarfen. Da erhob sich Vater Schlomo, der die ganze Zeit schweigend dagesessen hatte. Gemessen und, wie es seine Art war, in kurzen Worten teilte er ihnen seine Absicht mit: „Ich fahre nach Bukarest, zum König — morgen schon. Zwei von Euch — du Daniel und du Israel — werden mich begleiten. Alles übrige liegt in Gottes Hand.“ Am nächsten Morgen reiste Schlomo ab, in Begleitung der beiden Männer, die er bestimmt hatte. Und nach acht Tagen kam er zurück: die Juden durften weiter im Orte bleiben. Nun war ja wohl alles wieder ruhig und schön, wie vorher. Aber die Sculenier hatten ihre alte Sicherheit und Zuversicht verloren; sie waren auseinandergeraten, wie die bunten Steine eines Mosaikbildes, die sich zum alten Gefüge nicht wieder vereinen können. Die einen zogen nach den Städten der Moldau, die anderen nach Amerika. Dieses neue gelobte Land jenseits des Atlantischen Ozeans war um jene Zeit mächtig in Schwang gekommen, und was die Sculenier darüber hörten, entsprach so recht ihrem Temperament und ihrem Verlangen nach Verwertung der in ihrem Wesen aufgespeicherten Energien. Es war eine donnernde, brausende Welt, die mit grellem Schein am Horizonte ihres bis dahin engbegrenzten Lebens emporwuchs. So zogen sie denn scharenweise fort. Manchem wurde das Gaukelbild zur Wirklichkeit, manchem versank es, wie ein trügerischer Traum. Nach einem Jahre war das einst so starke Geschlecht der Sculenier bis auf dreißig Seelen zusammengeschmob *) Chad Gadja (Das Peßachbuch), herausgegeben von Hugo Herrmann. Jüd. Verlag 1914, brosch. 3 M., geb. 5 M. zen. Vater Schlomo bewachte und beschirmte sie — er zählte nun schon achtzig Jahre — mit einer nachgerade stürmischen Eifersucht; er spannte alle seine Kräfte an, um dieses Häuflein fest beisammenzuhalten. Und diesen letzten Sculeniem, die größtenteils nachdenkliche und grüblerische Naturen waren, erwuchs mit einem Male ein neues Ziel; es war nicht klirrend und grellfarbig wie Amerika, sondern wie ein aus einer Traumwelt entstiegenes Bild, still, sonnig und wundersamer Schönheit voll: E r e z -1 s r a e 1. An Winterabenden saßen sie beieinander und sprachen davon — mit einer ehrfurchtsvollen Scheu und heimlichen Freude. Hörst du, wie sie in den Getreidefeldern und Weingärten singen? Hörst du den lauten und freudigen Ruf der Ackernden? Siehst du die Menge der Freien und Frohen, die gemeinsam die hohen Feste feiern? Sie sangen an solchen Abenden Lieder, die die Sehnsucht eines ganzen Volkes gebar: „’s sitzen zwei Jüden allein in Schul Un cholemen beide vun Erez- De einer hert rouschen dos heilige Seht Felder un Beimer vun Peires schwer . . . .“ Und es schien, als erlebte Vater Schlomo nun einen zweiten Lebensfrühling. Urplötzlich fühlte er: er mußte nach Palästina auswandern! Was den anderen als eine Sache galt, die wohl überlegt werden mußte, war ihm ein Anlaß zu sofortigem Handeln. Seine Tatkraft, seine Zuversicht, seine Hoffnung vervielfältigten sich, und wie ein mit Elektrizität übervoll geladener Motor trieb er alle an. Allabendlich, sobald er zur Ruhe ging, fragte seine Seele: Süßer Vater im Himmel, wird es mir noch vergönnt sein, das heilige Land Zusehen, oder wird es mir ergehen wie Moscheh Rabbenu? .... Und an jedem Morgen flocht er in sein Gebet die Bitte: Laß’, großer Gott, mich nur die heilige Erde betreten und mit meinen Lippen berühren — dann werde ich leicht und als seligster unter deinen Knechten sterben! .... Es kam eine Unrast in ihn, die die Seinen mit Bangen erfüllte. Er schlief nur sehr wenig. Im ersten Morgengrauen stand er auf und vvanderte im Garten seines Hauses umher, oder er ging ins Freie, wo er, gedankenversunken, die Felder durchmaß, während die mählich aufsteigende Sonne ihn im Vorwärtsschreiten mit der Gnade ihres Lichtes umfloß. Es war ein heißes und nicht zu beschwichtigendes Heimweh, von dem sein altes Herz ergriffen war. Indem er dahinging, seinen langen, weißen Bart mit der Rechten streichend, fragte er sich, warum er in all den Jahren nicht an Palästina gedacht hatte, und wunderte sich darüber sehr, denn er empfand, daß der Gedanke an dieses Land mit ihm geboren, mit seiner Seele und seinem Wesen eng verknüpft war. Er erinnerte sich, wie er als kleiner Junge mit noch drei Altersgenossen in dem fernen russischen Dorfe beim alten Reb Hersch Mendel Thora lernte. Was er aus der Bibel erfuhr, baute er in seiner Phantasie zu einer reichen und strahlenden Welt auf; das alte Land, durch das die Väter als Hirten wandelten, Aegypten, die Wüste, Jerusalem und das mächtige Judäa — das sah er alles im Geiste plastisch und klar, als habe ihm eine gütige, heimliche Gottheit diese Herrlichkeit — nur ihm allein — erschaffen. Und nun verstand er, daß dieses lockende Gebilde seiner jugendlichen Phantasie nichts anderes gewesen war, als eine ahnungsdunkle, Jahr- Aus Chad Gadja. Das Peßachbuch*)

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