Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 16 (17.4.1914)
- Article
- Die letzten Sculenier
- Date
- 1914-04-17
- Page
- 394 (sequence 1)
- Language
- German
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394 DlEXffELT Nr. 16 FEUILLETON Die letzten Sculenier Eine Peßachge schichte aus Rumänien. Von Leo G. Stein Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts kam aus Bessarabien ein Jude, seines Zeichens Maurer, und siedelte sich jn dem kleinen moldauischen Marktflecken Sculeni an. Er war ein Mann von außerordentlicher Frömmigkeit und strengem Lebenswandel, der jeden Schritt erst reiflich auf Gut und Böse prüfte, bevor er ihn unternahm. Das Maurerhandwerk war um jene Zeit, und ist wohl heute noch, unter den Juden des Landes nicht gebräuchlich, weshalb man ihn allgemein Schlomo „den Maurer" nannte. Zugleich mit ihm kamen, nebst seiner Frau und zwei Töchtern, vier schon erwachsene Söhne, die, gleich ihrem Vater, Maurer waren. Im Verlaufe der nun folgenden Jahre heiratete Schlomo, da er wiederholt Witwer geblieben war, noch zweimal; diesen beiden letzten Ehen waren elf Kinder entsprossen, darunter neun Söhne, welche ausnahmslos zu Maurern ausgebildet wurden. Indem nun im Laufe der Jahrzehnte alle Söhne heirateten, erstarkte die Familie zu einem weit verzweigten Geschlecht, und da das Maurerhandwerk, gleichsam in stiller Uebereinkunft, zur Tradition wurde, lieferte das sonst weltabgeschiedene und arme Sculeni nach und nach eine beträchtliche Anzahl jüdischer Maurer, die in allen moldauischen Städten während der Bafusäison an-” zutreffen waren. Sobald der Frühling ins Land kam, verließen sie Sculeni — eine bunte, lärmende, arbeitsfreudige Schar, und tauchten bald darauf in Botoschani und Dorohoi, in Jassi, Roman und Bacau auf. Sie waren ob ihrer Tüchtigkeit und Flinkheit gesuchte Arbeiter und fielen allgemein durch Frohsinn und Sangeslust auf. Wenn irgendwo bei einem Baue, trotz dem Lärm der Arbeit, von früh bis abend frisch darauf los gesungen wurde, so wußte man: es waren die Sculenier. Als Goldfaden seine ersten Truppen im Lande umherreisen ließ (o, diese Truppen!), waren es die Sculenier, die überall die Theaterkassen stürmten und mit lautem Hallo und Hurra die Galerien eroberten. Mit einer Andacht ohne gleichen sogen sie die Melodien in sich ein — diese rührend naiven Mischprodukte von unverfälscht jüdischer Volksmusik und Motiven aus französischen und italienischen Opernarien. Für diese klanghungrigen Männer, die, noch mit Mörtel und Staub bedeckt, direkt vom Bauplatze ins Theater eilten, war die frischquellende Musik der Goldfadenschen Muse eine Offenbarung von überwältigender Wirkung. Am Morgen aber, nach jeder Vorstellung, erschollen von allen Baugerüsten die erfaßten Melodien in möglichst getreuer Wiedergabe. So trugen die Sculenier zur Popularität Goldfadens ihr gut Mit dem ersten Schnee kamen sie alle wieder heim. Sie wohnten teils in Sculeni selbst, teils in der Umgebung und hatten ihre Gehöfte nach einem und demselben Muster erbaut, so daß man unschwer erkannte, wo ein „Mitglied von Schlomos Familie" wohnte. Die Gemeinsamkeit der Reisen, des Handwerks und der Lebensverhältnisse hatte im Kreise dieses Maurergeschlechts Sitten und Bräuche gefördert, die etwas Patriarchalisches an sich hatten. Die Familienanhänglichkeit, die schlichte Frömmigkeit, die heitere Andacht, mit der alle jüdischen Feste gefeiert wurden, vor allem aber die unbegrenzte Liebe und Ehrfurcht, die dem Stammvater Schlomo gezollt wurden, der wachsam, mahnend und schützend unter ihnen wandelte — all dies mutete wie eine schöne biblische Idylle an. Sie hatten sich eine Synagoge und daneben eine Art Vereinssaal erbaut, darin sie, während des Winters, sich zu geselligem Treiben versammelten, Hochzeiten feierten und, sofern sie zu Hause waren, die hohen Festtage gemeinsam begingen. Um aber den Neid und die Mißgunst der christlichen Bevölkerung nicht wachzurufen, hatten sie zu den Bauten der Gemeindeschule und des Gemeindeamtes, die sie selbst ausführten, ihr Scherflein beigetragen. Sie hatten sich sogar zu weiterem erbötig gemacht: Seit Jahren stand die Kirche, die einzige des Ortes, als halbverfallene Ruine, ohne Dach und Fenster da; nur der Kirchturm war unversehrt und hatte noch die beiden schönen, alten Glocken hängen, die aber schon lange stumm waren. Diese Kirche wollten die Sculenier wieder restaurieren, wenn man ihnen das nötige Baumaterial lieferte. Aber die Gemeinde war zu arm, um sich diese immerhin beträchtliche Ausgabe zu gestatten. So hatten denn die Sculenier ihren guten Willen gezeigt, die Bauern jedoch blieben ohne Kirche, und wenn das Gewissen sie gar zu arg plagte, dann gingen sie in das eine gute Wegestunde entfernte Podul- Iloii, das eine nahezu pompöse Kirche besaß. Aber die Sculenier trieben auch mancherlei, das besonders von den Frauen ohne Erbarmen (und ohne Erfolg) verworfen wurde. So brachten sie ihrem Nachwuchs das Handwerk auf wunderliche Weise bei. Wer kennt nicht die Bedeutung einer guten Stube — einer blitzsauberen, von der Hausfrau wohlbehüteten guten Stube? In einem solchen „Heiligtum" wurde, trotz Weibergekreisch, der Ofen niedergerissen, obschon er heil war und tadellos funktionierte; er wurde niedergerissen und aufgebaut, zwei-, dreimal, bis der Lernbeflissene die Sache erfaßte. Ebenso erging es den Wänden, obgleich sie frisch getüncht waren; dem Schornstein, obwohl er ungebeugt und pflichttreu den Rauch in die Luft spie; dem Dachboden, trotzdem er voll Wäsche hing. Es war ein lärmendes und frohgemutes Arbeiten, als sei das Ganze bloß ein vergnüglicher Sport. Die Weiber jammerten, die Männer lachten, die Lernenden schärften die Sinne. Und mitten durch dieses Chaos von Arbeit und Fröhlichkeit schritt Vater Schlomo einher, stets gefolgt von einer Schar von Enkeln und Urenkeln, ein Wunder an menschlicher Lebenskraft, eine Gestalt aus der Zeit Abrahams. Indem aber die Jahre vergingen, geriet das Patriarchalische im Leben der Sculenier arg ins Wanken, wie eine alte Mauer, an der Wind und Wetter ihre Kräfte mit Erfolg probten. Krisen moralischer und materieller Natur und all die tausend kleinen Schickungen, die den Menschen überfallen und aufreiben — sie lockerten die fest geschlungenen Bande, und das Geschlecht Schlomos des Maurers begann auseinanderzufallen. Das Land wurde von italienischen und bulgarischen Maurern überschwemmt, die die Preise herunterdrückten und eine erbitterte Konkurrenz begannen; es war darum natürlich, daß man der Tradition untreu wurde und sich anderen Handwerken, oder dem Kaufmannsstande, ja sogar, je nach Veranlagung, dem weltlichen Studium zuwandte. Dann kam die Aufklärung — die der Bauern; sozusagen als Kulturgeschenk der Regierung, nachdem 23534823000201000248484890000123530001000100484823 411^002702565008