Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 16 (17.4.1914)
- Article
- Die Reform und die Haggadah
- Date
- 1914-04-17
- Page
- 382 (sequence 3)
- Language
- German
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382 Nr. 16 DIE^ELT bürgerliche Bekenntnis gehört so wenig in die Peßachhaggadah, wie in die christlichen Liturgien der Karwoche. Aber für die Emanzipationsreligion ist es unerläßlich. Denn es ist der einzige Inhalt ihres religiösen Empfindens. IV. Die Haggadah von Maybaum will sich nicht „sklavisch“1 an den Text der alten halten. Sie tat mehr. Sie warf die tiefe, die unzerstörbare Freiheitsehnsucht von sich, um die „innere Knechtschaft“, von der Achad Haant ergreifend spricht, — geduldig? nein, mit dem Protzentum des Sklaven — zu tragen. Sie will „den brauchbaren Kern der alten Haggadah in einer unserm Geschmacke und unserer Gesinnung entsprechenden Einkleidung“ darbieten. Aber der Mummenschanz der „Einkleidung des Kerns“ entblößt ein zeitgeschichtliches Dokument der Geschmacklosigkeit und des Verzichtes auf jüdische Gesinnung. Wir blicken ein halbes Jahrhundert zurück und finden die trotzige Gestalt Abraham Geigers am Werke, ein religiöses Leben, das ihm im sinnlosen Formelkram erstarrt schien, mit prophetischen Gedanken zu erfüllen, den Gleichmut müder Geschlechter zu einem jüdischen Willen aufzupeitschen und die jüdische Religion als die Weltreligion in das Bewußtsein der „Bekenner“ als eine Verpflichtung zu erneuern. In der reinen, sich Stunde um Stunde vollziehenden Offenbarung müsse der Alltag ins Wesenlose zerstieben, das historische Ereignis zur belanglosen Episode verkümmern und das Volkstum als engendes Gemäuer des Gedankens sinken. Die Entwicklung des Geistes schafft Formen und ist zugleich die Zerstörung der Form. Was ist da Jerusalem? „Ein Gedanke, keine räumlich begrenzte Stätte“. Was ist die Auserwähltheit? Die Versuchung zu „jener Selbstgefälligkeit und Verblendung, die ein Fallstrick für die wahre Frömmigkeit sind“. Es waren im Wesen hohe Gedanken. Aber die Angst um die Gleichberechtigung hemmte die freie Entfaltung. Ohne den Abfall von seiner eigenen Weltanschauung zu erkennen, bezeichnet Geiger die Aufgabe zutreffend als eine „Reform der Geschichte“. Der jüdischen Geschichte, um in die der anderen Völker einzugehen. Die Erlösung vom jüdischen Volkstum soll nicht nur dem „Heilsberuf“ Israels die historische Gebundenheit nehmen, sondern die Einschmelzung in die Umvölker vorbereiten. Und „Jerusalem — ist unser Stuttgart“ ruft der „Kirchen“rat Maier aus. Noch immer stehen die Engel mit den Flammenschwertem am Tor des Paradieses und jagen die Menschen in die Qual des Alltages hinaus. Die Erlangung und Sicherung der Emanzipation wurde die wichtigste Aufgabe, die alle Kräfte spannte und — verbrauchte. Die Absicht, das Nationelle auszutauschen und den Ewigkeitswert des Kulturellen zu entwickeln, war eine theoretische Ableitung. Die Wirklichkeit spottete der Stubenweisheit. Mit dem Eingehen in die Nationen ging auch der jüdische Gedanke ein. Mit der Geschichte der Völker mußten die Juden die Werke der Zeiten übernehmen: ihren Kulturinhalt, ihre Sehnsucht, ihre Ideale. Und von dem Pflichtenkreis der Israeliten konnte nur bestehen, was in der Ethik der christlichen Welt lag und der jüdischen „Träger“ nicht bedurfte. Der geschichtlose Jude war restlos allen Vorstellungen verfallen, welche die Wissenschaft, die Kunst und — die Religion der Völker gaben. So schreibt ein Jude, der ein Paradigma dieser Entwicklung ist, Fritz Mauthner: „Es ist vielleicht der stärkste Ausdruck des Sieges, den das Christentum über das Abendland (nicht über die Welt) errungen hat, daß auch die freiesten und ungebundensten Geister gar nicht anders als christlich empfinden können; auch die Konfessionslosen, auch die Gottlosen sprechen, wenn sie die Bildung des Abendlandes in sich aufgenommen haben, eine durchaus christliche Sprache; sie denken und fühlen in christlichen Bildern und Symbolen . . . diese gemeinsame Verwendung von christlichen Vorstellungen und Worten ist das geistige Band, das die getrennten Schichten des Volkes, die Ungläubigen und die Gläubigen noch zusammenhält.“ Größer noch als bei den Getauften wurde der Sieg des Christentums bei den — Ungetauften. Die Abschnürung der jüdischen Mission vom jüdischen Volkstum ließ diesen stolzen Gedanken brandig vertrocknen. Von keiner lebendigen Blutwelle mehr durchpulst, sank er nieder und lag tot da — als Phrase. Sie hat viele Grabkammem. Die niederdrückendste ist die Haggadah von Maybaum. Im Peßachfeste erneut sich unsere nationale Befreiung Jahr um Jahr. Im Gebete auch des Alltags preisen wir dreimal den Herrn für unsere Erlösung aus Mizraim, also, daß die Offenbarung auf dem Sinai vor ihr zurücktritt. Nur als freies Volk können wir freie Gedanken gestalten. Für die Knechte Mizraims, für die innere Knechtschaft, gibt es keinen Horeb! Da wird Peßach zur Lüge. Und der Hauch der Grüfte dunstet aus jeder Phrase. Da erheben sich nicht die Seelen; da flackert nicht wie ein unzerstörbarer Dornbusch die Inbrunst. Frömmigkeit wird Augenverdrehen und eingeübte Geste. Die Weihe des Gebetes flüchtet sich aus den „eingekleideten Kernen“: aus dem „Kern“, der taub ist, aus der Einkleidung, die Talar und Bäffchen sind. Und die Andacht schleicht sich hinweg zu Mendelssohns Elias und zu Bachs Matthäus-Passion: fort von den theologisch garnierten Programmen politischer Emanzipation. Maybaums Haggadah ist eine Orgie der Andachtlosigkeit. Ihre Voraussetzung ist der assimilierte, geschichtlose Jude — der sie nicht braucht! Der sie nicht gebrauchen kann, wenn er überhaupt religiös gestimmt ist. Sie ist 1803 erschienen, ln jenem Jahre, als die preußische Regierung anfing, die jüdischen Gemeinden, ihre Vorsteher und Vertreter, zu zwingen, durch die Einführung eines jüdischen Religionsunterrichtes der religiösen Verwahrlosung der jüdischen Jugend Einhalt zu tun . . . V. Zwanzig Jahre des Ringens um jüdische Inhalte! Neue Geschlechter steigen aus der Tiefe. Erstickend im Moderhauch der Grüfte, schreien sie nach dem Quell lebendigen Wassers. Sie suchen sich und finden ihr Volk. Sie suchen ihr freies Menschentum — und finden es in der sittlichen Entrechtung ihres Volkstums. Es ist ein neues Peßach: das Erlebnis der eigenen Befreiung. Vergangenheit ist nicht Analogie. Erlebt ist sie wirklich und gegenwärtig. Gewesenes ist nicht ein Beispiel. Erlebt ist es Zukunft. Die „Reform der Geschichte“ ist Geschichte der „Reform“. Wo die Aufklärer und ihre spintisierenden Jünger den Faden der Entwicklung zerrissen, knüpfte ein neues Geschlecht die Enden zusammen. *So fanden sie den Weg durch das Labyrinth der Zeiten und i den Aufstieg zu den Graten, die eine Morgenröte früher denn alle Täler vergoldet. Historisches Bewußtsein gab Bewußtsein des Wertes, der Aufgaben und der Verpflichtung. Selbst die hohen Ideale der Reform gewannen wieder einen Sinn, da sie im Volkstum verankert wurden. Fester denn alle Not des Leibes knüpfte die sittliche Not — der unaufhaltsame Untergang des jüdischen Ideals und des tragenden Volkstums in die Formen und das Wesen der Umvölker — die Sehnsucht wieder an das verheißene Land. Palästina hörte auf, ein „Gedanke“ zu sein. Es wurde erdhaft. Tatwille. Jüdischer Stolz wurde zu einer sittlichen Macht, die Maß und Bescheidenheit lehrte. Jüdische Moral wurde wieder eine Aesthetik der Seele. Würde und Selbstbewußtsein nahmen dem Judentum das feige und zugleich freche Gesicht der Assimilation. Aus dem Fels der nationalen Treue quoll ein Strom jungen Lebens, der ringsum das dürre Gelände befruchtete. Das dürrste selbst der „Emanzipationsreligion“. Sein selber nicht bewußt, entstand das „liberale Judentum“. Seine Deszendenz konnte es nicht verleugnen. Die Sorge um das gerechte Ausmaß bürgerlicher Gleichberechtigung lag wie Frühlingsfrost schon auf der Knospe. Schon der Name war belastet. Liberal in seiner Beziehung zura Judentum konnte nur Unfreiheit sein. Das letzte religiöse Bedürfen ist