Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 16 (17.4.1914)
- Article
- Die Reform und die Haggadah
- Date
- 1914-04-17
- Page
- 383 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 16 383 DIE^KELT nie „zeitgemäß“. Aber es blieben doch reine Triebe wirksam. Zwar hatten ,auch im liberalen Protestantismus — der alrna mater des liberalen Judentums — die rein negativistischen Tendenzen der historischen und kritischen Schule keine innere Befriedigung gebracht und das „Suchen der Zeit“ rang um die Erfüllung; allein schmerzlicher mußten in den Seelen feiner gestimmter Assimilierter die Verlassenheit und die Leerheit an religiösen Inhalten gefühlt werden. Die Nüchternheit der abgeschnürten Missionsidee konnte das unausrottbare romantische Verlangen nicht befriedigen. Und alles metaphysische Bedürfnis verschmachtete an der programmatischen Dürre. Wirklich: in den ersten Ansprachen von CäsarSeligm a n n rief die Sehnsucht nach einer reineren, tieferen Religiosität, die die Seelen emporführen könnte — fort vom Treiben der Erde, fort vom wechselnden Raume, fort aus den Niederungen der Partei und aller Politik. Wir alle haben dieses Sehnen verdorren sehen. Ist wirklich die schöpferische religiöse Begabung der Juden an ihr Volkstum gebunden? Und haben die Meister unserer Lehre und die Bildner unserer Gebete recht, daß die lebendige Kraft des Gottesvolkes groß und frei erst gestalten kann, wenn das jüdische Volk wieder auf heimischer Erde wächst, frei von den „Vorstellungen und Symbolen“ der anderen Nationen? Vollends dem „Liberalismus“ konnte das religiöse Genie nie erstehen, weil jedes Genie unzeitgmäß ist. Ueber. eine flüchtige Anwandlung siegte ihnen schnell der Fluch, modern zu sein. Wesenlos treibend, tappten sie gleich Ertrinkenden nach einem Halt: sie klammerten sich an den Spinozismus, an die indische Mystik, an den kritischen Neu-Kantianismus. Sogar den hohlen Strohhalm des Monismus suchte die Verzweiflung zu fassen. Das Ende war die neue Herrschaft der Emanzipationsreligion. Einziger „religiöser“ Inhalt: Kampf gegen den Zionismus . . . Aus dem Verlangen nach .einer edleren Religiosität erwuchs die Haggadah von Cäsar Selig mann. Frei — noch ganz ohne Richtlinien! — wollen schlichte Worte aus dem alten Bericht der Festesfreude wieder den Weg zum jüdischen Hause, zum jüdischen Herzen bahnen. Ein ernster Künstlereifer will die gemütliche Stimmung der hebräischen Erzählung, der Psalmen und Gebete, auch jenen geben, deren Seele nicht mehr beim Klang der alten Laute mitschwingt. Die Bräuche werden treulich angegeben und durch die Wiedergabe von Zeichnungen einer Amsterdamer Haggadah veranschaulicht. Die Naivität der Symbole wird nicht „nach unserem Geschmacke“ „vertieft“. Das Kind soll wieder mit leuchtenden Augen am Sedertische sitzen. Sitte und Sang wollen sinnvoll werben und die Heiterkeit des Abends in den Werktag tragen. Der Gott der Liebe geht um. Freude und Schönheit winden Kränze. Elija, dem der Trunk bereitet, würde sich heimisch fühlen; er brauchte weder die Salbaderei einer Missionspredigt, noch einen Programmartikel zu erdulden. Er hätte auch sein Behagen daran, daß jedes Glas in fröhlicher Studentenart geweiht würde: das erste Glas dem Auszug aus dem Sklavendienst Aegyptens, das zweite der Freiheit, das dritte der Erlösung, das vierte „unserer geschichtlichen Bestimmung, der Erwählung zum Volke der Religion“. Auch die einfache Erzählung des Auszuges würde ihm gefallen. Sie befreit sich von der spielerischen Art, in der die alten Gelehrten jede einzelne Floskel der Hauptsätze durch Verse aus der Bibel geweitet, verdeutlicht und geistvoll gedeutet haben. Und doch würden des Propheten Augen manchmal erstaunt fragen. Er lauscht. Aber das Laschanah habaah bijruschalajim hört er nicht. Und das Tischgebet vollends, das beim Brote des Elends nicht Gott für das fruchtbare Vaterland preist und nicht die Heimkehr erfleht, verstünde er nicht. Und wenn er draußen wieder auf seinem Eselein säße, dächte er wohl: ich muß wohl noch lange durch die Nacht reiten, bis daß der Messias kommt. Auch Seligmanns Versuch mußte scheitern, weil die Emanzipationsreligion den religiösen Schwung in die Tiefe zerrte. Er darf nicht frei von aller Politik die Weihe eines nationalen Festes ins Religiöse wenden. Er darf den alten Text nicht wie ein freier Künstler, wie ein Erneuerer der religiösen Sehnsucht gestalten. Er darf nicht im Rausch der Gottergebenheit schwelgen. Die Rücksicht streicht vorn und die Vorsicht streicht hinten. Gibt erst die Taufe die innere Freiheit, wieder von Jerusalem, der „hochgebauten Stadt“ zu sprechen und den Verheißungen zu glauben, die Gott durch den Mund seiner Propheten verkündet: daß Israel heimkehren wird in sein Land? Peßach kann sie geben, denn es ist das persönliche Erlebnis der Befreiung. Peßach zeigt uns, daß alle Emanzipation nur den Wert — auch den religiösen Wert — hat, als sie uns innerlich emanzipiert, entknechtet. VI. Natronai ben Hilai, das um das Jahr S60 in Sura blühte, übergab die Lehre seinem Schüler Mar-Amram ben Scheschna: „Verflucht sei, wer die Haggadah ändert.“ Er dachte an Anan, der aus der historischen Gemeinschaft die Sekte der Karäer trennte. WELTCHRONIK Der Wandervogel — einerseits und andererseits Unter Beteiligung von über 2000 Mitgliedern der „Wandervogel-Vereine wurde in Frankfurt a. d. Oder während der Ostertage der Bundestag der „W ander voge 1“- V ereine abgehalten. Es galt zunächst, Stellung zu nehmen zu der in letzter Zeit viel umstrittenen Frage der Aufnahme von Juden in die „Wandervogel“-Vereine. Der Bundesvorsitzende Gymnasialdirektor Dr. Neuendorf- Mülheim (Ruhr), der die Verhandlungen auch leitete, brachte nach einer eingehenden Begründung eine Resolution der Bundesleitung ein, die die Frage, wie sich die „Wandervogel“-Vereine zur Aufnahme jüdischer Religionsangehöriger stellen, folgendermaßen beant- „Der ,Wandervogel' (E. V.) ist auf Grund seiner Satzungen in politischer und konfessioneller Hinsicht neutral. Die Bundesleitung hat darüber zu wachen, daß die Satzungen beachtet werden. Sie kann also unter keinen Umständen dulden, daß von Gauen oder Ortsgruppen allgemein Beschlüsse gefaßt werden, die dahin lauten, daß Juden grundsätzlich nicht aufgenommen werden. Sie wird alles tun, um zu verhindern, daß im .Wandervogel4 die Religion oder die Rasse der Juden beschimpft werden. Andererseits denkt die Bundesleitung nicht daran, die persönliche Freiheit der einzelnen ,Wandervogel4-Vereine einzuschränken. Sie lehnt es also entschieden ab, da einzugreifen, wo eine Ortsgruppe von Fall zu Fall durch Mehrheitsbeschluß die Aufnahme von Juden ablehnt, etwa weil besonders ausgeprägte Rasseneigentümlichkeiten mit der Art des ,Wandervogels4, die aus dem Tiefsten des deutschen Wesens hervorgegangen ist und in der deutschen Vergangenheit wurzelt, unverträglich erscheint." — Die anwesenden Gauführer schlossen sich einem Anträge des Gaues der Provinz Brandenburg an, dieser Resolution ohne jede Debatte zuzustimmen, und gaben bis auf zwei der Resolution ihre Zustimmung. Wir behalten uns vor, auf die Stellung der Wandervogel- Vereine zur Judenfrage und auf die Stellung mancher Juden 999999999999999999555 9681034529866988296451840893