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Die Welt · 1914-04-17 · 16 (17.4.1914) · p. 381

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
16 (17.4.1914)
Article
Die Reform und die Haggadah
Date
1914-04-17
Page
381 (sequence 2)
Language
German
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m schaffen, die nicht nur die Beziehung des Juden zum Staate, sondern das ewige Verhältnis des Menschen zu seinem Gotte neu knüpfen könnte, waren vergeblich. Weder Kleys „orthographische“ Gesänge, noch der Sonntag-Gottesdienst, nicht die poetischen und nicht die — ach so! — prosaischen Einlagen konnten die verglimmte religiöse Weihe wieder zu einem „Brennen der Seele“ anfachen. Die mosaische Konfessionalität — innerlich bankerott — akkordierte äußerlich mit der Abschlagzahlung des Rosch-haschanah und Jom-Kippur. Daß in dieser nur nach draußen gerichteten Emanzipationsreligion für die „häusliche Andacht“ kein Raum war, versteht sich leicht. Der enge Abschluß an den politischen und protestantischen Liberalismus lähmte jede pietistische Regung. „Israds Erbauungsstunden. Ein Buch der häuslichen Andacht für die Bekenner des Judentums“ — das Auerbach, Frankfurter, Hirsch-Luxenburg und Geiger ankündigten — war schon nach der ersten Lieferung „geliefert“. Und Jacob Auerbachs und J. M. Josts „Sammlung von Gebeten und Psalmen für Israeliten. Zum Gebrauch bei öffentlichen und häuslichen Andachtsübungen“ ist noch nach sechzig Jahren in „fast neuen“ Exemplaren vertreten. Diese Bedürfnislosigkeit der Bekenner hat unsere Peßachhaggadah vor der reformerischen Schändung ein Jahrhundert bewahrt. III. Erst im Jahre 1S93 unternahm es S. May bäum, die „Hagada für den häuslichen Gottesdienst an den Vorabenden des Peßachfestes“ — zuzurichten. Er folgte damit den Verhandlungen und Beschlüssen der Rabbinerkonferenz, die plötzlich vor der durch keine Missionsideale aufgehaltenen Zertrümmerung des Judentums erschreckt die Besinnung wiederfand. Bei den Aufräumungsarbeiten fanden sie die Uebung der Szederabende. Wer in Pietät oder in der persönlichen Erneuerung des Befreiungserlebnisses das still-heitere Fest beging und seinem fragenden Kinde in den unterschiedlichen Formen das ewige Gleichmaß jüdischen Schicksals und jüdischer Hoffnung naheführen wollte, fand Wort und Sinn in Texte der Haggadah und in den beziehungsvollen Uebungen. Aber so viele entzogen sich dem Segen dieses Festes. Diesen sollte die Haggadah wieder nahe kommen und all die Kreise, die „an der alten Haggadah keinen Gefallen mehr finden“ konnten, wieder gewonnen werden. Darum konnte May bäum — schalkhaft — sagen, daß ein — konversatives Interesse die Veröffentlichung seiner deutschen Peßachhaggadah veranlaßt hat. Er ist tolerant genug, auch noch den alten Wortlaut zu geben. Aber von einer Uebersetzung sieht er ab, weil der „Inhalt der alten Hagada dem religiösen Empfinden eines großen. Teils unserer Glaubensgenossenschaft fremd geworden ist.“ Dieses Eingeständnis verdient die Anerkennung um so mehr, als sich gemeinhin in dem Gewand der Uebersetzungen jüdischer Gebetbücher die Entstellung und Verdrehung des hebräischen Inhaltes, sogar die Verleugnung des Gotteswortes verbirgt. Frei von der Fessel des Originals kann Maybaum so das neue religiöse Empfinden aufsteigen lassen. Die vier Meister, die in Bne-Brak in sinnigen, bis ans Scherzhafte dringenden Deutungen den Ewigkeitswert des Festes zu ergründen suchen, stören das religiöse Empfinden, weil sie den Messias bemühen. Die vier Fragenden verstummen. Der eine — der Roscho — war in der Tat bedenklich. Man soll ihm die Zähne stumpf machen, weil er die Befreiung aus der Knechtschaft nicht als ein persönliches Erlebnis empfängt. Und die späte Formel von „— euren Glaubensgenossen“ vorahnt. Er war bedenklich, weil er dem neuen „religiösen Empfinden“ peinlich nahe stand. ,,Dieses Jahr Knechte, kommenden Jahres freie Männer!“ So sprach der alte Haggadist. So zog das Peßachfest seinen ewigen Sinn aus der persönlichen Freiheitssehnsucht. Aber der Roscho sagt „Euch?“ Nicht mir. Und die neue Haggadah der Selbstzufriedenen, für die Peßach inhaltlos geworden, redet geschwätzig: „die heut noch (!!) nach Freiheit dursten und w i e Knechte sind, sie mögen als freie Männer das kommende Peßach begrüßen.“ Die — anderen also! Es ist ein mäßiger Ersatz, daß er auch die Durstigen einlädt, zu kommen und zu trinken, wo der alte Haggadist nur an die Hungrigen denkt. Diese Vertiefung des religiösen Empfindens ist jedenfalls bemerkenswert. Die Haggadah ist eben nicht „zeitgemäß“. Sie freut sich naiv der Erlösung und der Gnade des Herrn, die sich so oft am Volke Gottes bewährte: Peßach ist immer; „in jedem Zeitalter stehen welche auf, die uns vernichten wollen; aber der Heilige, gelobt sei er, rettet uns aus ihrer Hand.“ Die alten Lehrer kannten eben das Judentum nicht. Sonst hätten sie sich nicht dabei bescheiden können, nur breit von den vielen Leiden in Aegypten zu sprechen und, mit einer gewissen unchristlichen Genugtuung, von den Plagen und der Vernichtung der Frohnherren. Sie hätten auch vergessen müssen, daß Gott sein Volk in ein schönes und fruchtbares Land geführt und daß sich die Hoffnung immerdar siegreich aus allen Nöten erheben muß, daß Jerusalem wieder auferstehen wird und Israels Zerstreute wieder zu einem Volke würden. Würden die Meister der Mischnah und des Talmud sich besser auf die Bibel verstanden haben, dann brauchte das „religiöse Empfinden“ des neunzehnten Jahrhunderts nicht erst die jüdische Mission zu erfinden. Und die „ausgestreute Heilssaat“ würde in der Haggadah also aufgegangen sein: „Als Sendboten des Ewigen sollten sie die Lehre von der Einheit und Gottesebenbildlichkeit des Menschengeschlechtes den Völkern verkünden und sie aufrufen zum Dienste des himmlischen Vaters durch gegenseitige Liebe und Gerechtigkeit.“ Diese weiten Horizonte konnte die alte Hagada nicht öffnen. Sie ist kümmerlich-erdhaft. Sie klammert sich an die Zeugnisse der Vergangenheit und ist noch nicht fortgeschritten genug, alle Heilspläne Gottes schwarz auf weiß zu besitzen. Schlicht berichtet sie uns die symbolische Bedeutung von Peßach, Mazzah, Maror. Das Sinnbild macht die Vergangenheit gegenwärtig. Aber das neue religiöse Empfinden hat einen lehrhaften Trieb. Mazzah heißt: „Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher,*) und ist die Zeit der Erfüllung gekommen, dann geht die Bedrängnis rasch vorüber.“ Und Maror — al schum mah?: „Das Symbol der bitteren und schmerzreichen Prüfung en, die mit dem Heilsberufe Israels notwendig verknüpft sind. Wer die Leidenschaft der Menschen eindämmen will, muß auf Widerstand und Kampf gefaßt sein.“ Trotz dieser schönen Aufgabe, der sich die Judenheit zu widmen hat, darf es nicht unbescheiden werden; daß sie auserwählt sind von allen Völkern, sollen sie für sich behalten; jedenfalls nicht so oft behaupten. Die neujüdische Religion — als eine Emanzipationsreligion — darf auch bei dem Dankgebet für Gott niemals die sittlichen Pflichten der Gleichberechtigung vergessen. Darum muß die Auserwähltheit mit Vorsicht behandelt, Jerusalem beseitigt, das unerhört nationale Tischgebet den „Forderungen der Zeit“ angepaßt werden. Bei jedem Bissen dachten die Juden an die Heimaterde Palästinas, die Nahrung spendete. Die Fortentwicklung des religiösen Empfindens landet bei dem Danke „für die geistigen Güter, die du uns verliehen“. Aber auch die Erde fordert ihren Tribut. Ehe der vierte Becher getrunken wird, sprach die alte Haggadah den Segen für das köstliche und weite Land, das Gott unsern Vätern gegeben. „Erbarme dich Ewiger über Israel, dein Volk, über Jerusalem, deine Stadt, und über Zion, die Wohnung deiner Heiligkeit. .. und erbaue Jerusalem, die heilige Stadt, bald in unseren Tagen und führe uns in sie hinauf und erfreue uns in ihr. daß wir essen von ihrer Frucht und uns laben an ihrem Gute . . ." Die neue Haggadah dringt tiefer in den Geist des Peßachfestes. Sie preist Gott, ob „des lieblichen, gesegneten Landes, in dem wir weilen, an dessen Gedeihen und Wohlergehen wir freudig Mitarbeiten und in dessen Glanz und Ehre wir als seine Kinder uns sonnen (!).“' Dieses staats- *) Da es sich bei der Mazzah auch um Mehl handelt, ist die Beziehung nicht ohne Geschick hergestellt.

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