Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 16 (17.4.1914)
- Article
- Die nationale Jugendbewegung im Ostjudentum
- Date
- 1914-04-17
- Page
- 379 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 16 379 DJE^ELT den Zionismus zu verjüngen und seinen wahren Volkscharakter zu stärken, ihn in die Gemeindestube, in die Schule und in das jüdische Haus zu tragen, das sei die Aufgabe der Gegenwartsarbeit. Diese Stellungnahme der Z’ire-Zion zeichnet sich durch ein besonders beachtenswertes Moment aus: das Ideal der Arbeit. Neben dem Suchen nach begründenden Theorien, neben zuweilen ausgeklügelter theoretisierender Auffassung, steht bei ihnen das Bestreben, das Bewußtsein der Organisationszugehörigkeit an sich als ein sittliches Gebot hinzustellen, das Streben nach vollkommener Erkenntnis des Wertes der Arbeit. Es herrscht in ihren Reihen eine ausgesprochene Idealisierung der kleinen Arbeiten. In unserem östlichen Organisationsleben ist dieses Prinzip der Würdigung der kleinen Organisationspflichten eine vom Standpunkte des modernen Parteiwesens beachtenswerte Erscheinung. Unter normalen Bedingungen könnten solche Elemente eine fundamentale Bedeutung für die Ausgestaltung und Entwicklung des Parteiorganismus gewinnen. Besonderes Interesse verdient die Jugendbewegung innerhalb der Z’ire-Zion in den polnischen Gouvernements. In diesen kulturell rückständigen Gegenden geht seit Jahren unbemerkt ein bedeutsamer kulturhistorischer Prozeß vor sich: die Vertiefung der inneren Kluft, die Erweiterung des starken Risses zwischen Vätern und Söhnen. Zeichnete sich die Masse der chassidischen Jugend dadurch aus, daß ihr der Gedanke völlig fremd war, sich gegen die väterlich-patriarchalische Herrschaft, die obendrein vom Wunderrabbi sanktioniert und von der Tradition geheiligt war, aufzulehnen, so geht seit Jahren ein neuer Zug durch diese religiösen Jugendelemente. Von der festen Burg der chassidischen Orthodoxie mußte auch der Sturm und Drang des blutigen Jahres 1905 ohnmächtig abprallen. Die orthodoxe jüdische Jugend blieb von der Macht der Zeit völlig unberührt und stand jenen unruhigen Ereignissen gleichgültig und als unbeteilige Zuschauerin gegenüber. Der jüdischnationale Gedanke aber war es, der auch in diese entlegenen, verdunkelten Kreise Bewegung brachte. Es spielt sich ein unerbittlicher Kampf um die nationale Idee ab. Für die moderne jüdische Geschichtsschreibung ist das zwar nichts Neues. Die Kulturgeschichte des Judentums im Reußen und Litauen der sechziger und siebziger Jahre, der sogenannten „Haskalah-Epoche", dürfte gar manche solche Perioden aufzuweisen haben. Es ist dennoch ein großer Unterschied zwischen diesen beiden Zeitabschnitten. Handelte es sich bei der Haskalah-Bewegung um „lichtbedürftige“ Elemente, die nach schweren Kämpfen vom Ghetto her ganz unvermittelt in die „europäische Kultur" drangen, um zu guter Letzt als „Irrende auf dem Wege des Lebens" ziel- und ideallos nach einer Weltanschauung zu suchen, so ist der innere Kulturkampf der chassidisch-polnischen Jugend ganz anderer Natur. Es ist dies die natürliche Entwicklung zur nationalen Ganzheit. Der starke positive Glaube an das jüdische Wesen, die warme Zionsliebe und der religiöse Charakter geben der Selbstemanzipation dieser jungen Leute eine gesunde Grundlage. Weite Kreise der chassidischen Jugend sind wie von selbst begeisterte und feurige Anhänger des zionistischen Gedankens geworden, und ihr starker Einfluß auf die in den abgeschlossenen Synagogen und Lehrhäusern lernende Jugend ruft an verschiedenen „Höfen“ der Wunderrabbis manche Sorge hervor. Es muß der Geschicklichkeit und dem Taktgefühl der russischen Z’ire-Zion zugeschrieben werden, daß sie — in religiösen Dingen höchst neutral — es verstanden haben, bei der chassidischen Jugend unbeschränktes Vertrauen zu erwerben. Daher die interessante Erscheinung, daß in weiten Kreisen der polnischen Z’ire-Zion das religiös - traditionelle Judentum äußerst stark vertreten ist, das durch seinen religiösen und nationalen Ernst ein überaus sympathisches Element darstellt. Für die Entwicklung der zionistischen Gedankenwelt in Polen bedeutet das eine aussichtsreiche Zukunft. Das stärkste und vielleicht gesündeste Moment in dieser nationalen Jugendbewegung ist, daß sie nicht auf die Schaffung von unbedingt „neuen“ Werten und bahnbrechenden „allgemein-menschlichen“ Begriffen prätendiert. Sie will nur den Willen zur nationalen Tat wachrufen. Hierfür sei das historische Judentum stark und reich genug. Eine Verjüngung des jüdischen Volksgedankens kann nur auf dem Nährboden „Alt-Israels“ gedeihen, und nur auf diesem Boden hat der moderne jüdische Jugendgedanke Zukunft. Nur auf der Grundlage der positiven jüdischen Gedankenwelt wird es gelingen, den historischen Zusammenhang im Bewußtsein der Masse und der intellektuellen Jugend zu stärken. Den Begriff von Volk und Land in die weiten Massen zu tragen, einen Begriff, „dessen Wurzeln tief in der ewigen Sehnsucht der jüdischen Volksseele einerseits und in der radikalen Aenderung des geistigen und materiellen Zustandes unseres Volkes andererseits zu suchen sind“, — das ist die vornehmste Arbeit der Jugend. Die Verwirklichung dieses Willens setzt die Erkenntnis voraus, daß der geistige Zusammenhang mit dem alten jüdischen Gedanken, die logische, historisch-notwendige Fortsetzung der ganzen Volksarbeit von ausschlaggebender Bedeutung ist. In dieser Auffassung ist auch die Ursache dafür zu suchen, daß die Z’ire-Zion in den breiten jüdischen Massen Sympathie und freundliche Aufnahme finden (wobei auch eine gewisse romantische Volksstimmung mitspielt). Es lebt und webt hier ein instinktives gegenseitiges Verständnis von Jugend und Masse. Es ist daher für den Grundgedanken dieser sympathischen Bewegung und für ihre Entwicklung überaus schädlich, wenn verschiedene unstete Elemente das Bedürfnis nach separatistischen Bestrebungen empfinden, nach einer föderativen Absonderung der Bewegung. Es ist klar, daß diese Bestrebungen nur ein Zusammenschrumpfen dieser von Natur aus demokratischen Strömung herbeiführen könnten, sobald die Jugend den Gesamtboden der zionistischen Volksbewegung verließe. Es ist dies eine auffallende Verkennung des wahren Charakters des Z’ire-Zionismus, und es ist daher mit Genugtuung zu begrüßen, daß die Konferenz der Z’ire-Zion, die anläßlich des 11. Zionistenkongresses in Wien stattfand, offen erklärt hat, daß sie jeden Gedanken einer Umwandlung der Bewegung in eine Föderation entschieden ablehne und daß sie ihre Tätigkeit nur auf dem Boden des allgemein-zionistischen Gedankens und innerhalb seines Organisationslebens entfalten wolle. Es ist für den volkstümlichen Charakter dieser Bewegung bezeichnend, daß sie bis heute noch unter dem Mängel an Führern leidet. Es ist tatsächlich eine der größten Schwierigkeiten für die Pflege und Ausgestaltung dieser nationalen Jugendbewegung, daß sie bisher allzu volkstümlich, plan- und führerlos vor sich geht. Bildete das Fehlen eines festgefügten, abgeschlossenen Programmes bei den Z’ire-Zion eine enorme Störung der Gesamttätigkeit, da sie eine zeitlang nicht imstande waren, der strebsamen und suchenden Jugend eine normale Basis der Arbeit zu bieten, so konnte doch dieser Fehler im Laufe der Zeit allmählich beseitigt werden. Es ist für die Z’ire-Zion charakteristisch, daß sie nicht mit einem fertigen Programm kamen, daß sie vielmehr durch ihre Beziehungen und durch innige Fühlungnahme mit den jüdischen Massen erst nach und nach ein mehr oder weniger abgerundetes Programm festgelegt haben. Das Fehlen von leitenden Persönlichkeiten ist aber für diese