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Die Welt · 1914-04-17 · 16 (17.4.1914) · p. 378

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
16 (17.4.1914)
Article
Die nationale Jugendbewegung im Ostjudentum
Date
1914-04-17
Page
378 (sequence 2)
Language
German
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37tz Nr. 16 blE^ELT bilden. Sei der zionistische Jude zu der Erkenntnis gelangt, daß nur durch die Renaissance im Lande der Väter die persönliche und die nationale Vollendung zu erreichen sei, so müsse dieser Gedanke mit eiserner Konsequenz auch durchgeführt werden. Allerdings könne eine solche folgerichtige Handlungsweise nicht Gemeingut eines Volkes werden, dessen Lebensinteressen tief in den Bedingungen des Galuth-Lebens verstrickt sind. Dazu sei die Jugend berufen; und ihr ungeschriebenes Programm lautete: Zionismus soll jüdische Wirklichkeitwerden. Es meldeten sich aus allen Gouvernements junge Leute, die das zionistische Zukunftsideal in ihrer eigenen Person zu verwirklichen suchten. Zum großen Teil aus proletarischen und kleinbürgerlichen Bevölkerungsschichten stammend, verließen sie Stadt und Land. So erschienen eines Morgens jene idealistischen Tagelöhner und Feldarbeiter auf den Gefilden Judäas, um die Grundsteine zu legen zu jener verbreiteten und energischen Arbeitergruppe „Hapoel Hazair", deren Name in der Geschichte des neuen Jischüb eine der schönsten Seiten einnehmen wird. Es entstand in Palästina jene emsige und tatenreiche Organisation, die das Symbol der Jugend auf ihre Fahne schrieb als lebendigen Protest gegen die nationale Apathie und die verheerende Gleichgültigkeit im Lande der Knechtschaft. Um ein allgemein verbreitetes Mißverständnis zu beseitigen, sei hier gesagt, daß die in Osteuropa seit einigen Jahren verbreitete „Z'ire-Zion" (Jugend Zions)-Bewegung mit der palästinensischen Arbeiterpartei „Hapoel Hazair" nicht zu identifizieren ist. Bildeten die jungen Juden, die den Zionismus der Tat predigten und verwirklichten, eine kleine auserlesene Gruppe von Einsamen und Starken, die, das Galuth negierend, den Schwerpunkt ihres nationalen Lebens auf die Berge Zions verlegten und somit ihren Gedankenkreis in die Grenzen Palästinas einschlossen, so stellen ihre jüngeren Brüder in Rußland ein ganz anderes Element dar. Auch die Vereine der Z’ire-Zion vertreten voll und ganz die Ansicht ihrer älteren palästinensischen Freunde. Auch für sie heißt zionistisch sein: aktiv sein. Auch sie erheben unermüdlich Protest gegen die in zionistischen Kreisen immer wieder einreißende Inaktivität. Die Z'ire- Zion aber rechnen mit dem Galuth. Sie kämpfen gegen das Galuthleben, aber sie negieren es nicht. Hierin liegt der große Unterschied. Mit der palästinensischen Arbeiterpartei „Hapoel Hazair" standen die Vereine Z’ire-Zion seit jeher im engsten Kontakt. Erblickten sie zunächst in ihren Freunden in Palästina ihre Führer und Lehrer, deren Beschlüsse und Weisungen für sie programmatisch waren, so ist das Verhältnis dieser beiden Organisationen seit zwei bis drei Jahren ein mehr zurückhaltendes geworden. Nicht, daß zwischen diesen beiden Strömungen sich Gegensätze gebildet hätten. Auch nicht etwa, weil die palästinensische Jugendorganisation eine zwar überaus energische und opferfreudige, jedenfalls aber eine beschränkte und nicht sehr zahlreiche Vereinigung geblieben ist, während sich um die russische Jugendvereinigung Tausende von jungen Leuten aus allen Bevölkerungsklassen scharen. Im Gegenteil, die Palästinenser scheinen heute noch den Z’ire- Zion als eine anerkannte autoritative Macht. Nur sind die russischen Jugendkreise gewachsen, sowohl quantitativ, als auch in der Qualität. Nach und nach entstand bei ihnen, in weiten Kreisen, das Bedürfnis nach einer programmatischen Grundlegung ihrer Tätigkeit, nach einer Erweiterung ihrer Lebensanschauung. Das mußte naturgemäß zu Abweichungen von dem ausschließlich palästinisch-territorialen Programm ihrer Genossen in Palästina führen. Die Tatsache, daß die Z’ire-Zion in den ersten Jahren ganz und gar unter dem Einfluß der palästinensischen Pioniere standen, war für diese jungen Nationaljuden in Rußland von großer Tragweite. Gelangte man zur Ueberzeugung, daß einzig und allein der positiven Palästina-Arbeit die Kraft der Jugend gehöre, so folgte daraus mit logischer Notwendigkeit, daß das Programm der Gegenwartsarbeit eine bedeutende Einschränkung erfahren mußte. In weiten Kreisen der Nationaljuden in Rußland wurde ja seit jeher bittere Klage darüber geführt, daß bei dem beschränkten Maße von geistigen und materiellen Kräften, über die die jüdische Renaissancebewegung verfügt, der sogenannten Gegenwartsarbeit auf Kosten der eigentlich zionistischen Tätigkeit viel zu viel Zeit und Kraft geopfert werde. Diesen Standpunkt machten sich die Z’ire-Zion zu eigen. Diese überaus ernste Frage bildet bis heute noch den Gegenstand scharfer Kontroversen und andauernder Reibungen zwischen Jung und Alt. Dabei ist es nicht zu bestreiten, daß diese jugendlichen Elemente bei ihrem überaus ehrlichen und wohlgemeinten Auftreten oft von übertriebenem, überflüssigem Eifer geleitet werden. Bei besonnener, sachlicher Auffassung der Dinge, selbst vom Standpunkte des jugendlichen Strebens aus, könnten gar manche unliebsame Reibungen erspart bleiben, die schwere Störungen für die normale Entwicklung unseres Organisationslebens zur Folge hatten. Solange die Z'ire-Zion-Kreise keinen ausreichenden Boden gefunden hatten, um ein ausgeprägtes Programm aufzubauen, suchten und fanden sie in der palästinensischen Arbeiterorganisation „Hapoel Hazair" ihren stärksten Stützpunkt. Für den Ausbau dieser judäischen Organisation wurden alle ihre Kräfte mobil gemacht, und es ist keine Uebertreibung, wenn behauptet wird, daß die Entwicklung und die Ausgestaltung des „Hapoel Hazair", seiner Organisation, seiner Presse und seiner Weltanschauung eben auf die unermüdliche Tätigkeit der befreundeten russischen Gesinnungsgenossen zurückzuführen ist. Seit dem X. Kongreß trat jedoch ein Umschwung in der Gedankenwelt dieser Jugend ein. Die junge Bewegung hatte in weiten Bevölkerungsschichten Fuß gefaßt. Es entstand allgemein das Bedürfnis nach einer Erweiterung des Programms, nach einer Ausdehnung des nationalen Tätigkeitsgebietes für die junge jüdische Generation. Nicht nur Palästina, sondern das ganze jüdische Volk soll nationalisiert, soll „zionisiert" werden. Soll dieses Ziel erreicht werden, so wäre es einseitig und unrichtig, die gesamte Volkskraft und Energie unter Vernachlässigung des Diaspora-Judentums einzig und allein auf Zion zu richten. Es drang die Ansicht durch, daß der Gegenwart, der Diaspora, besondere Aufmerksamkeit zugewendet werden müsse, wenn die Arbeit für die Zukunft gesichert werden solle. So entstand eine starke Neigung zur Revision der radikalen Ablehnung jeder Gegenwartsarbeit. Für weite Kreise der Z’ire-Zion wurde die Frage der Gegenwartsarbeit von aktueller Bedeutung. Bildete die Gegenwartsarbeit für die sogenannten „Alten" eine von außen her kommende Aufgabe, um eine Besserung der sozialen und rechtlichen Verhältnisse der jüdischen Volksmassen auf legalem Wege herbeizuführen, so betrachten die Z’ire-Zion die Gegenwartsarbeit als eine von innen heraus entstehende Notwendigkeit, als das Erziehungswerk für die Zukunft. Die Mission der Gegenwartsarbeit sei der Kampf gegen die Wirkungen des Galuthlebens. Denn den Gefahren des Galuthlebens sei auch der Zionismus ausgesetzt. In weiten jugendlichen Kreisen wird jetzt schon bittere Klage darüber geführt, daß der Zionismus seinen ursprünglichen, von Herzl proklamierten Volkscharakter nach und nach einbüße. Es bestehe die Gefahr, daß der Zionismus in eine Parteibewegung innerhalb des jüdischen Volks sich verwandle. Dies zu verhindern,

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