Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 16 (17.4.1914)
- Article
- Die nationale Jugendbewegung im Ostjudentum
- Date
- 1914-04-17
- Page
- 380 (sequence 4)
- Language
- German
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380 DlESfeELT^ -.- Nr. 16 Bewegung ein Mangel viel ernsterer Natur. Scharen sich doch um den Z’ire-Zionismus selbst nach oberflächlicher Annahme Tausende von jüdischen jungen Leuten. Hier stellen sich die schädlichen Folgen einer allzu demokratitisehen Tendenz ein, die noch heute in manchen Kreisen der Z’ire-Zion ihre überzeugten Adepten hat. Von ihrer Entstehung an ließ diese Bewegung nicht verkennen, daß sie um der vermeintlich rascheren Annäherung an die Masse willen möglichst wenig akademisch gebildete Elemente in ihren Reihen sehen möchte. Dadurch sollte der volkstümliche und demokratische Charakter der Bewegung besonders gewahrt bleiben. Wer aber die grundlegende Bedeutung der akademischen Jugend für die Renaissance-Bewegung innerhalb des Ostjudentums bloß in den letzten zwei Jahrzehnten auch nur oberflächlich kennt, wird einsehen, wie verhängnisvoll eine solche Tendenz für die normale Entwicklung einer nationalen Jugendströmung werden konnte. Zweifellos haben wir es aber hier mit einer gesunden und natürlichen Volksbewegung zu tun, die allerernsteste Beachtung verdient und der in Unserem Organisationsleben noch eine große Zukunft bestimmt zu sein scheint. DIE REFORM UND DIE HAGGADAH Von Theodor Zlocisti, Berlin I. Worte haben ihre Schicksale. In jenen so ganz vergessenen Tagen, da noch der Geist der Künstler und schöpferischer Weisen die Zeit bestimmte und so den Völkern wie dem Einzelnen die Richtung des Sinnes und der Tat gab, verdichtete sich Hegels Werk in die sittliche Forderung der Einheit von Leben und Lehre. Er folgte dem Geiste auf seinem Wege durch die Menschheitsgeschichte. Mochte der Geist sich in Antithesen teilen, in sich wieder vereinigt stieg er auf eine höhere Stufe der Entwicklung. Und aller Dualismus blieb ein Truggebilde im verengten Gesichtskreis. Dem groben Leben, das in verkennendem Größenwahn sein Treiben, seine Not und selbst seinen Segen wesentlich nahm, richtete Hegels Idealismus auf ragender Höhe den Altar der ewigen Werte. Zu seiner heiligen Flamme, die kein Verlöschen kennt, müsse das Leben emporwallen, daß es also die Einheit mit der Lehre fände. Wiederfände. Die jüdische Reform, die den Fluch, unter welchem sie geboren ward, immer auf sich schleppen muß — den Fluch „zeitgemäß" zu sein —, riß den Eckstein aus dem Bau der Hegelschen Weltanschauung heraus — die Einheit von Leben und Lehre — und machte ihn zur Fußbank der Bequemlichkeit. Sie sah das jüdische Leben um sich. Es war müde des Martyriums. Verzweifelnd an eigener Zukunft überwand es diese Not in dem Verlangen in die Zukunft der anderen Völker einzugehen. Alten Brauch und Sitte empfand es als Fessel. Sabbath und Feste türmten sich wie Barrikaden auf. Und draußen war eitel Lust und Freiheit. Die Gnade der Auserwähltheit fühlte es nicht. Und die zweitausendjährige nationale Sehnsucht materialisierte sich in die Sehnsucht nach dem Schinkenbröte. Aber e i n Ideal, das den Alten als nicht mehr denn ein äußerer Notbehelf des Lebens gelten könnte, riß alle in der Gleichgültigkeit und Ermattung freigewordenen jüdischen Energieen an sich und saugte sich voll mit der für das Gebet nicht mehr verwendbaren Andacht, mit von messianischen Zielen gelöster Hoffnungsseligkeit, mit der Leidenschaft der Unterdrückten, mit dem Temperament der Rasse: die bürgerliche Gleichberechtigung. Die Emanzipation der Juden wurde — die jüdische Religion. Nur sie war das einigende Band der Juden; und nur der konnte es mit der Taufe zerreißen, der an den Lehrgehalt dieser jüdischen Religion nicht glaubte: an die völlige Emanzipation der Juden. So stellte sich die Aufgabe vor die jüdischen Reformer. Selber zu schlaff, zu müde, zu resigniert und ohne das Vertrauen auf eine Zukunft der Würde und der Freiheit, konnte sich ihr Wille nicht spannen, das schlaffe, müde, resignierte und zukunftsbare jüdische Leben aus seinen Niederungen emporzuführen zu der lichten Höhe der Lehre. Sie wählten das leichtere Werk, die ihrer Starrheit stolze Lehre zu entleeren, also daß sie hinabsinkend mit dem hohlen und verratlüsternen Leben eine Einheit bilden könnte. Der Duldermut, der einst wirklich war, wurde symbolisiert; der persönliche Messias, dem das Gebet Tag um Tag entgegenbebte, dem Sitte und Sittlichkeit die Wege seines Nahens zu ebnen strebten, löste sicii in den Nebel einer geduldigen Mission auf, die ganz passiv keine Ahnung mehr ließ von der Verpflichtung. Das Beth haknesseth, das Haus der Versammlung, wurde zum Tempel und ein Sanktissimum, das kein Fuß mehr zu betreten wagte. Die jüdische Religion, die des Einzelnen materielles und ideales Sein trug und es in den Zeiten mit dem Volkstum vereinte, die jüdische Religion, die einfach die Kultur der Juden, die jüdische Kultur war, mußte es dulden, daß sie ihres Kulturinhaltes beraubt wurde — die Juden nahmen jetzt ihre Gesittung von den Um Völkern —, daß aber ihr Glaubensgehalt kompensatorisch zur „Weltreligion" aufgeblasen wurde. Eine geschichtsbildende Kraft liegt nicht im Schrifttum der Reformer. Ihre Gedanken flatterten wie ein tiefes Gewölk hinter dem banalen jüdischen Leben und seinen ^Repräsentanten" her. Sie waren nicht die Wolke am Tage und nicht in den Nächten die Feuersäule, die dem wandermüden Volke in der Wüste vorangingen. II. Den neuen Geschlechtern, denen das Beten nicht mehr ein Bedürfen der Seele war, konnte der Inhalt der alten Gebete gleichgültig sein. Oder weniger noch: dogmatisch anstößig. Die jüdische Religion war ein „Baum des Lebens". Neue Triebe sproßten in die bewegten Lüfte. Bunte Knospen sprangen im Gezweige auf. Aber sie reiften nicht zu Glaubensartikeln aus. Die neue Religion der Gleichberechtigung beugte sich tief unter den lastenden Distelfrüchten des Dogmas. Nicht weil die Juden kein Hebräisch mehr verstanden, sondern weil den „Andern“ diese Sprache fremd und ihre Worte daher verdächtig waren, übersetzten die frühen Reformer das alte Gebetbuch ins Deutsche. Den Inhalt freilich konnten sie nicht „übersetzen", weil die Emanzipationsreligion noch Keine neue Ideologie geschaffen hatte. Sie entwickelte sich erst, als in der Folge die Angriffe gegen die jüdischen Auchbürger das Gebiet der Blödheiten Pfefferkorns und Eisenmengers verließen. Jetzt hieß es: die Juden sind eine Nation; sie halten sich für das auserwählte Volk; sie erwarten ihres Messias Ankunft; sie erhoffen den Wiederaufbau Jerusalems und die Sammlung ihres Volkes von den „vier Enden der Erde". Die Judenfeinde wiesen der neuen jüdischen Dogmatik den Weg. Unfähig das jüdische Leben zu reformieren, die sozialen Schichtungen umzulagem und die jüdische Nationalität, die nur durch Taufe und Mischehe zu zerstören ist, gedanklich aufzulösen, flüchteten sich die Reformer — wie alle Juden in der Not — zum alten Gebetbuche und — strichen, verbogen und verlogen, bis daß es allen sagen konnte: euren Einwendungen gegen die Emanzipation der Juden fehlt jede Grundlage. Die neuen Gebetbücher waren nicht für Betende gedacht und gemacht. Alle Bemühungen, eine neue Glaubensinnigkeit