Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 16 (17.4.1914)
- Article
- Die nationale Jugendbewegung im Ostjudentum
- Date
- 1914-04-17
- Page
- 377 (sequence 1)
- Language
- German
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BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG Nr. 16 BERLIN, 17. April 1914 13mW> n"önn 'X p’3 XVIII. JAHRG. Die nationale Jugendbewegung im Ostjudentum Von Dr. 8. Bernstein Die Jahre 1905—1906 bedeuten eine schwere Krisis für die Entwicklung und Ausgestaltung der jüdisch-nationalen Gedankenwelt in Rußland. Es waren dies die Zeiten der schlimmsten politischen Reaktion. Die Epoche des politischen „Frühlings“ mit den hoffnungsvollen Freiheitsträumen der unglücklichen Revolution gehörte bereits in den Bereich der Vergangenheit. Es kam jene schwere Zeit der gesellschaftlichen Apathie, der allgemeinen Ermüdung, der verzweifelten Stockung des geistigen Lebens und Strebens. Gleich vielen unterdrückten Nationalitäten im Osten standen auch die Juden am frischen Grabe verlorener Hoffnungen. Man konnte nicht mit völlig gebrochenem Mute nach neuen Wegen und neuen Befreiungsgedanken suchen. Hie und da machte man noch den verzweifelten Versuch, sich an philosophische oder mystisch-religiöse Kulturprobleme zu klammern. Es war aber schwer, die geistig und materiell ruinierte jüdische Gesellschaft zu neuem Aufschwung zu bringen. Entmutigende Ratlosigkeit und abtötende Gleichgültigkeit beherrschte die führenden Kreise. Es trat jene innere Reaktion ein, deren schwere Schäden dem jüdischen Volkskörper heute noch fühlbar sind. Es ist begreiflich, daß auch in den Reihen der jüdisch-nationalen Gesellschaftskreise jene verheerende Apathie tiefe Spuren hinterließ. Es darf wohl mit Recht gesagt werden, daß in der Geschichte des russischen Zionismus jene erst vor kurzem verflossenen Jahre die traurigsten gewesen sind. Es schien, als sollte das mühsam errungene politisch-nationale Volkswerk an diesem „toten Punkt“ völlig in Trümmer gehen. Ein erschreckender Rückgang der zionistischen Werbetätigkeit, ein völliger Stillstand der politischkulturellen Palästinaarbeit und beinahe der völlige Untergang der hebräischen Kultur- und Literatur-Werke. Der gesamten Zukunftsarbeit für Volk und Zion schien eine gefährliche Stunde geschlagen zu haben. Und es zeugt von der Größe und Naturnotwendigkeit des zionistischen Volksgedankens, von der historisch-natürlichen Zusammengehörigkeit von Volk und Land, daß gerade in den schweren Tagen des Verfalls der nationalen Ideenwelt ein Helfer in der Not kam. Es kam die jüdisch-nationale Jugend, jene idealistischen Elemente, von denen in der zionistischen Oeffentlichkeit wenig gesprochen wurde, denen man aber eine überaus ernste Rolle innerhalb unserer Bewegung nicht wird versagen können. Sie kamen nicht plötzlich. Es waren keine Neulinge im Leben unserer Organisation; alle standen sie bereits — mit wenigen Ausnahmen — in Reih und Glied. Zwar bildeten sie seit längerer oder kürzerer Zeit ihre Jugendvereine und Sondergruppen, doch gingen sie Hand in Hand mit den „Alten“, deren Führung sie voll und ganz anerkannten. Nur der physische, der Altersunterschied bildete den gesellschaftlichen Kontrast zwischen Jung und Alt innerhalb der Organisation. Aber die Jungen wurden unzufrieden, als sie merkten, daß die ,,Alten“ im gegebenen Moment ihrer Führerrolle nicht gerecht wurden, und sie gingen ihre eigenen Wege, als sie sahen, daß ein Zeitpunkt gekommen war, der an sie besondere Forderungen stellte: vor allem die Forderung einer energischen Fortsetzung der zionistischen Arbeit. Es war dies das erstemal, daß sich innerhalb der jüdisch-nationalen Gedankenwelt zwischen Jung und Alt auch ein schroffer geistiger Gegensatz auftat. Die Ereignisse jener Tage boten uns ein überaus lehrreiches Schauspiel: auf der einen Seite ein beunruhigender Stillstand der national-schöpferischen Tätigkeit: inaktive, müde gewordene, allerdings zionistisch bewährte Männer, durch Enttäuschungen und Vernichtungsschläge in ihrer Umgebung entmutigt. Auf der anderen Seite geschlossene Reihen junger Nationaljuden, ein weiter Kreis treuer, einander aufmunternder junger Leute, die unbekümmert um die Verfallserscheinungen ihres Milieus zur Arbeit und Tat riefen. Ohne jedes Programm, ohne jegliche Führung — aus sich selbst heraus kamen jene jugendlichen Elemente, um die nationale Arbeit mutig wieder aufzunehmen. Es ist eine irrige Annahme, die hin und wieder verbreitet wird, daß nur die Enttäuschung über die „fremden Götter“ und die Verzweiflung jene Jugend zurück zum Zionismus trieb. Es waren in überwiegender Mehrheit zionistisch erzogene Elemente, die gerade in jener Zeit der Entmutigung den geeigneten Moment erblickten, die gedrückte Atmosphäre der jüdischen Gedankenwelt durch ein neues Losungswort freier zu machen: Zionismus der Tat. So trat die führerlose Jugend in die Arena der Oeffentlichkeit. Still und geräuschlos ging sie an die Tat. Ein erneuernder Grundgedanke vereinigte die jungen Nationaljuden in Rußland und Polen. Der Zionismus sollte nicht nur eine Weltanschauung des Juden sein; er sollte mit dem persönlichen Leben des zionistischen Individuums in Einklang und in vollste Harmonie gebracht werden. Der zionistische Gedanke sollte den persönlichsten Besitz im täglichen Leben seiner Bekenner