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Die Welt · 1914-04-03 · 14 (3.4.1914) · p. 342

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
14 (3.4.1914)
Article
Politischer Zionismus
Date
1914-04-03
Page
342 (sequence 4)
Language
German
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342 Nr. 14 DIE^EELT ihren Schweiß und ihr Blut dafür gegeben haben. Die beste Antwort gegen die Kritiken, welche die sofortige Tätigkeit des N.-F. beanstanden, sei das stetige Anwachsen desselben. Die besten Zinsen in London könnten den N.-F. nicht so populär machen, wie die Nachrichten, daß in Palästina ein Stück Land nach dem anderen gekauft und bepflanzt werde. Wenn wir bei dem Programm der ersten Epoche stehen geblieben wären, so hätten wir anstelle einer Bewegung ein Wart e n. Und dieses Warten auf eine fast automatische Erfüllung sei gleich dem Messiasglauben, aber ein Messiasglaube ohne Religion und ohne Romantik; sein Urgrund sei nicht der Glaube an die Zukunft, sondern die Verzweiflung! Unser Programm verlange heute, daß alle Institute in Palästina arbeiten, daß jeder Zionist sich bereits jetzt als Bürger des zukünftigen jüdischen Gemeinwesens fühle. Das Gefühl der Annäherung an das Land gebe uns die Kraft, die wir zur Arbeit brauchen. Man könne ruhig von den Verlusten sprechen, die einzelne unserer Institute in Palästina schon erlitten haben. Und selbst, wenn auch für die Zukunft Gefahren bestehen sollten, müßten wir doch auf dem gleichen Weg fortfahren, denn „es gibt für uns keinen anderen Weg". Habe man etwa geglaubt, daß derZionismus ohneGefahr e n verwirklicht werden könne? Wer diese scheue, müsseeben Zurückbleiben. Völker werden nicht mit Banken befreit sondern mit Opfern. Der materielle Verlust falle gar nicht in die Wagschale gegen den ideellen Gewinn. Der Redner streift dann mit kurzen Worten den Sprachenkampf und konstatiert, daß bei der allgemeinen Erhebung, die das Judentum der ganzen Welt ergriffen habe, Paris allein zurückgeblieben sei. Man sei hier gegen die Fehde mit anderen Körperschaften gewesen. Diese seien aber unvermeidlich. Je weiter der Zionismus, der eine Revolution im Judentum bedeute, vorwärtskomme, je stärkere Wellen er schlage, desto heftiger sei auch die Feindschaft, die er im anderen Lager erwecke. Wo keine Feinde vorhanden sind wie in Paris, beweist das eben nur, daß wir schwach, eine quantite negligeable sind. Wir haben die Alternative: entweder allen, die mit schlechter Kunde zurückkehren und warnen, zum Trotz hinzugehen und zu bauen oder hierzubleiben und zu verschwinden. Die Rede Dr. Levins Dr. L e v i n vergleicht das Leben eines Volkes mit dem des Einzelmenschen. Es gäbe da keine Sprünge, sondern Entwicklung, und wir müssen uns gewöhnen, die Nation als lebenden Organismus anzusehen. So bilden für den Beobachter von heute sowohl, wie für den späteren Geschichtsschreiber die 60 000 Juden des Jischub in Palästina eine ganz andere „Persönlichkeit", wie die Millionen in Rußland oder Amerika. Hier seien wir die Zuletztgekommenen, als die Formen schon gegossen waren, dort die ersten, die der Kultur ihren Stempel aufdrücken. -Hier können wir nur Duplikate sein, dort Original. Um in dem Gewirr von Fragen uns zurechtzufinden, müssen wir der Volksstimme folgen. Das Volk reagiert auf die Probleme anders als die Einzelmenschen. Unser Mißgeschick habe es gewollt, daß wir überall eine Ansammlung von Individuen sind und daß man immer das Urteil einzelner in jüdischen Sachen anhört. Unter anderen Beispielen führt der Redner die aktuell gewordene Sprachenfrage an. Das offizielle Judentum, aus Individualitäten bestehend, und nach ihm die ganze Welt haben sowohl die Nation wie die Sprache für tot erklärt und klassiert. Aber das Volk fühlt anders. In Rußland geben unsere „armen östlichen Brüder" jährlich 35 Millionen für ihre Chedarim aus. Wenn es bloß der Religion wegen wäre, würden 2 bis 4 Semester genügen, aber die Eltern lassen ihre Kinder 10 bis 16 Semester in der Schule, um sie mit dem Leben ihres Volkes und dessen Sprache verwachsen zu lassen. So müssen wir den neuen Jischub als neue Epoche in unserer Geschichte ansehen, als Antithese zur Assimilation, als den Kampf um unsere Befreiung vom Fremden. Nur in Palästina, in Berührung mit unserem väterlichen Boden, können wir diesen Kampf führen. Dr. Levin geht dann im einzelnen auf die tiefen Ursachen des Sprachenkampfes ein, den nicht wir gewollt haben und der vielmehr dem Jischub aufgezwungen worden sei. Wie die Assimilation, so müsse auch der Chalukahgeist üübenvunden werden. Denn die Chalukah bedeute Abhängigkeit, der Jischub aber wolle frei sein, er wolle keine Almosen nehmen. Was wir heute verlangen, seien Steuern. Das sei die Bedeutung des „Krieges“, in dem von 53 Lehrern 41 für ihr Ideal ihre Stelle verließen, ohne zu wissen, ob der morgige Tag ihnen noch Birot bringen werde. Sie haben bewiesen, daß der Geist sich nicht unterordnen lasse. Der Kampf sei wegen unserer wertvollsten Güter geführt worden, denn die Schulen seien unsere Zukunft. In unserer Sprache sei unsere Kraft; sie erst mache uns aus dem Volk, das alles bis auf die Tränen aufgegeben hat, zu einer ganzen Nation. Der Kampf sei nicht gegen den oder jenen gerichtet, sondern für unsere Sprache. Die Leitung hat den Kampf geführt, nicht aus Angst um ihre Popularität, sondern weil die Sache Palästinas unsere Sache ist, weil wir uns mit dem neuen Jischub vollständig identifizieren. Die Schwierigkeit sei nicht, das Land für die Juden zu bekommen, sondern die Juden für das Land. Dazu genüge nicht das theoretische Verlangen, sondern die werktätige Arbeit in Palästina. Unser Palästina habe nun gekämpft und gesiegt. Ein Schaden sei nicht erwachsen; gerade in Deutschland haben wir die Jugend für uns. — Der Moment sei groß wie kein anderer. Auch politisch sei er der bedeutungsvollste seit dem Auftreten Herzls. Wir schaffen, auf daß in Palästina ein „Brennpunkt“ entstehe für das jüdische Leben und die hebräische Sprache; und da haben die letzten 33 Jahre mehr gebracht als die 400 Jahre vorher. Der langanhaltende Beifallssturm, welcher der Rede Dr. Levins folgte, bewies, daß die friedliche Gewinnung des Landes und des Volkes auch in Paris viele Freunde hat und daß auch die hiesigen Zionisten das siegreiche Fortschreiten unserer Arbeit und der hebräischen Sprache in Palästina mit Stolz und Freude begrüßen. Nachwort der Redaktion: Wir haben den Inhalt der Rede von Herrn Dr. Nordau ausführlicher wiedergegeben, als die anderen Reden, die in diesen Versammlungen gehalten wurden, weil Herr Dr. Nordau hier rückhaltlos erklärt hat, was er der heutigen Leitung der Bewegung zum Vorwurf macht, und was im Gegensatz zu ihrer Auffassung vom Zionismus das Programm der politischen Zionisten ist. Wir freuen uns, daß hier von dem berufensten Vertreter des politischen Zionismus dessen Programm zum erstenmal klar und deutlich entwickelt worden ist, und betrachten es als unsere Pflicht, auf die programmatisch-theoretischen Ausführungen Dr. Nordaus demnächst eingehend zu erwidern. Heute wollen wir nur einiges Tatsächliche berühren, daß einer sofortigen Erwiderung bedarf. Dr. Nordau bezweifelt, daß es der zionistischen Organisation gelingen wird, die finanziellen Mittel aufzubringen, deren sie zur Unterhaltung ihres hebräischen Schulwerks in Palästina bedarf. Es ist das gute Recht eines jeden Zionisten, die Leistungsfähigkeit der zionistischen Organisation, die Opferwilligkeit ihrer Anhänger hoch oder niedrig einzuschätzen. Wir müssen aber entschieden Verwahrung dagegen einlegen, daß die in der „Welt“ für den Zentralfonds angewiesenen Summen irgendwie angezweifelt werden, und wir wundern uns, daß die falsche, vielleicht böswillig verbreitete Behauptung, nur ein Teil der in der „Welt" ausgewiesenen Beträge sei wirklich eingezahlt, eine Behauptung, die wir ganz entschieden zurückweisen, von einem Mann wie Dr. Nordau ohne weiteres und ohne vorherige Anfrage beim Action s- Comite nachgesprochen wird. Wir haben in diesen Ausweisen niemals über „Zeichnungen“ quittiert; wo wir — außerhalb der Ausweise! — Zeichnungen erwähnt haben, geschah es immer mit nicht mißzuverstehendem Hinweis darauf, daß es sich um noch nicht eingezahlte Beträge handelt. Dr. Nordau befindet sich übrigens im Irrtum, wenn er sagt, der Zentralfonds sei geschaffen worden, um Defizite zu decken. Der Zentralfonds wurde vielmehr aus dem Bedürfnis heraus geschaffen, in erster Linie für die politische, dann auch die kulturelle Arbeit des A. C. die notwendigen Miit e 1 zur Verfügung zu haben. In der Organisation hat man diese Bedeutung des Zentralfonds wohl begriffen; das beweisen die Zahlen von 56 003 M. für 1912, 92 000 M. für 1913 und von etwa SS 000 M., die — von den Spezial-Spenden für das Schulwerk abgesehen — schon heute für dieses Jahr eingegangen sind. Wenn Dr. Nordau unseren Kampf mit dem Hilfsverein bedauert, weil seine Folge gewesen sei, daß viele deutsche Juden, die mit unserer Idee zu sympathisieren begonnen hatten, sich jetzt von uns zurückziehen und sich feindlich von uns abwenden, so beurteilt er die Verhältnisse in Deutschland nicht richtig, wo der offene Kampf gegen den Zionismus schon vor dem Sprachenkonflikt mit großer Schärfe geführt wurde. Außerdem soll man doch nicht vergessen, daß w i r bereit waren, auf jedes vernünftige Kompromiß einzugehen und daß die Gegenseite jedes Zugeständnis ablehnte. Der Vorwurf, die Leitung habe in diesem ganzen Kampfe nicht die Führung in Händen gehabt, sondern sei, um populär zu bleiben, dem Vorgehen Palästinas gefolgt, steht und fällt mit der Gesamtauffassung vom Wesen dieses Kampfes überhaupt. Wer wie wir der Meinung ist, daß dieser Kampf um die hebräische Unterrichtssprache, der Kampf tun die natio-

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