Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 14 (3.4.1914)
- Article
- Politischer Zionismus
- Date
- 1914-04-03
- Page
- 341 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 14 341 PIE^ELT beide Teile unzufrieden gemacht, die einen, denen er nicht genug gab, die anderen, weil er ihrem Prinzip untreu wurde. Das große politische Programm sei aufgegeben worden für einen sogenannten „praktischen Zionismus“, der im Grunde ein Embryo des Kultur-Zionismus sei; dieser aber sei nichts anderes als eine „Philosophie Kraftloser", ein „Eunuchen- Zionismus". Die ganze Bewegung sei von ihrer Höhe herabgesunken. Ein Beispiel aus der letzten Zeit. Seit einem Jahre führe man eine heftige Kampagne für eine Hebräische Universität. Man habe in den schwärzesten Farben die Verhältnisse im Osten geschildert, um die unbedingte sofortige Notwendigkeit zu beweisen, und vor der ganzen Welt sei der Beschluß akklamiert worden, die Hochschule zu begründen; und jetzt hören wir, es würde keine Universität sein, sondern „wissenschaftliche Institute". Das beweise, daß man keinen großen Plan, kein großes Ziel besitze; das sei der schlimmste Vorwurf, den man -den Nachfolgern Herzls machen könne, die, wenn sie dem Führer auch nicht gleichkommen konnten, doch hätten Versuchen sollen, ihn zu erreichen. Er schließt: „Man pflegt in den offiziellen Blättern uns politische Zionisten als zurückgebliebene aus einer vergangenen Epoche zu bezeichnen, als ein Ueberbleibsel einer abgestorbenen Periode. Wir sind stolz auf diese Ausschließung. Wir sind das letzte Karree des politischen Zionismus, denen ihre Person weniger gilt als die Idee, der sie dienen. Wir verteidigen die Idee des reinen, vollständigen Zionismus, wir tragen seine Fahne bis zu den besseren Zeiten, wo Einsicht und Selbstvertrauen in die zionistischen Reihen zurückkehren werden." Diskussion In der Diskussion sprach zuerst der Vizepräsident der französischen Föderation, Herr Dr. Jacobsohn. Als Kenner der palästinensischen Verhältnisse erklärte er, daß das dort Bestehende keinen Wert besitze, nicht einmal als Anfang eines größeren Werkes. Das System der „Infiltration" habe Schiffbruch erlitten. Unsere Gegenwartsaufgabe sei: 1. Die Gewinnung des okzidentalen Judentums, das wegen seiner ökonomischen und politischen Kraft für uns die größte Bedeutung hat (Paul Nathans gute Beziehungen zum Zionismus seien für ihn wichtiger als 100000 Schekelzahler und zehn- bis fünfzehntausend Juden in Rußland), 2. die Ansammlung von Mitteln, um bereit zu sein, günstige Gelegenheiten, die sich wiederholt geboten hätten, auszunützen, 3. die Ausbreitung der zionistischen Idee. Dr. Braunstein erklärte, daß er selbst politischer Zionist sei, mit den Herren Dr. Nordau und Dr. Marmorek aber nicht Zusammengehen könne, denn ihre Politik sei eine schlechte Politik. Die Leitung tue, was sie könne, und man sei ihr Dank dafür schuldig. Er begreife nicht, was denn bei den politischen Zionisten, die die Auffassung der Redner des Abends teilten, von Politik übrig geblieben sei, nachdem man dem Charter entsagt habe. Man sei mit dem Kampf gegen den Hilfsverein sehr unzufrieden. Glaube man denn aber wirklich, daß man die Masse der deutschen Juden zum Zionismus bekehrt hätte, wenn die letzten Ereignisse nicht eingetreten wären? Die Politischen hatten ja selbst seinerzeit einen nicht weniger heftigen Kampf gegen die Alliance Israelite Universelle geführt, als sie ihn für nötig erachteten. Das gleiche hat die Leitung jetzt getan. Dr. Nordau ist mit der kulturellen Arbeit des Zionismus in Palästina sehr unzufrieden, aber er werde doch wohl nicht leugnen, daß die Renaissance des Judentums eines der Ziele des Zionismus ist, und zu dieser Renaissance führen am ehesten die nationalen Schulen. Dr. Nordau fürchtet, daß es der Organisation an Geldmitteln fehlen wird. In dieser Hinsicht sei er aber von jeher ein großer Pessimist gewesen. Uns habe die Bewegung zugunsten der hebräischen Sprache gezeigt, daß das Volk lebt und bereit ist, für die Verteidigung seiner Interessen auch die schwersten materiellen Opfer zu bringen. Die wichtigste Aufgabe, die es für uns gebe, sei, ein möglichst starkes Zentrum in Palästina zu schaffen. Wenn wir in Palästina etwas erreichen wollen, so müssen wir innerhalb des Landes sein und nicht draußen. Frau Dr. Marmorek weist darauf hin, daß derpolitische Zionismus allseits Kampf zu bestehen habe: 1. gegen die Palästinenser, die, gewohnt an die Judenheit zu appellieren, auf sofortige Arbeitsunterstützung drängen, 2. gegen die O s t j u d e n, die für unmittelbare Tätigkeit sind, 3. gegen die großen Westjuden, die sich uns zwar genähert haben, aber nur in dem Maße, als wir zum praktischen Zionismus gegangen sind, die in Wirklichkeit der integralen, radikalen und ganzen Idee des politischen Zionismus stets feindselig geblieben sind. Diesen Gegnern könne nur ein sehr starker politischer Zionismus wider- Herr Ruchomowsky, ebenfalls ein politischer Zionist, erklärt, diesmal mit den Reden der Herren Dr. Nordau und Dr. Marmorek nicht einverstanden zu sein. Auch er fände, daß die Leitung Fehler begeht. Im Kampfe um die hebräische Sprache aber hätten sich alle Zionisten vereinigen müssen, und die Leitung habe diesmal in würdiger Weise die Ehre des jüdischen Volkes verteidigt. Es sei der schönste Moment in der Bewegung gewesen. Herr Harari fragt, was das von den Rednern des Abends entwickelte Programm des politischen Zionismus dem Betätigungsbedürfnis des einzelnen übrig lasse. Alles, was Dr. Nordau gewünscht habe, geschähe ja, aber wir Zionisten wollen für unsere Person noch etwas mehr. Prof. Viktor Basch, der als letzter sprach, protestierte dagegen, daß den Diskussionsrednern nur wenige Minuten für ihre Reden zur Verfügung ständen. Das sei weder demokratisch noch logisch. Er verlangte eine öffentliche Versammlung, in der ein jeder sich frei aussprechen könne. (Dr. Marmorek ruft: Zu einer solchen Versammlung werde ich nicht kommen.) Er sähe überhaupt keinen großen Unterschied zwischen praktischem und politischem Zionismus. Der Unterschied bestehe nur in Worten, nicht aber in den Taten. Die Versammlung dauerte bis 2 Uhr nachts. Beschlüsse wurden nicht gefaßt. Eine zweite Versammlung fand am 28. März im Saale Lancry statt. Die Mitglieder des Actions-Comites Dr. L e v i n und Prof. W e i z m a n n referierten über den Sprachenkampf und die Grundlagen der Tätigkeit des jetzigen Actions-Comites. Obwohl die Einladungen sehr spät verschickt worden waren, waren zahlreiche Zionisten und Nichtzionisten, im ganzen mehr als 600 Personen, erschienen, um die in weitesten Kreisen beliebten Redner zu hören. Ein Beifallssturm erhob sich bereits, als diese die Tribüne betraten. Die Herren Dr. Nordau und Dr. Marmorek wohnten der Versammlung nicht bei. Ohne auf die in der vorigen Versammlung erhobenen Vorwürfe im einzelnen einzugehen, bemühten sich die Redner, in großen Zügen die Geschichte der Bewegung und deren tieferen historischen Hintergrund zu entwickeln. Prof. Weizmann gab in einfacher Weise einen Abriß der zionistischen Tätigkeit von Herzl an, gipfelnd in der Konklusion, daß der Weg, den wir gehen, vielleicht mit Gefahren verbunden, aber jedenfalls der einzig mögliche ist, wenn wir vorwärts schreiten und nicht auf dem Standpunkt von vor 17 Jahren erstarren wollen. In einer groß angelegten Rede führte dann Dr. Schmarja Levin in die Gründe des jüdischen Volkslebens ein, dessen wichtigsten Abschnitt wir vor unseren Augen noch abrollen sehen. Er forderte, daß ein Zionist alle Fragen vom Standpunkt eines „palästinensischen Patrioten" aus betrachten und sich mit dem Befreiungskampf des Landes gegen das Galuth und seine Gefolgschaft identifizieren solle. Die Versammlung wurde vom Vizepräsidenten der Föderation, Dr. Jacobsohn, eröffnet, der in Abwesenheit des Präsidenten Dr. Marmorek die Mitglieder des Actions-Comites aufs herzlichste begrüßt. Er erinnert daran, daß, wenn auch heute Paris kein großes zionistisches Zentrum sei, doch der Zionismus, wie alle großen Ideen, gerade von hier seinen Ursprung genommen habe. Er stellte die Redner als die berufenen Wortführer des A. C. vor und erklärte, daß die Meinungsverschiedenheiten, die gerade hier in Paris ihren stärksten Ausdruck fänden, sich nur auf die Methoden beziehen, das End- Ausdruck fänden, sich nur auf die Methoden beziehen, das Endziel aoer auen gemeinsam sei, uno-aau aie Aroenen aes a. auch von den hiesigen Zionisten mit^denbesterK Wünschen begleitet werden. \ Die Rede Prof. Weizmanns Prof. Weizmann stellten du GesdlicTlTedes Zionismus die erste Epoche, die er die mechanisch-technische nennt, der jetzigen, historischen, gegenüber. In Herzls Zeit operierte man mit einer kleinen Anzahl Faktoren wie Land, Volk usw., deren Zusammenwirken im Lauf der Zeit fast von selbst die Lösung des Zionismus herbeibrächte. Und so lebte man von einem Kongreß zum anderen in der Hoffnung, daß der Sultan den Juden Palästina überlassen werde, bis schließlich Herzl erklären mußte, daß er vor einer eisernen Wand angelangt sei. Und während man nun nach anderen Mitteln suchte, die teilweise noch auf der anfänglichen formalen Anschauung beruhten, begann die Einkehr, und alle, auch die, die auf dem Umweg der Assimilation zu uns gekommen waren, fingen an, einzusehen, daß die Bewegung nicht so einfach sei. Es wäre nämlich schwerer gewesen, das Land zu besiedeln und zu halten, als es zu bekommen. Und so kam das jetzige Stadium, welches unseren Arbeiten nicht nur ein Endziel, sondern auch einen Inhalt gibt. Dr. Weizmann erkennt die Verdienste der ersten Epoche an, welche uns die materiellen Grundlagen, wie die Organisation, den Kongreß, die Bank, den N.-F. usw. gegeben hat. Wenn man jetzt von Sicherung dieser Mittel gegenüber der Leitung spreche, so solle man wissen, daß die eisernen Kassen in England für uns nicht so viel Garantie bieten, wie die Anlagen in Palästina, die uns verteidigt werden von denen, die