Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 14 (3.4.1914)
- Article
- Politischer Zionismus
- Date
- 1914-04-03
- Page
- 340 (sequence 2)
- Language
- German
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340 Nr. 14 DIEXXELT Kolonisten, die wir bestenfalls im Laufe der Jahre auf 30000 bis 40 000 bringen können. Während wir hier in der Diaspora für ihre Schulen arbeiten, droht unseren Kolonien, wenn unser Werk sich auf diese Arbeit beschränken soll, die palästinensische Assimilation. Dieselbe ist noch jämmerlicher, als die in der Diaspora, weil sie eine Assimilation nach unten ist. Es ist unmöglich, daß 30000 oder 40 000 Juden, selbst mit hebräischen Schulen, sich aufrechterhalten unter 600 000—800 000 Arabern. Unsere 30 000—40 000 Nationaljuden (in Wirklichkeit sind es heute kaum 10000, denn auf Jerusalem und die anderen Städte können wir nicht rechnen) können nicht existieren, wenn sich der große Zug einstellt, sie werden zu arabischen Juden werden. Sie werden Sprache und Sitten derer annehmen, mit denen sie alltäglich zu tun haben. Und wie können wir das verhindern? Indem wir die Fahne des Zionismus stolz und hoch halten, indem wir die Grundidee des Zionismus verbreiten und arbeiten in der Hoffnung auf eine nationale Wiedergeburt. Was das A. C. seit vier bis fünf Jahren tut, liegt keineswegs in dieser Richtung. Anstatt nur ein großes Ziel zu verfolgen, wird von einem Kongreß zum anderen eine neue Parole ausgegeben, auf Grund deren man einen Eifer entfaltet, den Enthusiasmus weckt, um die Leistung zu vollbringen, die man sich bis zum nächsten Kongreß zum Ziel gesteckt hat. Auf dem Hamburger Kongreß war die Parole: die Siedlungsgesellschaft. Die Begeisterung war ungeheuer. Nach dem Referat Oppenheimers wurde im Handumdrehen ein Betrag von 100 000 Frcs., der als nötig angegeben war, gespendet — auf dem Papier. Nachher wurden allerdings nur 25 000 Frcs. eingezahlt. Man unternahm dann eine eifrige Propagandaarbeit, man arbeitete und arbeitete, um die nötige Summe zusammenzubringen. Zwei Jahre hindurch war man so an der Arbeit und verkündete große Erfolge, als man zuerst 80000, dann 100 000 und schließlich 125 000 Frcs. gesammelt hatte. Man gab das Geld aus, wie es sich gehört, und wir hören zuerst, daß die Genossenschaft funktioniert, und dann — hören wir nichts mehr. Die offiziellen Berichte sind still geworden. Was wir sonst hören, ist wenig ermutigend. Das Unternehmen ist gescheitert. Man erwidert uns: „Ja man mußte es unternehmen; wenn es gelungen wäre, hätte es die Grundlage geliefert für eine Kolonisation auf großem Fuße." Wir haben keinen Erfolg gehabt, hatten aber die Illusion, zu arbeiten. Unsere Opfer sind ohne Resultat. Ein zweiter Fall. Auf dem Baseler Kongreß wurde die Parole der Agrarbank ausgegeben. Verständige Leute haben abgeraten und darauf aufmerksam gemacht, daß bei der gegenwärtigen türkischen Gesetzgebung, die keine Hypotheken kenne und außerdem den Grunderwerb für Ausländer fast unterbinde, eine Agrarbank ein Unding sei, da für die Obligationen, mit denen sie arbeiten soll, kein Pfand zu haben sei. Die Ratschläge wurden verschmäht. Man hat gearbeitet und gearbeitet, Reden gehalten, auch wirklich einige Beträgegesammelt — auf dem Papiere. Man erlangte schließlich etwas wie ein Versprechen einer Konzession, das man für eine Konzession passieren ließ. Heute kommt man und erklärt, daß die türkische Bodengesetzgebung die Ausgabe von Pfandbriefen einfach unmöglich macht und das Projekt beiseite gelegt werden muß. Dieser Mangel an Aufrichtigkeit, dem wir auf allen Gebieten begegnen, ist die schlimmste Erscheinung unter der jetzigen Leitung. Jetzt arbeiten wir aufs neue, wir sammeln Geld für die Schulen in Palästina; wie wir für die Genossenschaft gearbeitet und für die Agrarbank gearbeitet, so werden wir für die Schulen arbeiten. Möglich, daß wir die nötigen Beträge aufbringen. Man wird sich beglückwünschen wie früher, aber ist das Zionismus? Man verschwendet Eifer, Kräfte, Begeisterung, schließlich auch das Geld ohne Resultate für unser Endziel. Wir werden schließlich eine Enttäuschung erleben, die viele an dem großen Ideal verzweifeln lassen wird. „Aber, wirft man uns ein, das ist alles negative Kritik; wo ist Euer positives Programm?“ Nun wir haben auch eine praktische Arbeit! Arbeiten wir in Palästina nicht für einzelne Personen oder Gruppen, sondern für das Volk Israel. Die Vorbereitungsarbeit besteht darin, die politischen und ökonomischen Möglichkeiten genau zu kennen. Wir müssen theoretisch und praktisch forschen und dahin gelangen, alle Bedingungen und Möglichkeiten festzustellen. Diese Aufgabe ist schon groß und vielseitig genug, sie wird viel Geld verschlingen, aber es ist dies eine verfechtbare Ausgabe. Wenn wir die ökonomischen Möglichkeiten feststellen, diejenigen, die ins Land. gehen wollen, aufklären und beraten können, ihnen den Weg zeigen und ihre Aufgabe erleichtern können, dann haben wir uns um Israel verdient gemacht. Unsere Aufgabe ist es andererseits, die politischen Ereignisse zu verfolgen; der Rhythmus der Ereignisse, der immer schneller und schneller wird, sollte uns mahnen, uns vorzubereiten auf alle Eventualitäten. Herzls Idee in dieser Hinsicht ist noch nicht übertroffen worden. Sein Instrument war eine Bank mit politischem Ziel. Unsere Bank besitzt aber nur 61/2 Millionen; dieses Kapital ist zu schwach; seit 12 Jahren bleibt sie auf ihrer Position. Und dann, ist dieses Geld auch immer flüssig? Das andere politische Mittel, das HerzI befürwortete, war der Charter. Von dem kann heute keine Rede sein. Man hat in den letzten Jahren Gelegenheit gehabt, die Ohnmacht Europas zu konstatieren. Man kann nach diesen Lavierungen und Ränken als sicher annehmen, daß die Mächte niemals sich zu einem Akte zugunsten der Juden einigen werden, der von ihnen etwas wie selbstlosen Idealismus verlangt. Der Gedanke war berechtigt zu seiner Zeit, wäre aber heute von Herzl selbst nicht mehr aufrecht gehalten, weil Herzl ihn in dem Moment aufgegeben hätte, wo er ihm unpraktisch erschien: er war ihm eben nur ein Mittel. Die Bank sollte nach Herzls Intentionen ein Kapital von 50 Millionen Francs haben. Gehen wir daran, zu werben, um das Kapital zu diesem Betrage zu vervollständigen, der von Herzl niemals als Maximum angesehen wurde. Wenn wir wirklich arbeiten wollen, so sei es nicht, um Schulen oder Genossenschaften zuunterhalten, sondern zur Vervollständigung des Bankkapital s. Wir haben also schon zwei praktische Objekte für die Gegenwartsarbeit. Das dritte ist die Organisation des jüdischen Volkes außerhalb Palästinas zum Zweck der nationalen Wiedergeburt. Diese soll nicht nach mehreren Jahrhunderten eintreffen, wie das System der Infiltration und offiziellen Kolonisation sie versprechen kann; wir erwarten die Verwirklichung in viel kürzerer Zeit, etwa innerhalb einer oder zweier Generationen. Das ist unser Endziel, unsere Methode im Zionismus. Jedenfalls, unser Zionismus verschwendet nicht unsere Kräfte und Mittel für Zwecke, die konkret sind und die man verstehen kann, die aber alles verschlingen, ohne je etwas zu geben. Wir fürchten den Moment des Erwachens, wo das Volk, das gegeben hat, das gehofft hat, zur Einsicht gelangt, daß nichts gehalten worden ist; es wird sich von uns wenden und der Assimilation in die Arme werfen. Solange der Rausch dauert, sehen wir nur Jubel und Triumph. Nach dem Rausche kommt aber der — Kater, der für uns schlimme Folgen haben kann. Wenn wir mit der jetzigen Leitung unzufrieden sind, so ist dies, weil sich die Bewegung nicht auf dem Wege hält, der zum Ziele führt, weil wir den Weg der Chowewe Zion gehen. Wir wollen den integralen Herzischen Zionismus; solange wir nicht den ursprünglichen Weg wiedergefunden, sehen wir die Arbeit als verloren und ziellos an. Die Rede Dr. Marmoreks Dr. Marmorek wiederholte die Kritiken des Vorredners, wobei er mehr auf Einzelheiten einging. Er müsse dieselben ernsten Schlußfolgerungen ziehen wie sein Freund Dr. Nordau; der Zionismus sei an einem Wendepunkt seiner Entwicklung angelangt. Er vergleicht das Verfahren der Leitung mit dem jenes Chirurgen, der seinen Kollegen lauter „vorzüglich gelungene Operationen" präsentiert, ohne ihnen einige Wochen später mitzuteilen, daß der Patient gestorben ist. Er verwahrt sich dagegen, gegen Personen zu kämpfen; sein Kampf gilt den Prinzipien, die den Zionismus zugrunde richten. Wir haben da den Streit mit dem Hilfsverein, einen Bruderkampf unter Juden, den gerade wir Zionisten meiden sollten. Wir haben den Kampf geführt, weil einige von uns nicht die paar Jahre warten wollten, bis der Hilfsverein ganz zu uns kommen mußte, nachdem er bereits mehrere Schritte auf dem Wege zu uns getan. Die Fehde sei nicht von den Führern nach reiflicher Ueberlegung begonnen worden, sondern die Leitung sei gefolgt, weil sie für ihre Popularität fürchtete. Es sei nicht unsere Sache, die Angelegenheiten in Palästina führen zu wollen. Zunächst schon, weil wir den materiellen Befähigungsnachweis noch nicht geliefert haben. Fast alle unsere Unternehmungen seien nämlich gescheitert. Die „Welt" suche freilich immer einen günstigen Eindruck hervorzurufen; man schaffe so eine Atmosphäre von UnWahrhaftigkeit. Besonders versagt hätte die Leitung auch gegenüber der politischen Arbeit, die, wenn irgendeine, durch kompetente Männer ausgeführt werden müsse. Man betont in allen Reden deren Notwendigkeit, tue aber in Wirklichkeit gar nichts. Wir begegnen hier demselben Mangel an Aufrichtigkeit, den wir der neuen Leitung so oft vorwerfen müssen. Wo 1 ff - sohn habe den großen Fehler begangen, zu glauben, man könne anfangs Konzessionen machen. Er habe damit nur