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Die Welt · 1914-04-03 · 14 (3.4.1914) · p. 339

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
14 (3.4.1914)
Article
Politischer Zionismus
Date
1914-04-03
Page
339 (sequence 1)
Language
German
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Politischer Zionismus (Von unserem Pariser Berichterstatter) b.— Die Französische Zionisten f Öderation hatte am Mittwoch, den 19. März in dem „Globe“-Saal zu Paris eine Versammlung mit dem Tnema „Die aktuelle Lage des Zionismus“ einberufen. Etwa 100 Personen, unter denen alle Schattierungen des Zionismus vertreten waren, hatten der Einladung Folge geleistet. Als Redner figurierten die Herren Dr. Nord au und Dr. Marmorek. Dr. Nord a u übte an der Hand der Ereignisse der letzten Jahre und namentlich der letzten Monate eine scharfe Kritik an der vom A. C. eingeschlagenen Richtung, welche die von Herz! vorgezeichneten Bahnen verlassen habe. Die Rede Dr. Nordaus Dr. Nordau führte etwa folgendes aus*): Zur Zeit Herzls lebte die Bewegung von Hoff nung e n. Unter seinem direkten Nachfolger Wolftsohn war der .vioment des Wartens gekommen, man begnügte sich, die Scnöpfungen der ersten Zeit auf ihrer Höhe zu halten und die Kräfte vor Zersplitterung zu bewahren. Heute ist alles anders geworden. Es handelt sich nicht mehr um bloße Hoffnungen — an deren Stelle sind Realisationen getreten; die Zeit des Wartens ist vorbei, wir sind in einer Epoche fortwährender schöpferischer Tätigkeit. Wie weit sind wir nun aber tatsächlich gekommen? Wir stehen eben am Ende einer mit großem Lärm geführten Kampagne, die reich an heftigen Zwischenfällen war, in der die Leidenschaften bis aufs äußerste stiegen. Die „Welt“' verkündet ihren Lesern einen vollständigen Sieg des A. C. Die Bulletins des Gegners lauten anders. Was sehen wir in Wirklichkeit? Vor drei oder vier Monaten noch unterhielt der Deutsche Hilfsverein diverse Schulen in Palästina, für die er jährlich 200 000 bis 250 000 Frs. aufwendet. Infolge des Beschlusses, den wir alle für im höchsten Grade bedauerlich erklären, die hebräische Sprache aus dem neu zu gründenden Technikum zu Haifa sozusagen auszuschließen, alle wichtigen Fächer in einer fremden Sprache zu unterrichten, hat eine Anzahl Lehrer an den Schulen des Hilfsvereins revoltiert; sie verließen ihre Stellen und gründeten neue Schulen gegen die des Hilfsvereins; es gelang ihnen, etwa ein Drittel der Schüler nach sich zu ziehen, wenigstens nach der Statistik des A. C.; der Hilfsverein bestreitet diese Statistik und erklärt, die von den dissidentischen Lehrern gegründeten Schulen seien leer von Schülern. Aber nehmen wir selbst die Zahlen des A. C. für richtig, so sehen wir, daß die Schulen, die ein Drittel der Schülerzahl besitzen, genau soviel kosten werden, wie die des Hilfsvereins mit dreimal stärkerem Besuch, d. h. 200 000—250 000 Francs. Wer soll das bezahlen? Die Lehrer in Palästina sind nicht verlegen mit der Antwort. Sie sagen: „Ihr Zionisten werdet zählen.“ Wir müssen uns wundem über eine solche Sprache. In Berlin wundert man sich aber nicht. Man redet nach, was die Palästinenser vorsagen, man verspricht Beiträge, eröffnet eine heftige Kampagne in der Presse, setzt in allen Ländern eine Agitation ins Werk, um die Gelder zusammenzubringen. Nach den wöchentlichen Ausweisen der „Welt“ haben die Sammlungen bereits 250 000 Frs. ergeben. Diese Summe erscheint mir fabelhaft. Manche behaupten, nur ein Teil dieser Beträge sei wirklich einbezahlt, der Rest stehe nur auf dem Papier und sei vorerst nur gezeichnet. Man führt andererseits an, daß ein Teil dieser Beträge nicht nur einmal gespendet wäre, sondern für fünf, ja zehn Jahre hinaus gezeichnet worden sei. Auf jeden Fall, die Last jedes Jahr eine Viertelmillion aufzubringen, erscheint mir zu drückend. Wo sollen wir das hernehmen? In jenem Jahre, in welchem die Organisation die größten Ausgaben hatte, belief sich das Budget auf 120000—130 000 M. und schloß mit einem Defizit ab, welches außerordentliche Maßnahmen, wie die Gründung des. Zentralfonds, nötig machte. Jetzt verlangt man von dieser Organisation, die mit Mühe jene 130000 M. aufbringen konnte, diese doppelt so hohe Last noch dazu zu nehmen; unser Budget hat sich so verdreifacht. Angesichts dieses beängstigenden Anwachsens unserer Kosten fragen wir, wo unsere Führer den Mut hernehmen, sich eine Last aufzubürden, die zu unseren bisherigen Einnahmen in solchem Mißverhältnisse steht. Durch den leidenschaftlichen Kampf gegen den Hilfsverein hat man die große Zahl der jüdisch fühlenden, wenn auch nicht zionistischen, so doch im Grunde gut jüdisch gebliebenen Volksgenossen in einem Lande gegen uns erregt, das für die ganze Judenheit von großer Bedeutung ist. Wir *) Eine wortgetreue Wiedergabe der Rede von Herrn Dr. Nordau konnten wir zu unserm Bedauern nicht erhalten und müssen uns daher auf eine möglichst ausführliche Inhaltsangabe beschränken. (Die Red.) haben gut die Form tadeln, welche der Hilfsverein seinem Kampf gegen den Zionismus gegeben, wir haben gut den Akt der Leiter der großen Organisationen mißbilligen* welche diesen Kampf auf ein außernalb des Judentums liegendes Terrain getragen, es bleibt nicht weniger die lätsacne bestehen, daß alle Juden von dieser Frage nicht durch die jüdischen Zeitungen, die sie zum großen Teile nicht lesen, sondern durch die allgemeine Presse unterrichtet wurden, daß man den deutschen Juden und dem nichtjüdischen, allgemeinen Publikum, das großenteils antisemitisch gesinnt ist, die Unbedachtsamkeit, die Kühnheiten und die Willkürakte der palästinensischen Juden, namentlich die angeblich antideutschen Tendenzen des Zionismus denunziert hat. Die Folge davon war, daß viele deutsche Juden, die begannen, mit unserer Idee zu sympathisieren, unseren Idealismus zu achten, sich uns zu nähern und unserer Organisation beizutreten, sich jetzt zurückziehen und sich feindlich von uns abwenden. Man scheint in Berlin die Ironie des Wortes nicht zu kennen: „Ich bin der Führer, da muß ich wohl oder übel folgen.“ Man räsonniert genau ebenso. „Wir, die die Leitung haben, wir sehen, daß unsere Freunde in Palästina den Kampr begonnen haben, und wir sollen ruhig Zusehen! Wir mußten doch wohl an die Spitze treten.“ Ich nabe da eine andere Auffassung von der Rolle eines Führers. Ein Führer, anstatt beizustimmen, hatte die Pflicht gehabt, dem Bruderkampf Einhalt zu gebieten, auf die Gefahr hin, an Popularität einzubüßen. Natürlich, es war bequemer, dem Strome zu folgen und populär zu bleiben. Der Ernst der Situation ist um so größer, als die Angelegenheit prinzipielle Bedeutung annimmt. Diese Unternehmungen lenken den Zionismus mehr und mehr von seinem eigentlichen Ziel ab. Wir, die wir im Herzischen Zionismus verharren, die am Baseler Programm festhalten, stecken dem Zionismus das hohe Ziel, das jüdische Volk zu erlösen oder wenigstens den Teil, der sich nach Geulah sehnt. Das Baseler Programm figuriert wohl noch auf dem Umschläge unserer offiziellen Blätter. Wenn ich aber sehe, wie die Organisation als hauptsächliche, ja ausschließliche Aufgabe für die nächsten fünf oder zehn Jahre die Einrichtung, den Ausbau und Unterhalt des Schulwerks erklärt, da muß ich sagen, daß diese Bewegung aufhört, Zionismus zu sein, in dem Sinne, den die Gründer diesem Worte beilegten. Das hat nichts zu tun mit dem Baseler Programm, ln dieser Weise betätigen sich die Chowewe Zion, gewiß Bestrebungen edler Natur, denen wir alle Sympathie und Achtung zollen, die sehr schöne Leistungen zu verzeichnen haben; aber niemals haben die Chowewe Zion den Anspruch erhoben, die Geulah herbeizuführen, die zerstreuten Juden in ihr Land zurückzugeleiten. Das Endziel des Zionismus ist gleichfalls Palästina, aber nicht für eine oder zwei kleine Kolonien; wir wollen arbeiten für die Gesamtheit des Volkes. Daher kann auch Palästina der Gegenstand sofortiger Anstrengungen nur insoweit sein, als dadurch das allgemeine Werk gefördert wird. Wir arbeiten nicht, um ein paar Kolonien zu gründen oder ein kleines Synhedrion zu schaffen; das kann man ebensogut außerhalb* Palästinas haben, das bringt uns unserem Endziel nicht näher. Die praktischen Zionisten oder die sich so nennen, sagen, wir müssen in Palästina arbeiten! Die „politischen“ antworten, sehr richtig, wir müssen dort arbeiten, aber für Israel, und nicht für das Land. Wenn ich nicht die Hoffnung hätte, eines Tages in Palästina ein neues jüdisches Volksleben zu sehen, so hätte ich für das Land nur ein archäologisches Interesse; Palästina ist für mich nur deshalb eine lebendige Realität, die mich persönlich angeht, weil es das Land der Zukunft des jüdischen Volkes ist. Wäre dem nicht so, so besäße Palästina für mich wenig mehr Wert als Athen, kaum soviel als Latium. Was wir heute für Palästina tun, ist das Werk von Chibath Zion wie das Odessaer Komitee. Man verkleinert die Bewegung. Man hat als Resultate, daß die Juden des Auslandes, die selbst nicht hingehen können, sich sagen, wir haben dort hebräische Schulen, in denen die Kinder frei und unbehelligt als Juden aufwachsen, in denen die Sprache unserer Väter gepflegt wird. Aber was bedeutet dies für mich, für mein persönliches zionistisches Bedürfnis? Liegt darin meine Hoffnung? Mit etwas Sophismus bringt man gewiß eine Antwort zuwege. Man erwidert: „Und Ihr, was tut Ihr? Habt Ihr das Land geöffnet? Habt Ihr den Grundstein zur Volksrenaissance gelegt? Wir pflanzen wenigstens die Keime, die sich entwickeln und organisch wachsen werden!“ Dies alles sind aber nur Worte! Die Keime, die uns eine Viertelmillion kosten, brauchen Jahrhunderte, um sich zu einer kräftigen Pflanze zu entwickeln, die Früchte trägt, hinreichend um das jüdische Volk zu nähren. Zu solchen Experimenten haben wir keine Zeit. Eine andere Gefahr droht uns, viel schlimmer und folgereicher bei diesem Systeme. Wir haben heute etwa SOOö—10 000

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