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Die Welt · 1914-04-03 · 14 (3.4.1914) · p. 326

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
14 (3.4.1914)
Article
Hebräisch und jiddisch
Date
1914-04-03
Page
326 (sequence 2)
Language
German
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326 D1EX&ELT Nr. 14 Wollens, das die unterirdischen, in den Schachten der Jahrtausende geborgenen Kräfte in aktive Energie umsetzt. Es ist dies eine Bejahung, die zugleich eine Frage bedeutet, die Frage nach Ziel und Steigerung unseres jüdischen Lebens. Der Jiddischist — das Wort kann auch als Gattungsbegriff gelten: auch in der Politik gibt es ,Jiddischisten" — geht von der „Wirklichkeit" aus, es ist dies aber jene Wirklichkeit des grauen Alltags, deren Horizont nicht über „vier Ellen" hinausreicht. Der Jiddischist ist ein Tatsachenanbeter, er hat einen Heidenrespekt vor dem Ephemerem einer elenden Empirie, er empfindet seine Schwäche als unüberschreitbare Norm und erhebt das Gestern und Heute zum ewigen Gesetz. Dieser Wirklichkeit aber wollen wir eine höhere und tiefere und daher wirklichere Wirklichkeit entgegenstellen, jene Wirklichkeit der höchsten Spannung unseres Wesens und unserer Aktivität, die unsere Erlösung werden soll; jene Wirklichkeit eines inneren Gebots, „dem standzuhalten wir alle Kraft der Auflehnung und des Opfers aus unseren Seelen holen und hingeben müssen." Das ist der Sinn dieses Kampfes, und deshalb ist die Friedfertigkeit Bergmanns schlecht angebracht. Die „maßlosen Uebertreibungen der Jiddischisten", auf die Bergmann selbst und die Redaktion der „Welt" hinweisen, sind keine zufälligen Erscheinungen, über die wir uns gutmütig überlegen hinwegsetzen könnten. Sie sind vielmehr im Wesen dieser ganzen Richtung tief begründet. Gerade die „übertreibenden" Jiddischisten sind folgerichtig und daher entscheidend. Unsere Jiddischisten sind im Grunde genommen vom gleichen Teig geknetet wie die Assimilanten. Die Argumente, die sie auf der Petersburger Konferenz der Bildungsgesellschaft gegen das Hebräische ins Feld führten, glichen denen der nunmehr auf dem Aussterbeetat stehenden russifizierenden Assimilanten wie ein Tropfen Wasser dem andern. Diese wie jene wollen es „bequem" haben, sich den Verhältnissen und praktischen Bedürfnissen anpassen. Nur daß für die Russifikatoren diese „praktischen Bedürfnisse" mit dem bürgerlichen und kulturellen Anschluß an die Russen zusammenfallen, während unsere Jiddischisten an der Kultur und den Interessen der „Demokratie" in ihrem Verstände orientiert sind. Hingegen stimmen sie darin überein, daß Hebräisch und Bibel für das jüdische Arbeiterkind Luxusgegenstände sind, die es im Kampf ums Dasein nicht einen Schritt vorwärts brinnen können. So offenbarte sich der folgerichtige und offenherzige Jiddischismus auf der Petersburger Konferenz. Daß aber ein Teil der Jiddischisten sich nicht folgerichtig und offenherzig genug zeigte, vermag an unserer Stellung zu diesen Anpassungspriestern und Tatsachenanbetern nichts zu ändern. Der blinde Haß gegen Zionismus und Hebräisch, den diese Leute in letzter Zeit so fleißig an den Tag legen (man lese ihre Preßorgane: „Die jüdische Welt", „Das Leben" und „Freistatt"), ist nicht bloß auf mangelhafte Erziehung und ungestüme Impulsivität anmaßender junger Leute zurückzuführen. Er hat seine tieferen Gründe. Er ist der natürliche Ausdruck jener Abneigung, die die Halben immer gegen die Ganzen empfinden. Wer seelisch genügsam ist und sein Gewissen zu bescheiden weiß, wird immer den Sehnsuchtsvollen und Glühenden als Ruhestörer empfinden. Wohlan denn! Sie sollen uns gerüstet finden. Ist der Jiddischismus so weit, daß er das Schaffen an der jüdischen Kultur „leicht" machen möchte; will er das „Am-Haarazuth" förmlich sanktionieren und Hebräisch für entbehrlich erklären — so können und dürfen wir mit ihm keinen Frieden halten. III. Dies will aber durchaus nicht sagen, daß „wir uns durch Uebertreibungen unserer Gegner zu einer falschen Stellungnahme drängen lassen". Bergmann begeht den Fehler, daß er den nationalen Wert des Jiddischen überschätzt, und dieser Fehler verleitet ihn dazu, einer förmlichen Zurücksetzung des Hebräischen das Wort zu reden. Wenn Bergmann für die rein jiddische Volksschule eintritt und die Gründung hebräischer Schulen nur dort zulassen möchte, wo das Volk nicht jiddisch spricht, wo wir also, wie er sich ausdrückt, „nichts zu verlieren haben", — so bedeutet dies tatsächlich nationale Abstinenz predigen. Die Forderung Bergmanns liefe auf eine bewußte Zurücksetzung des Hebräischen zugunsten des Jiddischen hinaus, die jeder Jude, für den die Geschichte jüdischer Kultur nicht gerade mit Eisik Meir Dick beginnt, als einen Akt nationaler Selbstentmannung empfinden müßte. In diesen Fehler konnte Bergmann nur deshalb verfallen, weil er, in Ueberschätzung des nationalen und nationalisierenden Wertes des Jiddischen, das sichere und gleichsam handgreifliche Jiddisch als hinreichenden Schadenersatz für das problematische Hebräisch anzusehen geneigt ist. Dies ist aber ein doppelter Irrtum. Weder ist Jiddisch ohne weiteres als sicheres und gesichertes nationales Gut anzusprechen, noch darf uns Hebräisch irgendwie als etwas Problematisches gelten, das man im Notfälle gegen ein „wirklicheres" Gut vertauschen könnte. Die nationale Sanktion des Jiddischen ist schon mit Rücksicht auf den Jiddischismus unzulässig. Die oben gekennzeichneten psychologischen Grundlagen des Jiddischismus lassen es mehr als bedenklich erscheinen, ob das Judentum der Erneuerung, das Judentum des umbildenden, umwandelnden Einheitswillens überhaupt noch Waffengemeinschaft halten kann mit jenem Gebilde lässig hinnehmender Anpassung, das sich nun gar als echteste Urschöpfung geberdet und sich die Herrschaft anmaßt. Bei der aller menschlichen Gemeinschaft eigentümlichen Neigung, mit der Zeit Mittel in Zwecke zu verwandeln, liefen wir Gefahr, daß die Sanktion des Jiddischen in der Praxis einer Sanktion des Jiddischismus gleichkommen würde. Unter den gegebenen Umständen würde die Gründung jiddischer Volksschulen eine Stärkung nicht allein des Jiddischen, sondern auch des Jiddischismus, und zwar in seiner extremen, erneuerungsfeindlichen Richtung bedeuten. Der von Bergmann aus Mißverständnis gerühmte Beschluß der russisch-jüdischen Bildungsgesellschaft, von der Regierung die Gründung jiddischer Schulen zu verlangen, hat es nicht auf praktische Forderungen abgesehen — wir sind hierzulande noch unendlich weit davon entfernt, daß unsere Forderungen irgendwie beachtet werden —, sondern er hatte die Bedeutung einer nationalen Deklaration nach innen und außen, die für das geschichtliche Protokoll berechnet war. Dieser Beschluß bedeutete die prinzipielle Proklamierung des Jiddischen als der nationalen Sprache der Juden (und deshalb sollen auch die bucharischen Juden, die kaukasischen Bergjuden und die alteingesessenen Juden der Krim, die kein Sterbenswörtchen Jiddisch verstehen, jiddische Schulen bekommen: der Wert der „nationalen" Sprache hängt ja nicht davon ab, ob sie zugleich Umgangssprache des Volkes ist). Jede Schule aber, die jetzt nach diesem Programm gegründet werden soll, würde eine materielle und moralische Stärkung jener Aspirationen bedeuten. Da sei also Gott vor, daß wir mitmachen. IV. Was soll aber aus den positiven Schätzen werden, die das Jiddische mit sich führt und deren es noch mehrere hervorbringen könnte? Sollen die schönen Aktivposten, die wir so gut gebrauchen könnten, einfach ignoriert und vernachlässigt werden? Verdankt nicht der Ostjude, wie Bergmann versichert, die Selbstverständlichkeit seines Jüdischseins der jiddischen Sprache?

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