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Die Welt · 1914-04-03 · 14 (3.4.1914) · p. 327

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
14 (3.4.1914)
Article
Hebräisch und jiddisch
Date
1914-04-03
Page
327 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 14 blESSELT 327 Ich könnte darauf erwidern, daß im Kriege gar mancher blühende Baum schonungslos niedergehauen wird, daß auch wir vor die harte Not eines Krieges gestellt sind. Allein, so stehen die Dinge nicht. An „die Aufgabe des Jiddischen zugunsten einer nichtjüdischen Sprache“ denken wir gewiß nicht. Es fällt auch niemand ein, der Entwicklung der jiddischen Sprache und Literatur irgendwie in den Weg zu treten. Und wenn wir auch nicht in das begeisterte „Hallelujah“ einstimmen, das verzückte „Alljuden“ in die erstaunte Welt hinausschreien, so wissen wir doch alles zu würdigen, was die Kultur unserer Massen irgendwie zu fördern und zu mehren geeignet erscheint. Dies soll uns aber nicht hindern, in der wichtigsten Frage unseres Lebens, in der Frage der nationalen Erziehung, unsere eigenen Wege zu gehen. Uebrigens ist es eine arge Uebertreibung, die „Selbstverständlichkeit des Jüdischseins“ unserer Massen ausschließlich auf Rechnung der jiddischen Sprache zu setzen oder sogar dem Jiddischen große zukunftsschaffende Potenzen zuzuschreiben. Jiddisch ist lange nicht der große reale Machtfaktor, wie man im Westen, wo man unsere Verhältnisse allzu leicht zu idealisieren geneigt ist — in der „Freistatt“ wird mit großem Ueberschwang vom „gewaltigen, riesenhaften, urzeitlichen Organismus“ des Ostjudentums deklamiert — gewöhnlich annimmt. Ich habe bereits bei einer anderen Gelegenheit („Haolam“, Nr. 45, 1913) darauf hingewiesen, wie unglaublich leicht unser Mittelstand und zum Teil auch unsere Volksmassen das Jiddische aufgeben. Wo die wirtschaftlichen Verhältnisse nur einigermaßen Aehnlichkeit haben mit denen der Westjuden, wird auch hierzulande das Jiddische im Laufe eines Menschenalters durch die Landessprache unwiderruflich verdrängt. Speziell in den größeren Städten Südrußlands hat der Niedergang des Jiddischen erschreckende Dimensionen angenommen. Die junge Generation der Intelligenzler- und Mittelstandsschicht ist der Volkssprache völlig entfremdet. Und die Massen ahmen auch hierin, nach gut jüdischer Sitte, der „Intelligenz“ nach. Es macht gewiß keine Freude, so etwas konstatieren zu müssen, allein mit Selbsttäuschung ist uns nicht gedient. Und das Traurigste dabei ist, daß die Aufgabe der jiddischen Sprache, im Gegensatz zum Verfall der altjüdischen Strenggläubigkeit, ohne allen Kampf geschieht. Das Verhältnis unseres Volkes zum Jiddischen enträt nicht bloß jener urwüchsigen Verbundenheit, jenes instinktmäßigen Verwachsenseins, wie sie zwischen der Nation und der nationalen Sprache üblich ist, sondern es will uns bisweilen sogar scheinen, daß hier j e d e s intime Verhältnis fehlt. Auf diese Erscheinung hat übrigens bereits Achad - Haam in seinem „Riw leschonoth“ hingewiesen. In den Erziehungssorgen des jüdischen Vaters, den traditionell vornehmsten aller jüdischen Sorgen, hat die jiddische Sprache gar keinen Raum. Bei dem rapiden Niedergang des Jiddischen als Umgangssprache wird es also keine Uebertreibung sein zu behaupten, daß das Jiddische an vielen Orten auf dem besten Wege ist, seinen Vorzug gegen das Hebräische — den des Gesprochenwerdens — einzubüßen, ohne jedoch die ideelle, nationale und religiöse Anziehungskraft des Hebräischen jemals gewinnen zu können. Die Zeit ist nicht mehr fern, wo sich die jiddische Volksschule nicht im Kaukasus und in der Bucharei allein gegen das Leben als „nationales Gebot“ wird legitimieren müssen. Wenn es aber gilt, gegen das Leben zu gehen, so kann das nur im Namen und auf Befehl eines tieferen und wirklicheren Lebens geschehen, — auf Befehl jener großen Sehnsucht nach innerer Einheit und Echtheit, deren Name Zionismus und Hebraismus ist. Nicht das Gebilde willenloser Anpassung, das Jiddische, wird das große Wollen zeugen, das das Netz der Bedingtheiten zerreißen soll, sondern die schöpferischen Potenzen des Volkes, jene in den Schachten der Jahrtausende schlummernden Kräfte, die Bildner und Gebilde unserer Ursprache, der hebräischen, sind. Leicht wird das uns allerdings nicht werden. Wir erstreben die hebräische Volksschule auch nicht der- Leichtigkeit wegen. Auch nicht, weil „wir nichts zu verlieren haben“, sondern weil wir alles zu gewinnen haben. Der Zionismus ist keine Bewegung nach der Linie des geringeren Widerstandes. „Auf daß ein Baum stark werde, muß er harte Wurzeln in festem Boden schlagen.“ 7lur bei rechtzeitiger Erneuerung des Abonnements werden unliebsame Störungen in der Zustellung des Blattes vermieden. Wir möchten daher unsere geehrten Leser, deren Abonnement am 31. Tftärj 1914 abgelaufen ist, dringend bitten, die Erneuerung unverzüglich vorzunehmen. 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